sah ich zu Leutnant v. Eberhardt hinüber , doch er mochte längst vergessen haben , was er eben gesagt hatte , seine Augen schweiften über die Lichtung , in der wir uns befanden . In vollen Zügen sog er den harzigen Duft der Tannen ein . " Wollen wir ein wenig rascher reiten ? « fragte er . Ich war gleich dabei , und so flogen wir bald an Hanna und ihrem Begleiter vorüber . Ach ja , es waren schöne , himmlische Tage , wie sie wohl einem jeden einmal beschieden sind auf dieser Welt , und diese Zeit taucht aus dem sonst so trüben Meere meines Lebens wie eine grüne , sonnenklare Insel auf . Ich will sie nicht beschreiben , diese schöne Zeit der erwachenden Liebe , beruht doch der ganze Zauber manchmal nur in einem Blick aus jenen lieben Augen – ein paar kurze , für andere bedeutungslose Worte lassen unser Herz höher schlagen , man vergißt Zeit und Umgebung und sieht nur allein die teure Gestalt , und Lächeln und Tränen wechseln miteinander ab . Aber ich war es nicht allein , deren Herz in dem Aprilwetter der Liebe bebte , auch Hannas Wesen war verändert . Der kleine , blonde Herr v. Bergen wich kaum von ihrer Seite , und ihre zuzeiten ungewöhnliche Heiterkeit , der bald in unserem stillen Zimmer ein Tränenerguß folgte , zeigte mir nur zu deutlich , daß auch sie im Begriff war , ihr Herz zu verlieren , oder es bereits verloren hatte . Gleichwohl sprachen wir uns gegenseitig nie aus . Jede wußte wohl der anderen Geheimnis , hütete sich aber , daran zu rühren . Ob Frau v. Bendeleben nichts merkte oder nichts merken wollte , ist mir stets rätselhaft geblieben . Da wir auf alle in Aussicht gestellten größeren Festlichkeiten einer entfernten Trauer wegen verzichten mußten , und die Herren , um in unserer Gesellschaft zu weilen , ebenfalls vorzogen , auf Schloß Bendeleben zu bleiben , und auf die Manöverbälle zu verzichten , so hatte sie beständig Gelegenheit , uns zu beobachten , was ihr in größerer Gesellschaft schwer geworden wäre . Anscheinend war sie aber stets in die Unterhaltung mit dem Obersten oder Hauptmann so vertieft , daß sie für uns junge Leute kaum ein Auge zu haben schien , nur dann und wann streifte ein Blick unsere Gruppe . Im übrigen konnten wir plaudern , musizieren und in Begleitung des Barons in dem Park reiten , soviel wir wollten . Vierzehn Tage gehen rasch vorüber , und wenn man von dem nun so nahen Abschied sprach , sah ich Hannas rosiges Gesichtchen erbleichen . Ob es mir besser erging ? Ich weiß es nicht . Am Tage vor dem Abmarsch , es war am 2. September , hatten wir ungewöhnlich lange bei Tische gesessen , und die Sonne senkte sich bereits , als wir uns erhoben . Unsere Pferde standen schon , ungeduldig scharrend , vor der großen Freitreppe , wir wollten zum letztenmal einen Spazierritt machen . Hanna und ich stiegen zu unseren Stübchen hinauf , um die Reitkleider anzuziehen . » Wie einsam wird es morgen hier wieder sein , Gretel « , sagte sie leise und sah mich an . Sie wollte lächeln , und doch standen Tränen in den großen Augen . Ich konnte nichts erwidern . Die letzte Nacht war mir schon schlaflos vergangen , und Kathrinens Worte : » In den Tod legte ich mich , Gretchen , wenn du unglücklich würdest « , klangen mir immer vor den Ohren . Ich hatte beinahe gar nicht , höchstens flüchtig an sie gedacht in diesen seeligen Tagen , und erst bei der Mahnung an den bevorstehenden Abschied war es mir zentnerschwer auf die Seele gefallen : Wenn Kathrin recht behalten sollte ! Wenn er nur sein Spiel mit mir getrieben hätte , wenn jene halb geflüsterten und doch so vielsagenden Worte , jene glänzenden Blicke mich getäuscht hätten , wenn er mich nicht liebte ? Heftig strich ich meine Locken zurück und drückte den Hut mit dem blauen Schleier darauf , während ich hoch aufatmete , als müßte ich vor Angst ersticken , aber nein – es war ja nicht möglich , sein ganzes Wesen bürgte mir für seine Ehrenhaftigkeit . Wie teilnehmend hatte er sich nach meinem Vater erkundigt , wie bedauert , daß mir keine liebende Mutter zur Seite stand . Alles , was er sagte , hatte so wahr , so echt geklungen . Nein , und tausendmal nein , er liebte mich , das hatte ich in seinen Augen gelesen , und wenn sein Mund es auch nicht aussprach , ich wußte es doch – und war glücklich . Als wir in unseren Reitanzügen hinunter kamen , und er mir beim Aufsteigen die Hand bot , traf mich ein so glücklicher Strahl der dunklen Augen , daß ich erschrak . Nebeneinander ritten wir in den würzigen Herbstabend hinein . Die scheidende Sonne warf purpurrote Strahlen auf die Wipfel der Eichen und Buchen am Waldwege , die Luft war klar und mild , und klar und mild klang seine Stimme zu mir herüber . Hinter uns kam Hanna mit Herrn v. Bergen , und ihnen folgte der Baron mit dem Obersten , der sich zum Abschied der kleinen Kavalkade angeschlossen hatte . » Wir reiten nach dem Forsthause ! « rief der Baron uns zu , und bald befanden wir uns in der grünen Dämmerung . Die Vögel hatten schon ihre Nester aufgesucht , es war eine heilige Abendstille in der Natur . Nur von fern klang die Glocke der kleinen Kirche von Weltzendorf und läutete den Feierabend ein . Und die Stunde war gekommen , wo mir das Leben den vollen Rosenkranz in die Locken drückte , wo mir der geliebte Mann sagte , daß er mich liebe , wo er mich fragte , ob ich sein werden wolle für alle Zeit . Die Dunkelheit war hereingebrochen , aber in meinem Herzen war eine