alles , und nun ist sie großmütig . Arme Worte , die von des Reichen Tische fallen . « Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen . In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen , und gleich danach ein zweites Mal , ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre . Hatten es Beate und der alte Jannasch überhört ? Oder waren sie fort ? Eine Neugier überkam sie . Sie ging also leise bis an die Tür und sah auf den Vorflur hinaus . Es war Schach . Einen Augenblick schwankte sie , was zu tun sei , dann aber öffnete sie die Glastür und bat ihn einzutreten . » Sie klingelten so leise . Beate wird es überhört haben . « » Ich komme nur , um nach dem Befinden der Damen zu fragen . Es war ein prächtiges Paradewetter , kühl und sonnig , aber der Wind ging doch ziemlich scharf ... « » Und Sie sehen mich unter seinen Opfern . Ich fiebre , nicht gerade heftig , aber wenigstens so , daß ich das Theater aufgeben mußte . Der Shawl ( in den ich bitte mich wieder einwickeln zu dürfen ) und diese Tisane , von der Beate wahre Wunder erwartet , werden mir wahrscheinlich zuträglicher sein als › Wallensteins Tod ‹ . Mama wollte mir anfänglich Gesellschaft leisten . Aber Sie kennen ihre Passion für alles , was Schauspiel heißt , und so hab ich sie fortgeschickt . Freilich auch aus Selbstsucht ; denn daß ich es gestehe , mich verlangte nach Ruhe . « » Die nun mein Erscheinen doch wiederum stört . Aber nicht auf lange , nur gerade lange genug , um mich eines Auftrags zu entledigen , einer Anfrage , mit der ich übrigens leicht möglicherweise zu spät komme , wenn Alvensleben schon gesprochen haben sollte . « » Was ich nicht glaube , vorausgesetzt , daß es nicht Dinge sind , die Mama für gut befunden hat , selbst vor mir als Geheimnis zu behandeln . « » Ein sehr unwahrscheinlicher Fall . Denn es ist ein Auftrag , der sich an Mutter und Tochter gleichzeitig richtet . Wir hatten ein Diner beim Prinzen , cercle intime , zuletzt natürlich auch Dussek . Er sprach vom Theater ( von was andrem sollt er ) und brachte sogar Bülow zum Schweigen , was vielleicht eine Tat war . « » Aber Sie medisieren ja , lieber Schach . « » Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon , um wenigstens in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein . « » Immer schlimmer , immer größere Ketzereien . Ich werde Sie vor das Großinquisitoriat der Mama bringen . Und wenigstens der Tortur einer Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen . « » Ich wüßte keine liebere Strafe . « » Sie nehmen es zu leicht ... Aber nun der Prinz ... « » Er will Sie sehen , beide , Mutter und Tochter . Frau Pauline , die , wie Sie vielleicht wissen , den Zirkel des Prinzen macht , soll Ihnen eine Einladung überbringen . « » Der zu gehorchen Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen werden . « » Was mich nicht wenig überrascht . Und Sie können , meine teure Victoire , dies kaum im Ernste gesprochen haben . Der Prinz ist mir ein gnäd ' ger Herr , und ich lieb ihn de tout mon cœur . Es bedarf keiner Worte darüber . Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten oder , wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen , ein Licht , das mit einem Räuber brennt . Alles in allem , er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler Fürstlichkeiten , in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend zu sein , oder es noch runder herauszusagen , er ist abwechselnd ein Helden- und ein Debauchenprinz . Dabei grundsatzlos und rücksichtslos , sogar ohne Rücksicht auf den Schein . Was vielleicht das allerschlimmste ist . Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline ? « » Ja . « » Und ... « » Ich billige sie nicht . Aber sie nicht billigen ist etwas andres als sie verurteilen . Mama hat mich gelehrt , mich über derlei Dinge nicht zu kümmern und zu grämen . Und hat sie nicht recht ? Ich frage Sie , lieber Schach , was würd aus uns , ganz speziell aus uns zwei Frauen , wenn wir uns innerhalb unsrer Umgangs – und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels hin prüfen wollten ? Etwa durch eine Wasser – und Feuerprobe . Die Gesellschaft ist souverän . Was sie gelten läßt , gilt , was sie verwirft , ist verwerflich . Außerdem liegt hier alles exzeptionell . Der Prinz ist ein Prinz , Frau von Carayon ist eine Witwe , und ich ... bin ich . « » Und bei diesem Entscheide soll es bleiben , Victoire ? « » Ja . Die Götter balancieren . Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt : › Wem genommen wird , dem wird auch gegeben . ‹ In meinem Falle liegt der Tausch etwas schmerzlich , und ich wünschte wohl , ihn nicht gemacht zu haben . Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten vorüber und freue mich meiner Freiheit . Wovor andre meines Alters und Geschlechts erschrecken , das darf ich . An dem Abende bei Massows , wo man mir zuerst huldigte , war ich , ohne mir dessen bewußt zu sein , eine Sklavin . Oder doch abhängig von hundert Dingen . Jetzt bin ich frei . « Schach sah verwundert auf die Sprecherin . Manches , was der Prinz über sie gesagt hatte , ging ihm durch den Kopf . Waren das Überzeugungen oder Einfälle ? War es Fieber ? Ihre Wangen hatten sich gerötet , und ein aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer trotzigen Entschlossenheit .