im Munde . Sein Schwager , ein Junger Geistlicher , hatte aus der eben versammelten Synode eine ergreifende Nachricht nach Hause gebracht . Von Seiner Hochwürden dem Antistes war ein Schreiben verlesen worden mit der Nachricht von dem standhaften Ende des Märtyrers Blasius Alexander . Da wurde ausführlich von einem seiner Kerkergenossen erzählt , wie man ihn auf der Flucht ergriffen und nach Innsbruck gebracht habe ; wie er sich in der Gefangenschaft unerschütterlich geweigert , den reformierten Glauben abzuschwören , und wie er schließlich zum Verluste der rechten Hand und des Hauptes verurteilt wurde . Da seine Rechte abgeschnitten auf dem Blocke lag , habe er bereitwillig auch die Linke ausgestreckt , als könne er sich des Martertums nicht ersättigen . Um sein Gemüt zu beruhigen , machte Waser gegen seine Gewohnheit einen raschen Gang um die beschneiten Stadtmauern . Als er in seine dunkle Stube zurückkehrte und Feuer schlug , um seine Lampe anzuzünden , gewahrte er in der Fensternische eine hohe Gestalt , die ihm nun festen Schrittes entgegentrat und ihm die Hand auf die Schulter legte . Es war Jürg Jenatsch . » Erschrick mir nicht , Heinrich « , sagte er sanft , » ich komme nur für eine Nacht und verlasse eure Mauern , sobald in der Frühe ein Tor aufgeht . Hast du Platz für mich in deinem Kämmerlein , wie ehedem ? . . . Du schwankst , ob du mir die Hand drücken willst ... sie hat gerecht gerichtet ... Doch jetzt ist in Bünden nichts mehr zu tun . Da ist alles verloren – wer weiß für wie lange . Ich gehe zum Mansfeld . Dort auf dem großen deutschen Kampfplatze entscheidet sich mit Sieg oder Niederlage der protestantischen Waffen auch das Los meiner Heimat . « – Zweites Buch Erstes Kapitel Erstes Kapitel Ein durchsichtig blauer Winterhimmel umfing die Lagunenstadt und schaute sich mit gleicher Kraft und Helle tief aus dem Spiegel eines ihrer vielen schmalen Wasserbänder wieder entgegen . Hier zeigten die stillen Wasser auch das scharfe , dunkle Ebenbild einer schlank Gewölbten Marmorbrücke , die das engste und bewohnteste Quartier Venedigs mit dem Campo dei Frari verbindet . Dieser kleine Platz bildet den spärlichen Vorraum zu dem fremdartig erhabenen Meisterbau Niccolò Pisanos , dem rotschimmernden Dome der Maria gloriosa de ' Frari . In der engen Pforte eines an die Lagune gebauten Hauses jenseits der Brücke stand ein Mann von mittleren Jahren mit einem ernsten bärtigen Kopfe und von gedrungener , kurzer Gestalt . Sein Blick folgte ruhig den lautlos geführten , von Zeit zu Zeit unter dem Brückenbogen durchgleitenden Gondeln , oder betrachtete die Bettler , welche auf den Stufen des Domes lagerten und eben ihr Frühstück verzehrten . Ihm zu Häupten war an der Mauer , dem Halbrunde der Türwölbung folgend , in kolossalen schwarzen Lettern und italienischer Sprache zu lesen : Lorenz Fausch , Pastetenbäcker aus Bünden . Aus den herrschaftlichen Gondeln , die an der Landungstreppe des Campo anlegten , war schon manche zarte Dame gestiegen ; manche zierliche Gestalt , umhüllt von den weichen Falten dunkler Seide und das Antlitz durch die sammetne Halbmaske vor der Kälte geschützt , war die Stufen hinauf über den Platz in die Kirche geglitten , ohne daß die Züge des Bündners sich im mindesten verändert hätten . Jetzt aber ging etwas Seltsames auf dem ernsthaft gleichmütigen Gesichte vor . Unter der Brücke war der wetterbraune , weißbärtige Kopf eines Ruderers zum Vorschein gekommen , der , aus seinen ungelenken Bewegungen zu schließen , mit der Lagune nicht vertraut war . Während sein Gefährte , der auf dem Hinterteile des Fahrzeuges stand , ein jugendlich behender , ein echter Gondoliere , dieses mit schlanker Ruderbewegung an die Mauer drückte , öffnete der Alte langsam die niedrige Gondeltüre und schickte sich an , einer nur leicht verschleierten , offen und groß blickenden Frau beim Aussteigen behilflich zu sein . Sie aber hatte seine Hand nicht angenommen . Unversehens stand sie auf der Treppe und schritt , ohne sich umzublicken , der Pforte des Domes zu . Ehe der in der Gondel beschäftigte Alte seiner Herrin folgen konnte , trat Herr Fausch , dessen Miene sich plötzlich erhellt hatte , an den Rand der Lagune vor und rief ihm mit gedämpfter Baßstimme den romanischen Gruß : » Bun dì « zu ; aber jener wandte sich nicht nach dem seine Bekanntschaft Suchenden um , er streifte ihn nur mit einem Blitze unter seinen buschigen Brauen hervor , halb mißtrauisch , halb verständnisvoll , dann zog er langsam einen Rosenkranz aus der Tasche und schritt , Herrn Fausch den Rücken zukehrend , nach der Kirche . Noch folgte ihm dieser mit nachdenklichen Blicken , als , aus dem Seitengäßchen rasch herauslenkend , ein kleiner hagerer Kavalier an ihm vorüberschoß und mit einem stählernen Sprung auf der Brücke stand . Hier bemerkte er zu seiner Rechten den Bäcker und dessen behaglichen Gruß , wandte ihm einen Augenblick sein junges , nichts weniger als hübsches , aber höchst orginelles Gesicht zu und sagte : » Augenblicklich noch im Dienst ! Holt mir ein Fläschchen Cyprier , Vater Fausch – wohlverstanden , von der Sorte , der Ihr persönlich huldigt . In zwei Minuten bin ich hier . « Fausch trat aus dem fröhlichen Sonnenlichte in sein etwas düsteres zu dieser Morgenstunde noch leer stehendes Schenkzimmer zurück , das jedoch mit seinen zahlreichen Sitzen und reinlichen weißen Marmortischen offenbar auf den Besuch von Gästen nicht geringen Standes eingerichtet war . Während er sich in den geheimen , wohlverschlossenen Raum begab , der ihm in der Meerstadt als Keller diente , um ein strohumflochtenes Fläschchen von seinem dunkeln Ehrenplatze herunterzuholen , dem Befehle des jungen Kavaliers gemäß , doch alles mit würdiger Bedächtigkeit , hatte dieser seinen Gang gemacht und kam schon wieder über die Brücke zurück . Er hatte die Kirche betretend sogleich die hohe Gestalt wiederentdeckt , die sein Blick aus der Tiefe des Gäßchens im Fluge erfaßt hatte , und die