Familie erwerben . Die Königin schenkte in solchen seltenen Fällen ein silbernes Kreuz und eine Bibel . Und weil die Rätin Heidling Dortes Hoffnungen teilte , ja , weil im Grunde diese öffentliche Anerkennung der Herrin ebensoviel Ehre brachte , als der Dienerin , darum behielt sie sie geduldig im Haus , obwohl Dorte sich durchaus nicht geneigt erwies , Agathe Einblicke in ihre Kunst zu gestatten . Konnte Agathe von Dorte nichts lernen , so nahm sie sich desto eifriger der Erziehung des kleinen Hausmädchens an , welches mit ihr zusammen konfirmiert worden war . Pastor Kandler hatte ihr die Verantwortung für das unverdorbene Landkind warm ans Herz gelegt . Sie gab also Wiesing Groterjahn am Sonntag Nachmittag Geschichten von Frommel und Marie Nathusius zu lesen , und hielt ihr kleine moralische Vorträge über die Schädlichkeit und die Gefahren der Tanzböden . Während Frau Regierungsrat es passender fand , das Mädchen Luise zu rufen , obwohl dem heimwehkranken Kinde anfangs jedesmal die Thränen in die Augen schossen , nannte Agathe sie nach wie vor mit der traulichen Abkürzung “ Wiesing ” . Nahmen sie zusammen eine Arbeit vor , so unterhielt sie sich freundlich mit Wiesing und suchte ihr begreiflich zu machen , wie gut es für sie sei , in einem Hause zu dienen , wo keine Sorge und nichts von dem Elend , welches die Arbeiterinnen in Fabriken erwarte , an sie herantreten könne . Es bekümmerte Agathe zuweilen , daß trotz ihrer liebreichen Bemühungen Wiesing ihr kein rechtes Vertrauen zu schenken schien . “ Die Mädchen betrachten Euch als ihre natürlichen Feinde , und im Grunde haben sie recht darin , ” hatte Martin einmal gesagt . Das konnte Agathe doch nicht verstehen . Indessen interessierte sie sich nach und nach weit mehr für ihren imaginären Geliebten , als für die Seelenbildung des Hausmädchens , und bekümmerte sich nur noch um sie , wenn diese ihre Dienste brauchte . “ Fräulein , ” sagte Wiesing eines Morgens , als sie Agathe warmes Wasser in ihr Schlafzimmer brachte , und dabei stand sie mit gesenkten Augen , “ an meiner Thür is kein Riegel , könnte da nicht einer angemacht werden ? ” “ Ja — hast Du denn keinen Schlüssel ? ” “ Den hat der junge Herr abgezogen , ” stotterte Wiesing . “ Der junge Herr ? Was ist denn das für dummes Zeug ! Du hast ihn sicher verloren ! ” “ Ne , Frölen ! ” “ Lüge nicht , Wiesing . Als ob Du jemals sagen würdest , wenn Du etwas zerbrochen oder verloren hast ! ” “ Ne , Frölen — ach mien leiwer Gott — ick wet mie jo gor nich mehr tau helpen ! ” “ Ich verstehe Dich gar nicht . Was willst Du denn — so rede doch Hochdeutsch , ” sagte Agathe ungeduldig und goß das warme Wasser in ihre Waschschüssel . “ De junge Herr — seggen Se man nix tau de Fru Regierungsräten — ik hew jo da ok nix von seggt , un Dorte die seggt , ik redte mir das man bloß ein ! ” Das runde , kindische Gesicht des Mädchens verschwand in ihrer weißen Schürze , sie schluchzte erbärmlich . Agathe sah sie erstaunt an . Plötzlich wurde sie dunkelrot . “ Walter hat Dich wohl nur erschrecken wollen , ” sagte sie leise . “ Ich will ihm sagen , daß Du solche Späße nicht magst ! ” Wiesing hob das nasse Gesicht und sah Agathe mit verstörten blauen Augen hilflos an . “ Fräulein — das war ja wull kein Spaß ! ” “ Ach , was denn sonst , Du dummes Ding . Denkst Du denn . . . mein Bruder ist ja verlobt ! ” “ Det hew ik den jungen Herren ok seggt , he sullt sich de Sünd ' schämen , hew ik seggt . He wull un wull nich hören . . . Frölen , wenn he wieder kimmt — ik wet mie nich tau helpen ! ” “ Wieder kommt ? ” fragte Agathe , wie in einem beängstigenden Traum erstarrend . “ Wo hat er Dir das gesagt ? ” “ In mien lütt Kammer . ” “ Luise , Du lügst , ” schrie Agathe zornig . Das Mädchen schluchzte nur noch heftiger . Agathe ging von ihr fort , an das andere Ende des Zimmers . “ Mein Gott — mein Gott ! ” stammelte sie nach einer Weile und wand die Hände in einander . “ Wiesing , wir wollen Mama nichts sagen , ” flüsterte sie , ihre Thränen strömten dabei . “ Mama könnte das nicht ertragen , sie ist ohnehin so kränklich — und sie hat Walter so lieb ! ” “ Jo Frölen ! ” “ Du mußt aus dem Haus , Wiesing . ” “ Jo Frölen ! ” “ Wie fangen wir das nur an ? ” Wiesing antwortete nicht . “ Ich muß mit Walter reden . Mein Gott — das kann ich ja nicht — das kann ich ja nicht . . . . Was ist denn nur über ihn gekommen ! ” “ So ' n fiener jung ' Herr , ” sagte Wiesing nachdenklich und trocknete sich die Augen . “ Zum Donnerwetter ! wo sind nur meine Stiefel wieder ! Luise ! ” rief Walter im Flur . Die beiden Mädchen schraken zusammen und blickten sich erschrocken an . “ Er hat doch seinen Burschen zur Bedienung , ” murmelte Agathe . “ Luise ! ” scholl des Lieutenants grollende Stimme aufs Neue über den Flur . Das kleine Hausmädchen lief in der Gewohnheit des Gehorsams hinaus . Agathe horchte , mit einem Gefühl , als seien ihr die Glieder abgestorben , was draußen zwischen den Beiden vor sich ging . Walter sagte jedoch nur kurz und scharf : “ Luise , rufen Sie mir den Burschen . ” Wiesing antwortete mit ihrem mühsamen Hochdeutsch :