könne , das ewige sei . Und er tat wohl daran , sich auf den Tod gefaßt zu halten . Die Richter hatten nach dem in Ferrara gültigen römischen Recht , welches das Majestätsverbrechen mit dem Tode bestraft , einstimmig das Urteil gesprochen zu Block und Beil in Ansehung des hohen Ursprungs der Schuldigen . Aber der Herzog zögerte noch , es vollziehen zu lassen . Er zögerte , doch niemand in Ferrara , der ihn kannte , zweifelte daran , daß der Aufschub der Hinrichtung nur eine Anstandsfrist von einigen Wochen sei . Dieses Hangen und Harren verursachte Don Giulio schlimme Tage und schlaflose Nächte . So wendete er sich wiederum an das Gericht mit dem Bekenntnis , die Geister des Dunkels mißbrauchten seine Blindheit , um seine Seele zu zerrütten , und mit der Bitte , ihm , um die langen Stunden zu täuschen , eine Handarbeit zu erlauben , wie sie ein armer Blinder betreiben könne , ein Gewebe oder Geflecht oder etwas ähnliches . Da beauftragte das Gericht den Kerkermeister , von Pratello ein paar Wellen Stroh bringen zu lassen , wie man es zum Flechten von feinen Matten verwendet . Nun zogen eines Tages vor den ergötzten und gerührten Augen der Ferraresen ein Dutzend Bauern von Pratello in ihrem Festgewand , die Schulter mit Garben des feinsten und glänzendsten Strohes beladen , ernsthaft durch die Straßen Ferraras nach den Kerkern im Schlosse , wo ihre Gaben zwar in Empfang genommen , sie selbst aber zurückgewiesen wurden mit einziger Ausnahme des Findelkindes Strappovero . Diesen Jungen nämlich behielt der Kerkermeister , damit er Don Giulio flechten lehre . So hatte der Blinde wieder Gesellschaft , eine harmlosere als anfangs , mit der man ihn oft kindlich lachen hörte . Aber nur für kurze Zeit . Sobald er die leichte Kunst ergriffen hatte , schloß der Kerkermeister den von Don Giulio reich belohnten Jungen aus dem Gefängnis . Dieser aber sperrte sich dagegen wie ein Verzweifelnder und klammerte sich an die Gitterstäbe , ein jämmerliches Geschrei erhebend , so daß er einen kleinen Auflauf des Mitleids verursachte in dem stillen und wohlgehüteten Ferrara . Es war unglaublich , wie die Leute von Pratello ihren geblendeten Herrn zu lieben begannen ! Sei es , daß sie seine vergangenen Übertretungen für reichlich gesühnt hielten , sei es , daß für sie auf dem dunkeln Hintergrunde seines Unglücks das Grundbild seines warmen und ehrlichen Gemütes fesselnd und blendend hervortrat . Allen diesen aufregenden Ereignissen war die Hauptperson am Hofe des Herzogs , der größte Schuldige aber in den Augen des Volkes , vollständig fern geblieben ; denn es war Wahrheit , der mächtige Kardinal rang im Dämmer eines Krankenzimmers mit seinem Gewissen und dem Tode . An jenem Unglücksabende in Belriguardo , da Don Giulio das blutende Haupt in den Purpur des Kardinals vergrub , die erschrockenen Gäste auseinanderstoben und der erste Windstoß durch die Wipfel fuhr , hatte Ippolito nach seinen Dienern und seinen Pferden gerufen , sich auf seinen Leibhengst geworfen und war , Belriguardo verlassend , wo er sich für längere Zeit eingerichtet hatte , unter den sich kreuzenden Blitzen des Gewitters , ohne sich nach dem Gefolge und den stürzenden Pferden umzusehen , nach Ferrara geflohen . Dort in seinem Stadtpalaste im Fackelschein der Halle fiel sein Blick auf seinen von den verwüsteten Augen des Bruders befleckten Purpur , den die Gewitterströme nicht hatten rein waschen können , und ein Schauder schüttelte sein Gebein ! Er aber raffte seine Geister zusammen und verschloß sich in seine Kammer . Er verfiel in bleiernen Schlaf , der gegen Morgen in unheimliche Fiebergefühle überging . Dennoch verließ er das Lager und begann wie sonst seine Tagesgeschäfte . Er erzwang es , sie zu verstehen und zu beherrschen wie zu andern Zeiten . So trieb er es eine Weile . Kein Verhaftbefehl erschien , ebensowenig der Herzog selber . Täglich wuchs seine Ungewißheit und seine Unruhe . Ihn ekelte vor jeder Speise , ihm graute vor den Kissen seines Lagers ; denn seine Nächte wurden immer schauerlicher und seine Träume jagten auf immer wilderen Rossen . Es kam eine Sonne , die ihn nicht mehr zu vollem Bewußtsein aufweckte . Er fuhr ein in einen dunklen Schacht , der sich mit flackernden , sich drängenden Visionen bevölkerte . Da schritt ein feierlicher Zug . Je zwei und zwei ! Männer und Weiber ! Das sind die vielen , vielen Opfer seines unerbittlichen und unersättlichen ferraresischen Ehrgeizes mit den minder zahlreichen seiner seltenen , aber rasenden persönlichen Begierden . Da gehen ermordete Boten , verschwundene Gefangene , erdrosselte Zeugen und jetzt nebeneinander zwei schöne , traurige Frauen , die blonde mit triefenden Haaren , geschwollenem Hals und auf dem Rücken gefesselten Armen , die Dunkle mit einer blutenden Herzwunde . Aber während diese alle je zu zweien schritten , wandelte allein in der Mitte des gräßlichen Zuges ein Riese mit blutigen leeren Augenhöhlen . Da plötzlich ergoß sich eine blendende Helle , ein stechend blauer Himmel breitete sich aus , in dessen Mitte eine ungeheure Wage schwankte . Sie schwankte lange . Da wuchsen , immer deutlicher werdend , aus dem Himmel zwei große Augen hervor und ließen rote Tränen in die eine Waagschale fallen , deren Becken mit metallenem Klang in die Tiefe stürzte , die andere Schale wie einen Federball hoch in die Lüfte schleudernd . Endlich verschwand ihm alles in Angst und Nacht . Eines Morgens , nach Monaten , erwachte er mit bis auf das letzte Mark verzehrten Kräften , aber trotz seiner Todesschwäche mit völlig klaren Sinnen . Da sah er neben sich seinen Bruder , den Herzog sitzen , der ihn mit besorgten Blicken behütete . » Wo bin ich ? Was geschah mit mir ? « hauchte der Kranke . Der Herzog erwiderte vorsichtig , die Sommerhitze und vielleicht die Sumpfluft in Belriguardo habe , wie die paduanischen Arzte behaupten , dem Kardinal ein verderbliches Fieber zugezogen . Gleichzeitig entdeckte der Kranke mit seinen