wurde mir da so wunderlich mit einem Male . Ich fragte beiläufig , was der Mann für ein Gewerbe treibe ? – Sprachlehrer , die Stunde fünfzig Pfennig ! Eine feste Anstellung konnte er krankheitshalber nicht annehmen , bekam sie auch nicht ! – Heiliger Gott , Trudchen , durchschnittlich täglich zwei Stunden , macht eine Mark – dazu sieben Kinder ! Na , siehst du , wir hatten den Mittag Austern vor der Suppe , sie waren gerade recht teuer und ich rechnete aus , daß ein solch glattes , delikates Dingelchen just so viel kostete , wie eine englische Stunde , in der der Mann seinen kranken Hals heiser sprach . Sie wollten mir trotz ihrer Schlüpfrigkeit nicht durch die Kehle gleiten , ich konnte es nicht über ein halbes Dutzend heute bringen , und das war mir doch mehr wie unangenehm . Bei jedem Gang dieselbe Geschichte , und wenn der Louis einen Champagnerpfropfen knallen ließ , war ' s jedesmal , als flöge er mir direkt auf den Magen . Ich habe nie ein ungemütlicheres Diner erlebt . Hinterher empfand ich Übelbehagen und mußte Natron nehmen . › Hol ' s der Henker ! ‹ dachte ich , › das könnte dir noch öfter 96 so gehen ‹ und – du weißt , Kind , ein gutes Mittagessen ist das reellste Vergnügen auf der Welt für unsereinen . Also , mir blieb nur übrig , sollten mir die Austern wieder schmecken , mich durch den Gedanken zu beruhigen , daß die Kauwerkzeuge der sieben hungrigen Krabben ebenfalls um Mittag herum ihre ordentliche Beschäftigung fänden . Ich schickte also die Hammeln zur Frau Lehrerin und ließ sie fragen , wieviel Wirtschaftsgeld sie wohl monatlich haben müsse , um alle sieben und sich dazu und den Mann ordentlich satt zu machen ! Du lieber Gott , es war am Ende doch nicht so riesig ; und so zahle ich Wirtschaftsgeld , und es schmeckt mir nun wieder im › Deutschen Hause ‹ . Jetzt beweise mir , daß das nicht vollendeter Egoismus ist . « » Ei natürlich , Onkelchen « , sagte das Mädchen mit leuchtenden Augen . » Solche Art Egoismus lasse ich mir gefallen . « » ' s ist alles eins , Trudchen . Die Hammeln schicke ich jetzt auch aus Egoismus in den Ruhestand . Sie wird so dick und breit , daß sie nicht mehr durch die Tür kommen kann mit dem Kaffeebrett . Ich frage dich nun , soll ich mir , der alten asthmatischen Person wegen , noch einen Diener halten , der ihr beide Flügeltüren öffnet ? Das wäre mir schön ! Heute früh habe ich ihr gesagt : › Hammeln , du kannst Ostern gehen , ich werde dir dein Gehalt als Pension fortzahlen – abgemacht . ‹ Sie 97 freute sich wie unsinnig , daß sie nun zu ihrer Tochter ziehen kann . « » Onkelchen , ich weiß , an wen ich mich gewendet habe , ich darf mich auf dich verlassen « , schmeichelte Trudchen . » Nicht wahr , du sprichst mit Franz ? « » Na ja , ja ; werde nur nicht so rot . Siehst du , nun hast du mir mit all deinen Reden den Nachtisch verdorben . Wann kommt denn Serenissima nach Hause ? « » Ich weiß es nicht , Onkelchen « , erwiderte das junge Mädchen . » Na ja , diese Klatschkaffees sind zu unberechenbar . Also , da seht ihr beiden Liebesleute euch wohl nur bei großen Festivitäten , wie Romeo und Julia , am dritten Ort , oder wenn gerade hier bei euch Gäste sind ? « Trudchen nickte still mit dem Kopfe . » Es ist die Möglichkeit ! « räsonierte der kleine Herr und stand auf . » Als ob ' s nicht die einzige glückliche Zeit ist im Leben , der Brautstand . Nachher kommt nämlich die reine Prosa , mein Kind . Und das verkümmern sie dir nun so – na , warte ! Ich muß aber jetzt zum L ' hombre . Heute abend werde ich einmal nachschauen bei deiner Frau Mama . Lebe wohl , grüße ihn , wenn du schreibst . « » Adieu , Onkelchen ; vergiß nicht , daß ich mich auf deinen Egoismus verlasse . « Und als der alte Herr die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte , setzte sie sich wieder an den 98 Schreibtisch , nahm einen Brief aus einem der Fächer und begann zu lesen . Der letzte Brief von ihm , heute früh , und es waren Verse : » Soll ich ' s Dir sagen , was Sehnsucht ist ? Kann ' s nicht mit Worten erklären ; Unruhe ist es zu jeder Frist , Glück , was nur Du kannst gewähren . Weiß im Städtchen , am Marktesplatz , Stattlich ein Erkerlein blinken , Weiß es , darinnen stehet mein Schatz , Siehet die Sonne versinken ; Weiß , daß zwei Augen , so groß und blau , Fragend gen Westen blicken , Ob nicht von dort , geliebte Frau , Zwei Lippen Dir Botschaft schicken ? Tickt mir im stillen Zimmer die Uhr , Tauwind klopft an die Scheiben . Draußen verrinnet des Winters Spur , Knospen schwellen und treiben . Langsam siehet , wer einsam ist , Stunde auf Stunde werden ; – Eins nur ist Trost mir , daß treu Du bist ; Frühling muß es ja werden ! Eines ist Trost , daß in Ewigkeit , Wenn zwei sich in Liebe gehören , Menschenzungen und Menschenneid Nicht können solch Bündnis stören . « Wie sie diese Verse freuten in ihrer Traurigkeit ! Nichts in der Welt konnte sie trennen ! Ein Glück und eine Not ! – Tausendfach wollte sie ihm mit Liebe vergelten für alles , was er jetzt um ihrethalben erdulden mußte . Mit tausend guten , innigen Worten versuchte sie jene Mißachtung vergessen zu machen , die man ihm , dem