wohin es dir beliebt ! – Nur sorge dafür , daß ein weiter Raum zwischen uns liegt ; denn ich will dich nie wieder sehen , nie ! – Selbst nach dem Tode nicht ! – Fort mit dir ! « Damit schritt sie rasch und ohne sich umzusehen , die Treppe nach dem oberen Stockwerk hinauf , während die Tür des Amtszimmers zuflog . » Gott sei Dank , daß wir diese Mördergrube im Rücken haben ! « sagte Lucile zu dem jungen Mann , der stumm und schwer atmend mit ihr den Vorderhof durchschritt . Ihre kindlich helle Stimme klang noch bitterböse , und die nach dem Hause zurückdeutende Hand ballte sich zur kleinen drohenden Faust . Aber sie duckte sich auch sofort wieder furchtsam nieder , denn noch waren sie im Bannkreis der » Mördergrube « , aus deren tiefen Fensterhöhlen sich jeden Augenblick noch der Knochenarm eines büßenden Mönches unendlich lang herüberstrecken und ihr Genick eiskalt berühren konnte ; noch trennte die hohe , finstere Mauer den Klosterhof von der offenen Straße , und seitwärts unter den dichtverschränkten Lindenwipfeln ballten sich die Schatten der Nacht zu hockenden Gestalten , – es rauschte leise von dorther wie verdächtiges Stimmengemurmel , und der Wasserstrahl des Laufbrunnens glitzerte durch das nächtliche Dämmerdunkel , wie ein breites , gezücktes Schlachtmesser . Die kleine Klosterpforte war rasselnd hinter ihnen zugefallen , und nun , ihre kleine Person in vollkommener Sicherheit wissend , blieb Lucile stehen . » Puh , was für Menschen ! « rief sie und rüttelte und schüttelte unter drollig trotzigen Gebärden die biegsame , seidenrauschende Gestalt , als wolle sie aus jeder Kleiderfalte den dicken Klosterstaub und von der Seele die häßlichen Eindrücke schütteln . » Armer Felix , du bist ja in einem wahren Zuchthause aufgewachsen ! – Eine schöne Verwandtschaft , das nimm mir nicht übel ! Und das nennt sich Mutter ! Und der schreckliche Mensch , der immer wie Samiel im Freischütz so teuflisch aus der Kulisse lachte – « » Mein Onkel , Lucile ! « unterbrach sie Felix nachdrücklich , wenn auch mit vor Aufregung halb erstickter Stimme . » Ach was ! – Für einen solchen Onkel danke ich ! « entgegnete sie ungeduldig . » Du bist viel zu gut und sanft , Felix ; du hast dir jedenfalls stets zu viel gefallen lassen , und nun sollst du nicht einmal heiraten , und die Frau Mama möchte dich alles Ernstes als alten Junggesellen ins Haus stiften , der ihr zeitlebens das Garn wickelt und beim Gemüseputzen hilft – oh , da sind wir auch noch da , Madame ! ... Was für eine hochmütige Frau ! Vermutlich , weil sie noch hübsch ist – bah , was nützt das bei solchem Alter ! Und alt ist sie , alt wie die Mama , die auch schon längst mit der Puderquaste die Löcher in der Haut ausfüllt ... Jung sein – ja , das ist die Hauptsache ; und wir sind jung , Felix , blutjung , gelt ? – Und darum beneiden uns die Alten . « Er antwortete nicht . Ihm , für den sonst die übermütige Silberstimme der Geliebten ein Quell berauschender Melodien war , ihm flog ihr Geplauder in diesem Augenblick unverstanden und wirkungslos am Ohre hin – der Schmerz über die stattgehabten Auftritte mit seiner Mutter und die schwere , unsäglich bange Sorge , wie es nun werden sollte , stürmten durch seine Seele . Sie gingen unter dem tief niederhängenden Gewitterhimmel hin , von dem sich bereits einzelne , schwer auf dem Pflaster zerschellende Regentropfen lösten . Ein heißer Brodem füllte die menschenleere Straße , an deren äußerstem Ende eben die erste Gasflamme auftauchte . Trotz der einbrechenden Nacht sah man hinter dem herrlichen , alten Eisengitter des Schillingshofes die bleiche Verschlingung der Landwege , die mächtigen Päonienbeete voll großgeöffneter , feuriger Blüten im Vordergrund des eleganten Rasenparterres ; sah man das prächtige Brunnenmonument mit seinen scheinbar unbeweglich stehenden , silbernen Wassersäulen , und dahinter , wenn auch halbverwischt , die Fassade des italienischen Hauses . Das war freilich ein anderer Eingang als auf dem Klostergute – so viel vornehme Ruhe , wie eben ein venezianischer Prachtbau , oder eine florentinische Villa um sich behaupten . Das Gittertor drehte sich geräuschlos in den Angeln , und das Fallen der Brunnenwasser kam als ein so weiches , melodisches Plätschern herüber , daß man daneben jeden vereinzelten , klatschenden Schlag der Regentropfen auf den großen Rizinus- und Rhabarberblättern , das Rieseln des Sandes hörte , den Luciles Schleppe streifte . Die junge Dame sog in tiefen Zügen die gewohnte vornehme Lebensluft ein – sie fühlte sich wieder in ihrem Element . Der schweigende Mann an ihrer Seite ging ihr viel zu langsam – sie hätte das Rasenrund umfliegen mögen , um so schnell wie möglich wieder Parkett unter den Sohlen und schwebende Lüster über dem Lockenkopf zu haben ... Da stockte ihr Fuß plötzlich – dicht am Wege , unter eine Taxushecke geduckt , kauerte ein kleines Mädchen . » Was tust du da , Kind ? « fragte die junge Dame . Es erfolgte keine Antwort . Felix bog sich nieder und erkannte in der Kleinen , die sich scheu noch tiefer in das dunkle Gebüsch wühlte , Adams Töchterchen . » Du bist ' s , Hannchen ? « sagte er . » Ist dein Vater wieder drin beim alten Herrn ? « – er zeigte nach dem Säulenhaus . » Ich weiß nicht , « stieß das Kind hervor – es rang unverkennbar mit einem Jammerausbruch . » Hat er dich hierhergeführt ? « » Nein – ich bin allein fortgelaufen . « – Sie weinte in sich hinein ; man hörte das keuchende Kämpfen der kleinen Brust . – » Die Großmutter versteht ' s nicht – sie sagt , ich sei dumm und schlecht , weil ich so was von meinem Vater dächte . « » Was denn , Kind ?