während der letzten Wochen oft genug erprobt hatte . » Jawohl , ich will , « erklärte sie mit der gleichen Bestimmtheit wie vorher . Die Falte auf der Stirn des jungen Mannes vertiefte sich . Es war wieder einer jener Momente , wo er sich trotzig gegen den Zauber aufbäumte , der ihn in Fesseln gelegt hatte , aber jetzt begegnete er den dunkeln Augen , die den Befehl in eine Bitte umzuwandeln schienen , und vorbei war es mit Trotz und Widerstand – seine Stirn glättete sich ; er lächelte . » Nun denn also , wie ich es geben kann , kurz und – prosaisch , « sagte er , das letzte Wort betonend . » Vineta soll , der Sage nach , eine alte Meeresfeste gewesen sein , die Hauptstadt der damaligen Bevölkerung , die das Meer und die Küsten ringsum beherrschte und an Glanz und Pracht ihresgleichen suchte , während ihr aus allen Ländern unermeßliche Schätze zuströmten . Aber Hochmut und Sünden ihrer Bewohner riefen das Strafgericht des Himmels auf sie herab , und sie ward von den Fluten verschlungen . Unsre Schiffer schwören noch heute darauf , daß dort drüben , wo das Ufer so weit zurücktritt , die Feste Vineta unversehrt auf dem Meeresgrunde ruht . Sie wollen unter dem Wasser oft die Türme und Kuppeln erblicken , die Glocken läuten hören , und bisweilen , in gewissen Zauberstunden , soll die ganze Wunderstadt wieder heraufsteigen aus der Tiefe und sich dem besonders Begnadeten zeigen – es gibt ja Luftspiegelungen genug auf dem Meer , und wir haben hier im Norden auch eine Art von Fata Morgana , wenn auch freilich äußerst selten – « » So erlassen Sie mir doch die nüchterne Erklärung ! « unterbrach ihn Wanda ungeduldig . » Wer fragt danach , wenn die Sage nur schön ist , und wunderschön ist sie . Finden Sie das nicht auch ? « » Ich weiß nicht , « versetzte Waldemar in einiger Verlegenheit . » Ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht . « » Aber haben Sie denn ganz und gar keine Empfindung für Poesie ? « rief die junge Gräfin verzweiflungsvoll . » Das ist ja entsetzlich . « Er schaute sie betreten an . » Finden Sie das wirklich so entsetzlich ? « » Gewiß ! « » Mich hat aber nie jemand gelehrt , die Poesie zu verstehen , « sagte der junge Mann , wie im Tone der Entschuldigung . » Im Hause meines Onkels weiß man nichts davon , und meine Lehrer haben mir nur immer trockene Unterrichtsstunden gegeben – ich fange erst jetzt an zu begreifen , daß es überhaupt eine Poesie gibt . « Die letzten Worte hatten einen beinahe träumerischen Ausdruck , den Waldemar sonst niemals zeigte . Er warf das Haar zurück , das ihm wie gewöhnlich tief in die Stirn herabfiel , und lehnte den Kopf an den Stamm der Buche . Wanda machte zum erstenmal die Entdeckung , daß es eine merkwürdig hohe und schön gewölbte Stirn war , die sich da unter dem blonden Haargewirr barg . Jetzt , wo sie sich frei und unbedeckt zeigte , schien sie das unschöne und unregelmäßige Gesicht förmlich zu adeln . An den linken Schläfen lief eine eigentümlich gezeichnete blaue Ader hin , die selbst im Moment der Ruhe scharf und deutlich hervortrat ; die junge Gräfin hatte sie noch niemals bemerkt unter der » ungeheuren gelben Löwenmähne « , die ihr stets ein Gegenstand des Spottes war . » Wissen Sie , Waldemar , daß ich soeben etwas entdeckt habe ? « fragte sie neckend . » Nun ? « fragte er zurück , ohne seine Stellung zu verändern . » Die seltsame blaue Ader da an Ihrer Stirn – die Tante trägt sie gleichfalls an den Schläfen , genau an derselben Stelle und genau ebenso gezeichnet , nur schwächer . « » Wirklich ? Nun , das ist wohl auch das einzige , was ich von meiner Mutter habe . « » Ja , es ist wahr , Sie ähneln ihr nicht im mindesten , « meinte Wanda unbefangen . » Und Leo gleicht ihr doch zum Sprechen . « » Leo ! « wiederholte Waldemar mit eigentümlicher Betonung . » Ja freilich Leo ! Das ist auch etwas andres . « Wanda lachte . » Weshalb ? Soll der jüngere Bruder darin etwas vor dem älteren voraus haben ? « » Warum nicht ? Hat er doch die Liebe der Mutter vor ihm voraus – ich dächte , das wäre genug . « » Aber Waldemar ! « warf die junge Gräfin ein . » Ist Ihnen das neu ? « fragte er mit einem finsteren Aufblick . » Ich dächte , es könnte für keinen dritten ein Geheimnis mehr sein , wie ich mit meiner Mutter stehe . Sie zwingt sich , freundlich gegen mich zu sein , o ja ! und das mag ihr oft Mühe genug kosten , aber sie kann die innere Abneigung nun einmal nicht überwinden , und ich kann ´ s auch nicht – also haben wir uns beide nichts vorzuwerfen . « Wanda schwieg betreten . Die Wendung , die das Gespräch nahm , befremdete sie im höchsten Grad . Waldemar schien das nicht zu bemerken ; er fuhr in herbem Ton fort : » Die Fürstin Baratowska ist und bleibt mir fremd . Ich gehöre nicht zu ihr und ihrem Sohne , das fühle ich bei jeder neuen Begegnung . Sie ahnen nicht , Wanda , was es mich kostet , immer wieder diese Schwelle zu betreten , immer wieder dieses Zusammensein zu ertragen . Es ist eine wahre Folter , die ich mir auferlege , und ich habe nie geglaubt , daß ich sie so geduldig aushalten würde . « » Aber weshalb thun Sie es denn ? « rief Wanda unvorsichtig . » Es zwingt Sie ja niemand dazu ! « Er sah sie an . Die