« Statt das Haus zu verlassen , wie er gewollt , begab er sich wieder in seine Wohnung , zündete eine Kerze an , trippelte hastig durch drei Zimmer , in denen alte Schränke und Truhen mit vielen Büchern und Notenheften standen , auch ein Klavier , und sperrte mit einem Schlüssel , den er in der Tasche trug , einen vierten Raum auf , der geschlossene Fensterläden und eine seltsame Einrichtung hatte . Er trat an einen Tisch , der fast die ganze Länge des Raumes einnahm , griff nach einem weißen Zettelchen , setzte sich und schrieb darauf mit roter Tinte : » Daniel Nothafft , Musiker , zwei Monate Zuchthaus . « Dann bestrich er den Zettel mit Klebegummi , drückte ihn auf eine hölzerne Schachtel , die einem Miniatur-Schilderhäuschen ähnlich sah und nagelte mit kleinen Nägeln einen bereitliegenden Deckel an die Schachtel . Auf dem langen Tisch standen mindestens fünf Dutzend solcher Schachteln ; die meisten hatten einen Namenszettel und waren mit kleinen Nägeln zugenagelt . Das stets versperrte Zimmer nannte Herr Carovius sein Gerichtszimmer ; was er darin trieb , nannte er die Regulierung seines Verhältnisses zur Menschheit , und die Sammlung kleiner Holzzellen nannte er sein Zuchthaus . Jeder Mensch , der ihn beleidigt , gekränkt , gedemütigt oder übervorteilt hatte , bekam ein solches Verließ , in welchem er im Bilde so lange schmachten mußte , bis die Zeit , dem Urteil gemäß , verstrichen war . Damit nicht genug . Auf dem mittleren Teil des Tisches befanden sich lauter winzige Sandhügelchen , etwa dreißig an Zahl , deren jedes ein winziges Holzkreuz mit einem winzigen Namenszettel trug . Das war der Kirchhof des Herrn Carovius , und die im Bilde hier Begrabenen waren , obgleich sie ganz gesund und munter auf der Erde wanderten , gestorbene Leute für ihn . Es waren Leute , deren irdische Laufbahn für ihn erledigt war und unter deren Sündenkonto er einen Strich gemacht hatte . Leute wie Richard Wagner und seine Helfershelfer ; sodann ein Papierhändler , dem er vor vielen Jahren Geld geliehen hatte und der durchgebrannt war , ferner einige Verfasser von schlechten Büchern , die viel gelesen wurden , oder von Büchern , die er verabscheute , ohne sie selbst gelesen zu haben , wie die des Herrn Zola in Paris . Aber noch eine dritte Abteilung hatte der Tisch , und das war die sogenannte Akademie . Die Akademie war ein durch ein Drahtgitter umzäuntes Gebiet , innerhalb dessen etwa zwölf bis fünfzehn regelmäßige Felder mit schöner grüner Farbe angestrichen waren . In der Mitte jedes Feldes erhob sich ein zwei Zoll hohes Holzstäbchen und in der Mitte jedes Stäbchens wieder war eine Namenstafel gefestigt . An der Spitze einiger von diesen Stäbchen hingen kleine , aus Stoff geschnittene grüne Fähnchen . Herr Carovius besaß nämlich eine Schwäche für den Umgang mit aristokratischen Personen . Er bewunderte insgeheim die Manieren dieser Leute , ihre Art von Gleichgültigkeit und Selbstbewußtsein , ihre unumstößlichen Traditionen , ihre geräuschlose und harmonische Lebensführung . Auf den Stäbchen der Akademie nun waren die Namen der vornehmsten und ausgezeichnetsten Familien der Stadt angebracht , wie die der Tucher , der Haller , der Humbser , der Kramer-Klett , der Auffenberg . Wenn es Herrn Carovius gelungen war , mit einem Mitglied einer dieser Familien bekannt zu werden , so hißte er auf der Spitze des betreffenden Stäbchens die grüne Fahne . Ungeachtet allen Strebens hatte er im Lauf der Zeiten nur drei Fahnen aufpflanzen können , aber die hierdurch verkündeten Beziehungen waren recht flüchtig und zufällig und ohne ersprießliche Folgen . Ein von dem und jenem bemerkter Gruß auf der Straße oder im Konzert war alles , was erreicht werden konnte , und die Akademie zeigte im Gegensatz zum Zuchthaus und zum Kirchhof eine klägliche Verödung . Bis eines Tages der Auffenbergsche Fähnlein an die Spitze seines Mastes stieg ; da schien es Herrn Carovius , als ob der Akademie eine große Zukunft sicher sei . 8 Der Maler Krapotkin hatte einmal den Auftrag bekommen , ein Holbeinsches Bild für den Freiherrn Siegmund von Auffenberg zu kopieren . Er machte das Bild nicht fertig , seine Fähigkeiten waren zu gering , aber er hatte damals den jungen Baron Eberhard kennen gelernt und führte ihn dann , Jahre später , nach einer gelegentlichen Begegnung , zu den Sumpfbrüdern ins Paradieschen . Nicht lange sah man Eberhard dort ; so plötzlich , wie er aufgetaucht war , verschwand er wieder . Aber die kurze Zeit genügte Herrn Carovius , in vertraute Beziehungen zu ihm zu treten . Als er zum erstenmal mit ihm an einem Tisch saß , war er den ganzen Abend hindurch erregt und von einer milden geistigen Glut überstrahlt . Seine Stimme klang süß und seine Behauptungen waren von angenehmer Mäßigung . Er lenkte das Gespräch auf die Vorzüge der Geburt und rühmte die Distinktion der erb-eingesessenen Geschlechter als ein volkserziehendes Element . Die Sumpfbrüder höhnten , Herr Carovius schlug sie mit einem vernichtenden Witz . Eberhard von Auffenberg verschanzte sich bei dem Lobgesang hinter einem griesgrämigen Schweigen . Trotzdem Herr Carovius auch fernerhin jeden Anlaß benutzte , um dem jungen Edelmann in pfiffig-feiner Weise zu schmeicheln , kam er zu keinem Ziel . Höchstens , daß Eberhard sein Drosselbartkinn in die Luft steckte und eine sarkastische Bemerkung fallen ließ . Alles Scharwenzeln war umsonst . Eines Nachts jedoch fügte es sich , daß die beiden den Nachhauseweg gemeinschaftlich antraten , d.h. Herr Carovius ging dem Freiherrn nicht von der Seite . Der bisherigen Taktik überdrüssig , wollte er sein Glück einmal auf eine andere Art versuchen . Er spottete über den Hochmut einer gewissen Kaste , die einen Mann seinesgleichen geringer einzuschätzen wage als irgendeinen Stiesel , dessen Taschentuch eine gestickte Krone aufweise . » Was sind Sie , was für einen Beruf haben Sie ? « fragte Eberhard von Auffenberg . » Ich tue nichts , « antwortete Herr Carovius . » Gar nichts ?