vom Boden hoben und wie dann , schon im Erlöschen ihrer Sinne , sich ihr Haupt an seiner Brust zur Ruhe legte . In den Nächten , die dann folgten , hatte Rudolf in seltenem Wechsel mit der Mutter , die jetzt selbst der Ruhe bedurfte , neben ihr gewacht und ihren Schlaf behütet . Der Tag fand ihn im Forste , an den Sümpfen ; dann wieder an seinem Arbeitstische oder Bericht erstattend und seine Pläne klar entwickelnd bei dem Grafen ; noch niemals hatte er das Vollmaß seiner Kräfte so empfunden . Jetzt kniete er in Demut an dem Bette seines Weibes , die seine beiden Hände in den ihren hielt ; er hatte lange zu ihr gesprochen , und sie hatte schweigend zugehört . Nun , als auch er schwieg , bewegte sie leis verneinend ihren Kopf . » Gesündigt ? Du an mir gesündigt ? « frug sie , seine letzten Worte wiederholend . Und als er sprechen wollte , entzog sie ihm die eine ihrer Hände und legte sie auf seinen Mund : » Ich weiß es besser , Rudolf : du hattest mich zu lieb , du hast mich nicht verlieren können ! Nein , sage nur nichts anderes ; du hast noch immer nicht gewußt , daß du mich nicht verlieren kannst ! « Und da er widersprechen wollte , richtete sie sich auf , und seinen Mund mit ihren Küssen schließend , schlang sie die Arme um seinen Hals und flüsterte wie leidenschaftliches Geheimnis ihm ins Ohr : » Ich glaube , Rudolf , aber Gott wird es verhüten – ich könnte noch eine größere Sünde um dich tun ! « Dann , während er , berauscht und wie von Schuld befreit , dies Geständnis seines schönen Weibes noch in seiner Seele wog , hatte diese , von leichter Schwäche überkommen , sich zurückgelegt ; nur ihr Antlitz wandte sich nach dem des Mannes , und eines alten Reims gedenkend und wie in seliger Stille ihre Augen in den seinen lassend , sprach sie leise und doch mit dem lichten Vollklang ihrer Stimme : Was Liebe nur gefehlet , Das bleibt wohl ungezählet ; Das ist uns nicht gefehlt . Dann wurde es stille zwischen ihnen ; es bedurfte keiner Worte mehr . – – Als Rudolf bald darauf durch Geschäfte abgerufen wurde , trat statt seiner die Mutter in das Zimmer . Die Falte , welche der Schrecken jenes Morgens ihrem Antlitz eingegraben hatte , war nicht daraus verschwunden ; aber sie schien nur einen früheren Zug der Härte hier verdrängt zu haben , der selbst den Sohn ihr nie völlig hatte nahekommen lassen . Mit aufmerksamen , ja fürsorglichen Blicken betrachtete sie die junge Frau , die in ruhigem Genügen , mit gefalteten Händen vor sich hin sah . Die Entschlossenheit derselben , welche selbst sich gegen sie zu wenden keine Scheu getragen hatte , mochte die Achtung der rücksichtslosen Frau gewonnen , zugleich aber der Umstand , daß die Starke nun selbst hülflos ihrer Hand bedurfte , den daneben aufgestiegenen Groll versöhnt haben . Behutsam trat sie näher . » Du lächelst , Anna « , sagte sie , indem sie sich zu ihr neigte ; » aber du bist sehr blaß ! Rudolf ist zu lange bei dir gewesen . « » Zu lange ? « wiederholte Anna ; und als ob sie nur die eigenen Gedanken weiterspinne , fuhr sie fort : » Nein , nicht mehr dazu war ich ihm noch nötig – – Sie irrten doch , Mama – er war schon ohne mich genesen ! Aber jetzt – – vielleicht – jetzt bin ich doch sein Glück ! « Ein Lächeln wie Sonnenwärme breitete sich auf ihrem Antlitz . Frau von Schlitz nickte schweigend : was redete die da vor sich hin ? – Ihr Sohn , ihr Kind , das sie mit ihrem Blut getränkt hatte ! – Wie mit Schlangenbissen fiel ein eifersüchtiges Weh sie an . » Ich irrte , sagst du ? « sprach sie strenge , während ihr eine dunkle Glut bis in die Augen flammte ; » du brauchst mich nicht zu schonen , Anna ; es war nie meine Art , mich zu belügen ! – Aber dafür – dafür « – – ihre zitternden Lippen rangen vergebens noch nach Worten . Mit Angst sah Anna in das stumme Antlitz , in dem nur noch die Augen Leben hatten . » Mama ! O Mama , was ist dir ? « rief sie . Da gewann die harte Frau die Sprache wieder . » Dafür « , sagte sie langsam , indem das Haupt ihr auf die Brust herabsank , » hast du mich arm gemacht . « Aber schon hatte , in plötzlichem Verständnis , die unschuldige Feindin ihre Hand ergriffen , und sich sanft darüber neigend , flüsterte sie : » Du mußt mich lieben , Mutter ! « » Muß ich ? « – Ein finstrer Blick war auf die junge Frau gefallen ; dann aber lag sie an der Brust der Mutter , überschüttet von durstiger , ungestümer Liebe : » Ja , ja , mein Kind ich sehe keine andere Rettung ! « Noch hingen die letzten Blätter an den Bäumen , als die still gewordenen Räume des Hauses durch die frisch erstandene junge Frau sich wieder neu belebten : ihr leichter Schritt , ihre frohe Stimme – wenn Rudolf sie in seinem Zimmer hörte , so konnte er nicht lassen , seine Tür zu öffnen ; ihm war , als ob es dann in Kopf und Kammer heller würde . In fester Pflichterfüllung gingen Mann und Weib zusammen : der Winter nahte ; aber vor beider Augen lag die Sonnenlandschaft . Eines Morgens , als nach Ende des Monats Rudolf die Löhnungslisten zur Revision erhalten hatte , sah er darin auch den Namen jenes jungen Holzschlägers , außer der Lücke von ein paar Tagen , bis ans Ende aufgeführt . »