Busen hob sich in stürmischen Atemzügen – sie lag dort wie ein scheuer , zitternder Vogel , der sich unter der greifenden Hand angstvoll niederduckt . » Was ist das heute wieder , Frau Löhn ? « fragte der Hofprediger . » Sie ist sehr aufgeregt – bis in die Sakristei habe ich ihre Klagelaute gehört . « » Ihre Hoheit , die Frau Herzogin , ist wieder einmal am Hause vorbeigeritten , Hochwürden – da geht stets der Spektakel los , das wissen wir ja , « versetzte die Beschließerin respektvoll , aber nicht ohne hörbar hervorplatzenden Aerger und Unmut . Ein Zug von feinem Spott flog blitzschnell um seinen Mund . » Dann muß es eben ertragen werden , « sagte er achselzuckend . » Die Frau Herzogin wird auf diesen Spazierritt im › Thal von Kaschmir ‹ sicher nicht verzichten – wer würde auch den Mut haben , ein solches Opfer von ihr zu verlangen ? « Er trat näher an das Bett – eine Bewegung , die ein sofortiges Aufzucken der leidenden Frau zur Folge hatte . » Bei all Ihrer Strenge geben Sie der Kranken doch wohl zu sehr nach , beste Frau Löhn , « sagte er über die Schulter zurück zu der Beschließerin . » Wozu immer noch diese schweren Armspangen an den gelähmten Gliedern , dieses Kettenwerk auf der Brust ? « » Es wär ' ihr Tod , Hochwürden , wenn ich mich an den Sachen vergreifen wollte , « sagte die Frau – das klang eigentümlich gepreßt zwischen den Zähnen . In den tiefen , schmalgeschlitzten Augen der Frau glomm es wie ein verhaltener Funke . » Glauben Sie doch das nicht – sie ist ja schwach und abgezehrt zum Zerblasen . Diese Last bei ihrer Unbehilflichkeit regt sie mehr auf , als Sie denken ... Kommen Sie , machen wir den Versucht ! « Jetzt öffnete die Kranke ihre Augen weit – sie waren voll Entsetzen . Die Linke fest an den Busen gepreßt , stieß sie einen jener weichen und doch durchdringenden Klagetöne aus , wie sie heute nachmittag zu Liane gedrungen waren . Frau Löhn stand sofort zwischen ihr und dem Mann im schwarzen Rock , der sie bedrohte . Sie legte ihre breite , knochige Linke bedeckend auf das blasse , krampfhaft geballte Händchen . » Hochwürden , da muß ich bitten ! « protestierte sie – es lag eine seltsame Wildheit in dieser entschiedenen Haltung und Gebärde . » Das geht mich auch an ! ... Wenn Sie mir sie wild machen , wer hat nachher die schlaflosen Nächte ? Ich armes Weib ... Ich brauchte es freilich nicht – ich könnte es ja auch machen wie die anderen im Schlosse , die um keinen Preis einen Fuß hierhersetzen , und hätte meine Ruhe . Ich will auch gar nicht etwa sagen , daß ich ' s aus Liebe thue , oder aus Mitleid – ich bin ein hartes Weib und will mich nicht besser machen , als ich bin ... Die Leute gehen mich ja auf der Gotteswelt nichts an , « fuhr sie ruhiger , aber auch mürrisch und verdrossen fort . » Wenn ich hier aus und ein gehe und so viel wie möglich für Ruhe sorge , so thue ich ' s für meine Herrschaft , von der ich das Brot habe . « » Frau , was ficht Sie an ? « beschwichtigte der Hofprediger lächelnd – er schüttelte leise den Kopf . » Wer zweifelt denn an der Pflichttreue , dem kalten Blut der Löhn ? ... Mag doch die Kranke ihr Spielzeug behalten – ich bin der letzte , der Ihnen Ihr Amt erschweren möchte . « Mittlerweile ging die junge Frau mit unhörbaren Schritten hinaus . Sie mußte den klaren Nachthimmel über sich sehen und den Sand des Weges unter ihren Füßen knirschen hören , um zu empfinden , daß sie nicht in der Nebelwolke eines phantastischen Traumes wandle , einen so schwerbeklemmenden Eindruck machten ihr die seltsam zusammengewürfelten Menschen unter dem Bambusdache . Es war ihr , als habe sie ein Bild voll Anachronismen gesehen – jenes fremdartige , feingliedrige Wesen , das schmuckbeladen , in einer weißen Musselinwolke , wie eine indische Fürstentochter auf dem Rohrbette lag , und das hünenhafte , rauhe Weib mit dem grobkörnigen Deutsch auf den Lippen , mit der steifgestärkten Leinenschürze und dem hochaufgesteckten Hornkamm im graumelierten Zopfknäuel am Hinterkopf – ein fast unglaubliches Nebeneinander ! ... Betäubend schlugen der Hinaustretenden die Rosendüfte entgegen . Der Nachtwind hatte sich aufgemacht . Er blies durch die schwüle , vom flimmernden Silberlicht gleichsam starrende Luft und trug einen langgezogenen Harfenton über die Gärten . Die junge Frau legte unwillkürlich ihre schlanken kühlen Hände an die klopfenden Schläfen und verließ die Verandastufen . » Das Thal von Kaschmir – das Paradies , das die erste atmende Menschenbrust nicht verstanden und für uns alle verwirkt haben soll ! « sagte der Mann im schwarzen Rock , der ihr gefolgt war und nun neben ihr her schritt . » Die meisten suchen es und gehen , vom alten Fluch geblendet , blöde vorüber ; – der Asket streicht es , seine Entzückungen verlachend , hart und eigenmächtig aus seinem Lebensplan , bis ein Blitz niederfährt und ihm zeigt , daß er ein Thor war , daß er den Fluch nicht ererbt , sondern durch eigene Vermessenheit auf sich geladen hat . « Seine Stimme klang verschleiert , als dämpfe auch sie der erstickend heiße Atem der Julinacht . Liane blieb stehen und sah in eine unregelmäßigen , aber tiefbewegten Züge ; sie wollte antworten – da stieg plötzlich eine klare Blutwelle in ihr Antlitz bis über die perlmutterweißen Schläfen hinauf , und ihre großen , klugen Augen wurden hart und kalt wie Stahl – unter diesem feurig beredten Männerblick ging sie nicht auf ein solch seelenbewegendes Thema ein . Sie überwand eine peinliche Empfindung und sagte sehr kühl und abweisend : » Bei solchen Klagetönen