konnte doch sehen , daß Leute , die zeichneten , schließlich nicht durchaus Tagediebe waren . Und so in diesem Beharren kamen die Jahre und verschwanden . Korl Lorensen und ich wurden konfirmiert an dem nämlichen Tage . Er war allerdings , wie gesagt , anderthalb Jahre jünger , aber für einen Tischler war frühes Eintreten in die Lehre erwünscht , und der vierzehnjährige rotblonde stämmige Junge mit den rotgefrorenen mächtigen Fäusten , der gedrungenen Figur , dem runden Apfelgesicht und den im Widerspruch mit all diesen Zeichen einer robusten bäuerlichen Natur stehenden sehnsüchtig verträumten blauen Augen schüttelte mir die Hand , als wir vor der Kirchtür auseinander gingen , und sagte : » Albert , ick mutt nu doch to Maadsen , aber Dresden gew ick nich op , un du blifst min Fründ , Albert , und du seggst mi dat woll , wenn du so wit bist , un denn komm ick mit . Min 94 Unkel Heß mutt un mutt dat för mi dohn , ick kann nich Discher blieben , ick will Maler warn . « » Och ja , Korl Lorensen , ick will di dat woll seggen , wann ' t so wit is , un Sünndags gahn wi , as sünst immer , spazeeren , dat wöllt wi fast hollen . Lat di god gahn , Korl ! Ick sall ja nu woll bi minen Vadder in ' t Geschäft . « Ja , so war ' t ock . Ick kam denn nu to min allen goden Vadder un schufte da vör alle Gewalt . Und Abends machte ich Studien in meiner kleinen Kammer für meinen künftigen Malerberuf , und was mein Schwager war , der hatte schon ein paarmal zu meiner Mutter gesagt : » Er hat ein büschen Talent , ein ganz nüdliches Talent hat der Albert . « Aber keines der Eltern zeichnete darauf , keine Seele wollte auf meinen Herzenswunsch eingehen , nur einzig und allein Korl Lorensen verstand mich . So oft ich konnte , schlich ich durch das Nachbarhaus auf den Hof , natürlich Feierabends , und rief zu den Fenstern der Tischlerwerkstatt hinauf : » Korl , bist du bald fertig ? « Manchmal kam er dann herunter , müde und matt , aber mit leuchtenden Sehnsuchtsaugen , die beständig in einer andern Welt zu sein schienen . Manchmal auch rief er : » Noch nich , Albert , hüt abend nich , min Beddstell is noch nich fertig . « Der arme Junge mußte nämlich jeden Tag eine Bettstelle fertigen von sehr primitiver Art , aber fertig mußte jeden Tag eine werden , da half ihm nix von . Discher Maadsen lieferte solche in Masse für Gott weiß welche Zwecke . Der Lehrjunge hatte eine zu machen , die Gesellen mehr als das . Aber wenn Korl Zeit hatte , standen wir flüsternd zusammen in irgend einem Winkel und schwärmten und schwiedeten einen Plan nach dem andern und stärkten unsre moralische Kraft für den Widerstand , dessen wir unsern Alten gegenüber so nötig bedurften . Eduard Heß hatte nämlich eine genau so schroffe Stellung gegen die Wünsche seines Pflegesohnes eingenommen wie meine Eltern gegen die meinen , nur daß Eduardo viel weniger zart verfuhr mit Korl Lorensen als die Meinen mit mir . Wie eine Beleidigung für seine Kunst sah er es an , daß so ein Slüngel , so ' ne grobfadige Narur , so eine Knechtsseele – 95 wie er sich ausdrückte – sich unterstehen könne , auch nur die Falten des Gewandes ergreifen zu wollen , das die Muse der göttlichen Kunst umhüllt ! Und der arme Junge zitterte und weinte nach solchen Szenen , und sein Kopf mit den rotblonden stacheligen Haaren bog sich in seine Hände und die Tränen flossen zwischen den plumpen Fingern hervor . Es war zum Jammern . Ich weinte zwar nicht , aber ich war trotzig , zum Verzweifeln trotzig , und wo ich konnte , brachte ich zu Hause mein Sprüchlein vor : » Ich will Maler werden ! Vadder , lat mi doch ! Mudder , ick bitt di , help mi doch ! « Und als ich eines Tages nach Rücksprache mit meinem Schwager ein paar gar nicht üble Blätter vorlegte , die selbst meine ganz unkünstlerische Mutter verblüfften durch die Ähnlichkeit , mit der ich meine Schwester getroffen , und gar den » verballerierten « Eduard in seinem Wahnsinnsmantel , da ward Vater schwankend trotz des Jammerns und Abredens meiner Mutter und begann die Frage des Geldpunktes aufs Tapet zu bringen , die allerdings trostlose Resultate ergab . » Wo sall dat hen ? Wo sölln wi dat Geld hernehmen tau ' n Studeeren ? Uns annere leewen Kinner sin doch ock noch dor ? Un wo kein soll Vadder helpen Geld verdeinen , wenn Albert in Dresden is ? Un wenn da nu nix ut ward als en büschen Klüterkram un ick erlewen müst , dat he so ' n olles verballeriertes Genie ward as Eduard Heß – o , so ' n Kummer , nee – so ' n Kummer – ick wär ' en unglücklich Froo ! « 96 Na , das Gejammer war schrecklich , und einzig nur mein Vater überlegte es sich und handelte , trotzdem er am meisten verlor durch mein Weggehen : meine Hilfe in seinem Geschäft . Er setzte sich den » Sündagshoot « auf , nahm meine beiden Zeichnungen in die Hand und ging mit mir den schweren Weg eines Bittenden , um reiche kunstliebende Leute für mich zu interessieren . Und nach manch abschlägigem Bescheid , vielleicht nach mancher Demütigung , um die ich dem alten Mann noch heute zuweilen verstohlen und dankbar sein » grises Hor « streichele , erlangte er , daß man mir ein Stipendium gab für drei Jahre des Studiums in Dresden , und da es bitterwenig war , so fanden sich noch ein paar mitleidige Seelen , die sich für mehrere Jahre zu einem kleinen