dort meine Repetitionen machte , lebten die beiden Verwandten in guter Eintracht mit einander . Beide waren Männer , die , wie man sagt , das Ihrige gelernet hatten und dies nicht in Vergessenheit gerathen lassen wollten . Sie unterhielten sich oft über gelehrte Gegenstände und disputirten dann , auch wohl lateinisch , mit einander . In einem Punkte aber stimmten sie völlig überein ; sie beide glaubten noch an Teufelsbündnisse und an Schwarze Kunst und erachteten solch thörichten Wahn für einen nothwendigen Theil des orthodoxen Christenglaubens . Der Ostenfelder Pastor that dieses im zornigen Bewußtsein eines wohl gerüsteten Kämpfers , der Onkel Josias dagegen , zu dessen zarter Gemüthsbeschaffenheit dieser wilde Glaube gar übel paßte , schien selbigen mir gleich einer Last zu tragen . Deshalb suchte ich oft , wenn wir alleine waren , mit Gründen aus der Heiligen Schrift wie aus der menschlichen Vernunft ihm solches auszureden ; allein mit allem seinem Scharfsinn , wenn gleich als wie in schmerzlicher Ergebung , vertheidigte er die gottlose Macht des Erzfeindes . Als der Sommer zu Ende ging , wurde für seine Gesundheit die strengste Vorsicht nöthig ; er durfte sonntags die Kirche nicht mehr besuchen , kaum noch das Haus verlassen ; aber seine milde Freundlichkeit und seine , ich möchte sagen , schwermuthsvolle Heiterkeit blieben sich auch dann noch gleich . Da war es kurz vor meiner Abreise an einem Morgen im October ; der erste Reif war gefallen und eine frische Klarheit durch die Luft verbreitet . Ich wandelte im Garten auf und ab und sah dabei bisweilen in die Zeitung , welche der Stadtbote mir soeben durch den Zaun gereicht hatte . Als ich nun las , daß der einst vielberühmte , aber seit lange seines Amtes wegen Simonie entsetzte Petrus Goldschmidt als ein Schenkenwirth bei Hamburg das Zeitliche gesegnet habe , eilete ich ins Haus und dachte , nicht ohne eine kleine Schadenfreude , solches dem Onkel Josias zu verkünden . Als ich zu ihm eintrat , war mir , als sei auch in dieses sonst etwas dunkle Zimmer der schöne lichte Morgen eingedrungen ; denn trotz des brennenden Ofenfeuers standen beide Fensterflügel offen , und der Schall von den benachbarten Dreschtennen und von hellen Kinderstimmen hatte freien Eingang . Aber zu meiner beabsichtigten Mittheilung kam ich nicht . Feierlich , mit strahlendem Antlitz , trat Herr Josias mir entgegen . » Mein Andreas « , rief er , » wir werden fürder nicht mehr disputiren ; ich weiß es itzt in diesem Augenblick : der Teufel ist nur ein im Abgrund liegender unmächtiger Geist ! « Indeß ich vor Erstaunen schier verstummte , gewahrte ich das Buch des Thomasius von dem Laster der Zauberei auf seinem Tische aufgeschlagen . Ich hatte es nach unserer letzten Disputation dort heimlich hingelegt und frug nun , ob ihm daraus die heilvolle Erkenntniß zugekommen . Aber Herr Josias schüttelte den Kopf . » Nein « , sprach er , » nicht aus jenem guten Buch ; es hat das Licht sich plötzlich in mein Herz ergossen . Ich denke so , Andreas : die Schatten des Todes wachsen immer höher ; da will der Allbarmherzige die anderen Schatten von mir nehmen . « Seine Augen leuchteten wie in überirdischer Verklärung ; er wandte sich gegen das Licht und breitete die Arme aus . » O Gott der Gnaden « , rief er , » aus meiner Jugend tritt ein Engel auf mich zu ; verwirf mich nicht ob meiner finsteren Schuld ! « Ich wollte ihn stützen , denn er wurde todtenbleich , und mir war , als sähe ich ihn wanken ; er aber lächelte und sprach : » Ich bin nicht schwach in diesem Augenblick . « Dann ging er an seinen Schrank und reichte mir daraus dasselbe manuscriptum , welches Du mit diesem Brief empfängst . » Nimm es , mein Andreas « , sagte er , » und bewahre es zu meinem Gedächtniß ; ich bedarf desselbigen nun nicht mehr . « – – Kurz darauf reiste ich ab ; und was nun folget , hat mir erst lange nachher der Sohn des dortigen Küsters erzählt , welcher einige Jahre hier im Dorfe Lehrer war . Noch in dem Monat meiner Abreise nämlich verbreitete sich das Gerücht im Dorfe : wenn sonntags alles in der Kirche und die Straßen leer seien , so stehe ein fahlgraues Pferd , desgleichen man sonst in der Gemeinde nicht gesehen , vor der Pforte des Pastorates angebunden ; und bald danach : es komme von Süden her ein Weib über die Heide geritten , die binde ihr Pferd an den Mauerring und geh dann selber in das Pfarrhaus ; wenn aber der Pastor und der Strom der Gemeinde aus der Kirche heimkomme , dann sei sie jedesmal schon wieder fortgeritten . Daß dieses Weib den Herrn Josias besuche , war unschwer zu errathen ; denn um solche Stunde weilte niemand außer ihm im Hause . Dabei aber ereignete sich gar Sonderliches ; denn obschon sie unzweifelhaft schon in älteren Jahren gestanden , so ist doch von etlichen , welche sie gesehen haben , dawider gestritten und behauptet worden , daß sie noch jung , von anderen , daß sie auch schön gewesen sei ; wenn man aber des Näheren nachgefragt , so hatten sie nichts wahrgenommen als zwei dunkle Augen , aus denen das Weib sie im Vorüberreiten angeblicket . Im ganzen Dorfe ist nur ein einziger gewesen , der von diesen Dingen nichts erfahren hat , und zwar der Pastor selber , denn alle haben des Mannes aufflammende Heftigkeit gefürchtet , und alle haben den Onkel Josias lieb gehabt . Aber eines Sonntages , da es wieder Frühling worden und die Veilchen in den Gärten schon geblüht haben , ist die Heidefrau auch wieder da gewesen ; und auch diesmal , da der Pastor aus der Kirche heimgekommen , hat er weder sie noch ihren Gaul gesehen ; es ist wie immer alles still und einsam