und seltsam durchschauert von einem Gemisch schamhafter Scheu und einem ihr völlig neuen , unbekannten Glücksgefühl dachte sie zum ersten Mal , wie es werden könnte , wenn der da drüben frei , vollkommen frei , ihr seine Hand böte , und da lagen auch sofort Zerwürfnisse vor ihr , in die sie schaudernd blickte wie in einen bodenlosen Abgrund … Das Wort „ Kampf “ war für sie bis dahin eigentlich vollkommen bedeutungslos geblieben . Rein und ungetrübt wie ein klarer , geschützter Wasserspiegel , zu dem die Stürme nicht eindringen konnten , hatte ihre junge Seele der Welt zugelächelt ; nur einmal waren dunkle Wolken darüber hingezogen , das war , als ihre Mutter starb ; ein Schicksalsschlag , der Schmerzen , aber keinen Kampf mit sich brachte . Vergöttert von ihrem Vater hatte sie stets mühelos das erlangt , was ihr wünschenswert war , und traf sie ja einmal auf Widerstand , so bedurfte es eines Schmeichelwortes , einer kleinen Schelmerei ihrerseits , um den väterlichen Beschluß umzuwandeln . Sie hatte deshalb auch noch gar keinen Maßstab für die Tragkraft ihrer Seele gegenüber einem fast übermenschlichen Opfer … In der einen Wagschale lag ja auch in diesem Augenblick nur ein Phantom , der süße Traum von Glückseligkeit , in der anderen dagegen die Wirklichkeit , Tante Bärbchens Ansprüche auf ihre Dankbarkeit und Hingebung . Und darum siegte schnell die Ueberzeugung , daß die Tante in einem solchen Kampf niemals die Unterliegende sein dürfe . Sie war ja die Retterin der Familienehre , ihr allein war es zu danken , daß Lilli und die Ihren jetzt in sorgenfreien , ja glänzenden Verhältnissen lebten ; sie hatte mit nie ermüdender Geduld und Ausdauer am Lager ihres kranken Lieblings gewacht , wo die mütterliche Pflege erlahmte – das Phantom versank in diesem Moment rettungslos . „ Tante Bärbchen , Du lachst immer über meine zerbrechliche Gestalt , “ sagte Lilli trotzig , „ und magst wohl denken , mit der Seelenstärke sähe es auch nicht viel besser aus … glaube das ja nicht ; ich würde genau so handeln wie Du ! “ „ Oho , Kind , Du sprichst da wie der Blinde von der Farbe ! “ lachte die Hofrätin . „ Närrchen , was weißt denn Du von Herzenskämpfen ! Hast ja noch einen Puppenspielwinkel in Deiner Stube ! Uebrigens , Gott mag Dich behüten , daß Dir niemals dergleichen Conflicte nahe treten , “ fügte sie weich hinzu und strich liebkosend über das reiche Haar des jungen Mädchens , „ es sähe dann doch wohl übel aus um meine kleine Mondscheinprinzessin ! “ Das Gespräch wurde durch einen Besuch unterbrochen . Ein junger Kaufmann aus der Stadt , der Sohn einer mit Tante Bärbchen befreundeten Familie , war von einer Reise nach Paris zurückgekehrt und wollte seine Aufwartung machen . Mit der Tournüre eines Weltmannes trat er in die Laube , die sich sofort mit dem Duft eines starken Parfüms füllte . Von der Frisur bis herab zur Chaussure repräsentirte der an sich ganz hübsche junge Mann die allerneueste Modelaune des modernen Babels , und ein Phrasenstrom , stark untermischt mit französischen Brocken , floß wie Honigseim über seine Lippen . Nach Tante Bärbchens schlichter , ergreifender Erzählung machte dies geschraubte , oberflächliche Wesen einen doppelt widerlichen Eindruck auf Lilli . Sie beantwortete seine an sie gerichteten Trivialitäten höchst einsilbig und war sehr froh , als die Hofrätin sie nach einer Weile mit dem Auftrag hinausschickte , ein Bouquet für die Mutter des jungen Herrn abzuschneiden . Allein zu ihrem Verdruß verabschiedete er sich gleich darauf von Tante Bärbchen , schritt neben ihr her und lispelte bei jeder Blume , die sie abschnitt , eine fade Schmeichelei . Zornig riß sie endlich eine halb abgeblühte , häßliche Pechnelke ab , steckte sie in das Bouquet und reichte ihm dasselbe mit abgewendetem Gesicht hin . Ohne Zweifel viel zu eitel , um Lilli ’ s Geberde zu verstehen , haschte er nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen . In demselben Augenblick scholl es wie ein zerschmetternder Schlag durch die Lüfte , dem das Klirren niederstürzender , auf Steinpflaster zerschellender Glasscherben folgte . Lilli wandte sich jäh und bestürzt um nach dem Turm des Nachbarhauses , denn von dort her kam der Lärm . In zahllosen Splittern taumelten eben die letzten glitzernden Reste des nördlichen Turmfensters herab – verschwunden , in Atome zerstäubt waren die poesievollen [ 483 ] Gestalten der unglücklichen Liebenden – statt ihrer umschloß der Fensterrahmen die gebietende Erscheinung des Blaubartes . Wie unberührt von dem Geräusch des zertrümmerten Kunstwerkes stand er einen Moment , die Rechte ausgestreckt , unbeweglich da , dann verschränkte er die Arme und blickte in dieser herausfordernden , beinahe hohnvollen Stellung unverwandt auf das Paar herab ; der hinter ihm niederfallende dunkelblaue Vorhang ließ eine auffallende Blässe seines Gesichts doppelt hervortreten . „ Nun , der Nabob da drüben macht sich wohl einen Privatspaß und zerschlägt seine kostbaren Fenster , um sich neue anschaffen zu können ! “ sagte spöttisch der junge Mann an Lilli ’ s Seite ; „ Wie er unverschämt herunterstarrt ! … Ich hätte gute Lust , ihn für seine Frechheit zu züchtigen ! “ Diese Drohung wurde jedoch in sehr zahmem Ton geflüstert und war offenbar nicht darauf berechnet , den Weg bis hinauf zum Turmfenster zu machen . Lilli hörte sie kaum . Mit dem Verständniß eines erwachten Herzens begriff sie blitzschnell , was in dem Innern des Mannes da droben vorgehe ; er litt unverkennbar . Sie fühlte den fast unbezwinglichen , leidenschaftlichen Wunsch , ihn beruhigen zu dürfen , aber beinahe ebenso schnell gewann sie die Herrschaft über ihre heftige Gefühlsaufwallung . Bei alledem blieb ihr der Gedanke unerträglich , daß der Anschein einer näheren Beziehung zu dem jungen Gecken auf ihr laste ; deshalb erwiderte sie dessen zierliche Verbeugung mit einem kaum merklichen , stolzen Kopfnicken , und ohne noch einen einzigen Blick nach dem Turmfenster zurückzuwerfen ,