, obgleich die Verhältnisse hier im Hause es mir eigentlich hätten erleichtern sollen . Sie waren in der letzten Zeit nicht danach , daß man seinen Uebermuth daran hätte üben können . “ Bei dieser Hindeutung erlosch der flüchtige Schimmer von Heiterkeit sofort in Ella ’ s Gesicht ; es hatte einen angstvoll bittenden Ausdruck , als sie sich jetzt zu ihrem Schwager wandte . „ Ja , es ist traurig bei uns , “ sagte sie leise , „ und es wird schlimmer von Tag zu Tag . Die Eltern sind so hart , und Reinhold so gereizt , so heftig bei jeder Gelegenheit . O mein Gott , vermögen Sie denn gar nichts über ihn ? “ „ Ich ? “ fragte Hugo ernst . „ Die Frage möchte ich Ihnen , der Gattin , zurückgeben . “ Ella schüttelte in trostloser Resignation das Haupt . „ Auf mich hört ja doch Niemand , und Reinhold am wenigsten . Er ist der Meinung , ich verstehe nichts von all diesen Dingen – er würde mich nur herb zurückweisen . “ Hugo blickte mitleidig auf die junge Frau , die so offen eingestand , daß sie ihrem Manne gegenüber ganz macht- und einflußlos war , und auch nicht den geringsten Antheil an seinem Denken und Streben hatte . „ Und doch muß irgend etwas geschehen , “ sagte er entschieden . „ Reinhold reibt sich in diesem Kampfe auf ; er leidet grenzenlos darunter und macht Andere leiden . Sie hatten geweint , Ella , als ich eintrat , und es ist in diesen Wochen kein Tag gewesen , wo ich nicht diesen rothen Schein um Ihre Augen gesehen habe . Nein , rücken Sie nicht so ängstlich seitwärts ! Dem Bruder wird doch wohl einmal ein freies Wort erlaubt sein , und Sie sollen sehen , daß er auch etwas Anderes kann , als Posten treiben . Ich wiederhole Ihnen : es muß etwas geschehen , durch Sie geschehen . Es gilt Reinhold ’ s Künstlerberuf , seine ganze Zukunft , und in dem Kampfe muß seine Frau an seiner Seite stehen , sonst könnten es – Andere statt ihrer thun , und das wäre gefährlich . “ Ella sah ihn mit einem Gemisch von Erstaunen und Schrecken an . Es geschah ihr wohl zum ersten Male in ihrem Leben , daß man sie zur offenen Parteinahme aufrief , und sich von ihrem Eingreifen irgend eine Wirkung versprach . Und was konnte denn mit den „ Anderen “ gemeint sein , die ihren Platz einnehmen könnten ? Ihr Gesicht verrieth deutlich , daß sie auch nicht die leiseste Ahnung davon hatte . Hugo sah das und hatte doch nicht den Muth , weiter zu gehen ; denn weiter gehen hieß hier , den ersten Verdacht in die Seele der noch ganz ahnungslosen Frau werfen , zum Angeber des eigenen Bruders werden und unausbleiblich eine Katastrophe heraufbeschwören , von deren Nothwendigkeit er gleichwohl überzeugt war . Aber das ganze Wesen des jungen Capitains sträubte sich gegen diese peinvolle Aufgabe ; er saß unentschlossen da , als ihm der Zufall zu Hülfe kam . Es wurde draußen an die Thür geklopft und gleich darauf trat Jonas mit einem großen Blumenstrauße in der Hand ein . Der Matrose mochte sonst wohl vorsichtiger sein , wenn er dergleichen Aufträge für seinen Herrn besorgte . Er wußte aus Erfahrung , daß dessen Blumenspenden , wenn auch von den betreffenden jungen Damen , so doch nicht immer von den respectiven Vätern und Beschützern mit besonderer Freundlichkeit aufgenommen wurden , und pflegte sich , wenn auch mit geheimem Ingrimm , stets an die richtige Adresse zu halten . Diesmal aber hatte Hugo mit der hingeworfenen Bemerkung , der Strauß sei für seine Schwägerin bestimmt , den Irrthum selbst verschuldet . Jonas zweifelte natürlich nicht daran , daß die Bemerkung seines Capitains , mit der dieser nur seinen Bruder decken wollte , ernst gemeint sei ; er schritt deshalb direct auf die junge Frau Almbach zu und präsentirte ihr die Blumen mit den Worten : [ 429 ] „ Ich kann Herrn Reinhold im ganzen Hause nicht finden , und da will ich den Strauß doch lieber gleich hier abgeben . “ Ella sah erstaunt auf das prachtvolle Rosenbouquet nieder , das , mit ebenso viel Kunst wie Geschmack zusammengefügt , eine Auswahl der herrlichsten Blüthen zeigte . „ Von wem kommen die Blumen ? “ fragte sie . „ Vom Blumenhändler , “ berichtete Jonas . „ Herr Reinhold hat sie bestellt , und ich habe sie abgeholt ; da ich ihn aber nirgends finde – “ „ Es ist gut . Du kannst gehen , “ fiel ihm Hugo in ’ s Wort , während er rasch zu seiner Schwägerin trat und die Hand , wie beschwichtigend , auf ihren Arm legte . Ein befehlender Wink gab der Weisung noch mehr Nachdruck , und Jonas trollte ab , konnte aber doch nicht umhin , sich darüber zu wundern , daß die junge Frau Almbach die Artigkeit ihres Mannes in so seltsamer Weise aufnahm . Sie war ja auf einmal zusammengezuckt , als habe sie ein Stich in das Herz getroffen , und kreideweiß war sie dabei geworden . Aber der Herr Capitain hatte mit gerunzelter Stirn und einem Ausdruck im Gesicht dabei gestanden , als möchte er die theuren Blumen am liebsten zum Fenster hinauswerfen . Jonas besaß zum Glück allzu viel Phlegma , als daß er sich um die Verhältnisse im Almbach ’ schen Hause viel hätte kümmern sollen ; bei seiner feindseligen Stellung zu dem Dienstpersonal erfuhr er auch wenig genug davon ; so ließ er es denn bei einer mäßigen Verwunderung bewenden und kümmerte sich in der Ueberzeugung , seinen Auftrag gewissenhaft erfüllt zu haben , nicht weiter um den Auftraggeber . Drinnen im Zimmer herrschte einige Secunden lang tiefes Schweigen . Ella hielt das Bouquet noch krampfhaft fest in der Hand ; aber das sonst so stille , leblose Antlitz