es in irgendeinem Falle an williger Ehrfurcht hätte fehlen lassen . Allabendlich saß dieser Unentbehrliche am königlichen Tische und erheiterte den Herrn mit den feinen Spielen seiner Rede . Noch seh ich , wie er lächelnd in seinem Stuhle zurücklehnte und der frohe König lauschend an seinen kaum bewegten Lippen hing . Ich stand hinter dem Stuhle meines Herrn und betrachtete zuweilen mit stiller Furcht dieses unkörperliche Antlitz , das im Ampelschein wie im Tageslicht gleich blaß war und auf welchem für mich jener Todeszug , der mich daraus angestarrt hatte , als es damals neben Graces Haupt auf dem Sargkissen lag , auch in der belebten Laune des Bankettes nie mehr völlig verschwinden wollte . Habt Ihr das aus Byzanz gekommene Bild gesehen , das die Mönche in Allerheiligen zu Schaffhausen als ihren besten Schatz hüten ? Es ist ein toter Salvator mit eingesunkenen Augen und geschlossenen Lidern ; aber betrachtet man ihn länger , so ändert er durch eine List der Zeichnung und Verteilung der Schatten die Miene und sieht Euch mit offenen Schmerzensaugen traurig an . Eine unehrliche Kunst , Herr ! Denn der Maler soll nicht zweideutig , sondern klar seine Striche ziehen . Mit dem Kanzler aber ging es mir umgekehrt . Wenn ich sein Antlitz länger betrachtete und er gerade schwieg , so war es , als schlössen sich seine Lider und es sitze ein Gestorbener mit dem Könige zu Tische . Ich bin dessen nicht gewiß , Herr , aber ich muß es glauben , daß mein König in jenen Tagen sich gegen den Kanzler mag ausgelassen haben über die Trauer , die er ihm wider Willen bereitet . Wenn auch nur mit wenigen oder verdeckten Worten hat er ihm wohl sein Leid bezeugt und gebeichtet . Ich denke , daß er die Last von sich abzuwälzen suchte und zwar auf diese meine Schultern hier , was ich ihm nicht verüble , denn so ist der Lauf der Welt , und zu befahren hatte ich dabei nichts . Der Kanzler war viel zu weise , um das Werkzeug mit der Hand , die es führt , zu verwechseln , und viel zu hoch , um einen Knecht seiner Rache zu würdigen . Versteht mich ! Herr Heinrich mag das Spiel des Zufalls und mich verklagt und verlästert haben , was das böse Sterben des Kindes angeht ; den Raub desselben und die Fleischeslust rechnete er sich nicht hoch an , denn er kannte in diesen Dingen kein Recht und kein Gesetz . Auch trug er die Tat damals leicht , glaub ich , weil unser aller Richter sie ihm noch nicht in ihrer vollen Schwere zugewogen hatte . In jenen Tagen begab es sich , daß der Kanzler einmal gegen Abend dem König auf die Jagd nachgeritten kam und die Herren unter einer weithin schattenden Eiche sich lagerten . Ich saß an der lichten Seite des Stammes und kraute einem Jagdhunde hinter den Ohren . Der König kannte meine Treue und war gewohnt , meinetwegen sich keinen Zwang anzutun , und Herr Thomas sah über mich hinweg , oder wann er mir einen Blick schenkte , war es kein unfreundlicher , denn jener von mir neben Gnades Sarg gesprochene Koranvers hatte ihm gefallen und wohlgetan . So war ich Zeuge eines wunderbaren und dem Menschenverstand unglaubwürdigen Gespräches , das aber so wörtlich wahr und gewiß ist , als daß ich hier bei Euch sitze . Die beiden Herren beredeten sich über ein Schreiben des Königs von Frankreich , das Herr Thomas aus seinem Gewande hervorgezogen hatte . Er unterhielt nämlich einen geheimen Briefwechsel mit dem Kapetinger in Paris , dem dazumal sein Kanzler , der Abt Sugerius , gestorben war und der , um einen Ersatz zu finden , Herrn Thomas , als den klügsten Mann der Erde , gerne seinem Herrn abtrünnig gemacht und in den eigenen Dienst gelockt hätte . Dieser tat nicht unwillig und erfuhr unter der ungesucht ihm in die Hand gefallenen Larve auf einem kurzen und sichern Wege alles , was er von den Anschlägen des fremden Königs gegen den seinigen und die normännische Krone durchaus wissen mußte . In dem Briefe , den der Kanzler Herrn Heinrich übergeben hatte , mochte der König von Frankreich ihm wieder hart zusetzen , in seine Dienste überzutreten , denn mein Herr ergötzte sich mit wahrhaft königlicher Lust an dem Schreiben . › Schau , schau ! ‹ spottete er , › zehntausend Pfund bietet er dir . Er will es sich etwas kosten lassen . Aber daraus wird nichts , mein Vetter Frankreich . Diesen preiswürdigen Mann laß ich nimmermehr fahren ! ‹ Und er legte die Hand liebevoll auf die Schulter sei nes Günstlings . Dann scherzte er in übermütig vermessener Laune : › Hast du etwas gegen mich auf dem Herzen , mein Thomas , und willst es mich entgelten lassen , tapferer Mann , ohne Gefahr deines Leibes und Lebens , wohlan , dazu kann Rat werden ! Morgen send ich dich – in den Geschäften , die du weißt – nach Paris zu dem , der um dich wirbt ! Laß sehen , ob es ihm gelingt , dich zu verführen und mit Schmeichelwort zu Falle zu bringen ! ‹ Wundert Euch nicht allzusehr über diese unvernünftige Scherzrede und die freche Sicherheit meines Königs . Sahet Ihr die zweie zusammensitzen , den gewaltigen Leib und den Löwenkopf des einen , die feinen Gliedmaßen und die milde Miene des andern , es wäre Euch verständlich gewesen . Darauf entstand eine Stille . Ich glaubte , der Kanzler empfinde es bitter , daß Herr Heinrich , der so tief in seiner Schuld stand , ihm die Angeborenheit seines schmiegsamen und unterwürfigen Wesens , die doch der Majestät allein zugute kam , in grausamem Leichtsinne vorhalten mochte . Doch erwiderte Herr Thomas nach einer Weile ohne merkliche Ärgernis in ruhiger und – wie sage ich – philosophischer Rede : › Was ich gegen dich auf dem Herzen habe ,