ein Recht hat , « entgegnete Siegbert mit einer Bitterkeit , die durch all seine mühsam behauptete Selbstbeherrschung hindurchbrach . » Du meinst , daß er schon bestimmte Hoffnungen hat ? Mir scheint es auch so , und er ist ja auch eine höchst annehmbare Persönlichkeit , reich , aus vornehmer Familie , und wenn sein kinderloser Onkel stirbt , ist ihm eine Lordschaft gewiß , also eine durchaus passende Partie für Alexandrine . Mir ist der Mensch freilich unausstehlich , seit er einen anderen so kaltblütig auf die Egidienwand hinaufschicken will , um sich den Hals zu brechen . « » Und doch nennen Sie ihn eine passende Partie für Fräulein von Landeck ? « Bertold zuckte die Achseln . » Bei Mädchen ihres Standes und ihrer Erziehung entscheiden die äußeren Rücksichten . Sie heiraten meist nach dem Willen der Eltern , und das gibt gewöhnlich ganz glückliche Ehen . Die sogenannte romantische Liebe gehört in den Roman , für das praktische Leben taugt sie ganz und gar nicht . Ich weiß das aus eigener Erfahrung ; ich habe in meiner Jugend einen regelrechten Roman durchgemacht , vom Anfang bis zum Ende . « » Und das Ende war kein glückliches ? « fragte Siegbert halblaut . » Ich sehe es – Sie sind ja unvermählt geblieben . « Der Professor sah ihn im höchsten Erstaunen an . » Junge , ich glaube , du bildest dir wahrhaftig ein , man müsse heiraten , wenn man verliebt ist ! Du wärst imstande dazu ; ich sage dir aber , das ist das Schlimmste , was überhaupt passieren kann . Eine unglückliche Liebe dagegen , die mit Ach und Weh endigt , ist Goldes wert für einen jungen Künstler , denn die gibt ihm erst die rechte Stimmung . Mich hat sie zum berühmten Manne gemacht . « » Herr Professor , das ist Scherz ! « » Das ist vollkommener Ernst . Du kennst doch meine Julia Capulet ? « » Das Gemälde in der großen Galerie zu B. , das erste , welches Ihren Namen in der Künstlerwelt bekannt machte ? « » Dasselbe ! Ich will dir die Geschichte dieses Bildes erzählen . Du kannst dir die Sache merken , wenn du einmal in einem ähnlichen Falle bist . « Siegbert ahnte nicht , wie genau sein Lehrer über diesen Fall unterrichtet war , er wandte ihm in höchster Spannung das Gesicht zu . Alexandrine und ihr Begleiter waren weit genug voraus , um nichts von dem Gespräche zu hören , auch der Führer , den Sir Conway herbeigerufen , befand sich an ihrer Seite . Siegbert und der Professor waren also völlig ungestört und letzterer begann : » Ich war ungefähr in deinem Alter , ein armer Teufel von Maler , der oft genug nicht das tägliche Brot hatte , und dem es mit aller Anstrengung noch nicht gelungen war , irgendeinen nennenswerten Erfolg zu erreichen . Da wurde mir ganz unerwartet die Ehre zuteil , einen alten Grafen abzukonterfeien , und ich brachte einige Wochen auf seinem Gute zu . Der Graf hatte eine impertinente Physiognomie , gegen die sich mein Pinsel sträubte , aber auch eine wunderschöne Tochter , gegen die sich mein Gefühl gar nicht sträubte , ich suchte also die Sache auszugleichen , indem ich den alten Herrn malte und mich in die junge Dame verliebte , die freilich von ihrem Vater einem Gutsnachbar , einem Majoratsherrn auf , von und zu , bestimmt war . « » Ich begreife , « sagte Siegbert , dessen Blick wieder auf Alexandrine und ihrem Begleiter haftete . » Es ist die alte Geschichte . Der Majoratsherr mit seinem Reichtum trug den Sieg davon , und der arme Maler mit seiner heißen Liebe mußte zurücktreten . « » Das fiel ihm gar nicht ein ! « rief der Professor . » Du wärst natürlich zurückgetreten ; ich machte der jungen Gräfin eine Liebeserklärung und , da ich ihr besser gefiel als der steife Gutsherr , so nahm sie meine Huldigungen an . Es folgte dann der übliche Roman , mit Seufzern und Gedichten , mit Mondschein und Liebesschwüren , aber er dauerte leider nur drei Wochen . Dann kam der eifersüchtige Majoratsherr dahinter und meldete es wütend dem Grafen . Der alte Herr machte uns eine schreckliche Szene ; ich wurde Knall und Fall entlassen , die junge Gräfin wurde eingesperrt , und uns dadurch jede Möglichkeit genommen , miteinander zu verkehren . « Siegbert hörte schweigend zu , aber seine Miene verriet ein immer größeres Befremden über den Ton , in welchem der Professor von seiner Jugendliebe sprach ; dieser aber schien durch die Erinnerung nicht im mindesten erregt zu werden , er fuhr ganz behaglich fort : » Ich verzweifelte natürlich , das ist der Normalzustand in solchen Fällen . Ich wütete und jammerte abwechselnd , wollte erst mich , dann den Majoratsherrn , dann uns beide erschießen , aber ich ließ das schließlich bleiben . Statt dessen setzte ich mich an die Staffelei und malte , noch in der ganzen Aufregung und Ekstase , jenes Bild . Meine Julia , die sich an der Leiche Romeos den Tod gibt , trägt die Züge der jungen Gräfin . Als das Bild fertig war , hatte ich merkwürdigerweise den ganzen Liebesjammer überwunden . Dafür stand er jetzt auf der Leinwand , in romantisch-klassischem Gewande und mit der nötigen Verklärung . Das Bild machte Sensation auf der Ausstellung , das Publikum drängte sich davor , die Kritik feierte es in allen Journalen , schließlich wurde es von der Galerie in B. angekauft , und ich war mit einem Schlage ein berühmter Mann ! « » Und die junge Gräfin ? « fragte Siegbert . » Hat natürlich den Majoratsherrn geheiratet und eine sehr glückliche Ehe mit ihm geführt . Ich dagegen wurde , was man eine Berühmtheit nennt ; und wenn es mir heute nochmals einfiele , irgendeiner Komtesse den Hof zu machen , so