den Gesang von dort unten hörte , da weinte sie auch , – und wußte selbst nicht warum . Es war , als sinke ein Nebel vor ihren Augen herab , die goldne Jugendzeit verhüllend mit all den fröhlichen Spielen , mit Sonnenschein und Blüthenschnee , und zwei lachende Kindergesichter verschwanden immer mehr und mehr , und der Nebel ward dichter und dichter und baute sich auf zu einer hohen Wand , und davor stand die stolze schöne Schloßherrin aus dem Ahnensaal dort oben , mit den wunderbar schwarzen Augen und dem blauen Sammetkleide , und sie streckte ihr wie abwehrend die Hände entgegen : „ Was willst Du hier ? Hier ist ’ s gefeit , und Du gehörst nicht zu Uns . Du bist Lumpenmüllers Lieschen , kehre um , sonst wird ’ s Dein Tod . Denk an Lisett , die schöne Lisett und – – . “ Da sprang sie hastig auf und flüchtete aus dem kleinen Stübchen in ihr Zimmer , und da warf sie sich auf ’ s Bett und weinte im heißen Schmerz um ein Etwas , das sie selbst noch kaum recht erfaßt , recht begriffen , und das nun mit seinem Schwinden ihr das Leben so leer , so traurig erscheinen ließ . Die Muhme aber stand an ihrer Thür und horchte auf das bange Schluchzen da drinnen . „ Herr Gott , “ sagte sie leise , „ ich hatt ’ schon richtig gesehen ; sie ist ihm gut , dem Army , wär ’ s doch noch zur rechten Zeit gekommen , daß ich sie gewarnt ; es ist besser jetzt geweint , als dann . Du armes Ding , ja – so eine erste Lieb ’ , sie ist ja gar zu süß – . “ Und drunten , da gingen eben die Gäste fort , und die Muhme hörte deutlich die Worte die zum „ Gute Nacht ! “ gesprochen wurden . „ Ja , ja , Bernhard , so ist das Leben , “ sagte der Herr Pastor im Anschluß an ein vorhergegangenes Gespräch , „ ’ s hat Leid und Freud , – na , wenn wir hier erst einmal als alte Leute sitzen und uns etwas erzählen von ferner Zeit , da ist ’ s hoffentlich nicht so traurig wie die Geschichte heut ’ Abend , und wir können dann zu den Enkeln sagen : Guckt , Kinder , uns ist ’ s besser ergangen , als wir es verdient haben ; na Bernhard , ich seh ’ Dich wirklich schon als Großpapa , und das Lieschen neben so einem netten Mann hier aus der Mühle ; ’ s kommt Alles , wie der heutige Tag . Nun , Gott behüt ’ Euch , auf Wiedersehn zu Pfingsten , den zweiten Festtag , – den dritten kommt Ihr dann zu uns , nicht Rosina ? “ „ Gute Nacht , gute Nacht ! Grüßt das Lieschen und die Muhme ! “ Und es wurde still im Hause , nur in Lieschen ’ s Stübchen verstummte das bange Schluchzen noch nicht , und erst spät stieg die alte Frau die Treppe hinunter und ging in ihr kleines Zimmer . „ Jetzt schläft sie , “ murmelte sie . „ Gott schenk ’ ihr ein fröhliches Erwachen und Lebenslust , und dereinst viel Lieb ’ und Segen ! Sie ist ja noch so jung , so jung , und das Leben ist so schwer und lang , ja für die Meisten – die Allermeisten . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 44 , S. 721 – 724 Fortsetzungsroman – Teil 5 [ 721 ] 7. So war der Sonnabend vor Pfingsten gekommen ; lächelnd und golden schien die Sonne vom blauen Himmel herab auf die Erde , küßte im Garten der Lumpenmühle die vielen Röschen wach , guckte durch die blüthenweißen Gardinen in die Stuben und brannte heiß auf die Sandsteinbänke vor der Hausthür . Die Muhme stand im Garten und pflückte Blumen in die Schürze ; Lieschen half ihr ; sie hatte einen großen runden Strohhut auf und Gartenhandschuhe an den kleinen Händen und suchte und schnitt die allerschönsten Blüthen ab . Ihr Gesicht hatte einen veränderten Ausdruck bekommen ; besonders die Augen schauten so ganz anders drein als sonst , und gar nicht so fröhlich , wie es sich für einen so blauen lächelnden Frühlingstag paßte , und die Muhme war zärtlicher gegen sie als jemals . – Vom Dache schossen zirpend ein paar Schwalben an ihnen vorbei und schwangen sich dann hoch auf in den blauen Aether . Im Hause war Alles schon spiegelblank und sauber ; selbst oben standen die Fenster der altmodischen Putzstuben weit geöffnet , um überall die frische Gottesluft einzulassen , und überall duftete es nach Festkuchen . Drüben im Geschäftshause und in den Fabrikräumen war schon früh das Klappern und Stampfen der Maschinen verstummt ; die Arbeiter rüsteten daheim auch zum Feste . Herr Erving gab gern einen solchen Tag frei – dafür ging ’ s nachher auch um so fröhlicher an die Arbeit . Der Herr Buchhalter und die zwei anderen jungen Leute aus dem Comptoir waren schon heute früh singend in die Welt gezogen , um eine kleine Pfingsttour zu machen , nur Herr Selldorf war zurückgeblieben . Er promenirte vergnügt im Ellerngange am Mühlbache auf und ab und ergötzte sich an den Sonnenstrahlen , die das Wasser bis unten auf den Grund durchschimmerten , und an dem Gewimmel der winzigen Fischchen , die an solch einer sonnigen Stelle so possierlich flink durcheinander schossen ; zuweilen schaute er verstohlen nach dem Garten hinüber , ob da nicht bald wieder ein großer weißer Strohhut mit kornblumenblauen Bändern auftauchen würde , unter dem ein Paar so tiefe liebe Augen hervorleuchteten , wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen . Am