wirbelten und eine frische Kälte war , oder starrten auf die tintenfleckigen und zerschnitzten Tische und die beschmierten Bücher , indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers schläfrig an ihr Ohr klang , der nun schon seit Stunden eine einfache Konstruktion erklärte , die jeder sofort verstanden hätte , wenn er nur Lust hätte bekommen können , sie zu verstehen ; den einen oder andern ermahnte der Lehrer , er solle aufpassen und nicht träumen , und wenn er dann einen fragte , ob er jetzt die Sache wiederholen könne , so zeigte sich der gänzlich verständnislos , und die Erklärung mußte von neuem angefangen werden . So wurde an einem einzigen Satz von Cicero eine ganze Stunde übersetzt . Es ist zu sagen , daß diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch irgend einen andern Jungen gebildet hat , sondern nur die Bedeutung eines Wissens von allerhand Dingen bekam , das zum Teil sehr schnell wieder vergessen ward , und so erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung neben und außer der Schule , weshalb über diese sowohl wie über die Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist . Kinder sehen die Dinge nahe , scharf und gewissermaßen in einer einzigen Fläche ; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt , die man die Flegeljahre nennt , so ändert sich unmerklich dieses Sehen , und damit werden auch die Gefühle verändert , die er in sich hat ; denn es legt sich ihm ein Schleier über alles , daß die Umrisse verschwinden und die Dinge , die früher allein standen , sich zu einem einheitlichen und untrennbaren Bild zusammentun , und dieses Bild bekommt dann Tiefe , Vordergrund und Hintergrund , seine Seele aber erfüllt sich nun mit einer unbestimmten und undeutlichen Sehnsucht , welche die Bilder immer weiter in den Hintergrund treibt , damit sie dort goldigere Farben annehmen und duftigere Umrisse ; er kriegt Erinnerung und Hoffnung , und der Gegenwart vergißt er , und weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat , die er früher nicht geahnt , so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das Herz auf als bei einem tiefsinnigen Symbol , dessen Bedeutung ihm nicht in Begriffen beifällt , sondern nur in einem dunkeln Gefühl ; und kommt alles das rein und ungestört durch Äußeres aus dem Innern heraus , bei dem einen so , bei dem andern so . Außerdem , während das Kind noch das Gefühl hatte , daß alle andern Kinder , ja selbst die Tiere , ihm gleich seien und deshalb noch keine Scham kannte , überfällt jetzt den Jungen eine heftige Schamhaftigkeit , weil alles Neue nur ihm allein gehört , und kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern , wie es ihr entsprechen würde , weil der Junge sie selbst nicht versteht , deshalb kommt sie zutage als Trotz , Ungezogenheit und auch als Lüge ; so nennt unsre liebe keusche Muttersprache dieses Alter recht schön die Flegeljahre . Welche von den vielen Zügen , in denen sich diese Wandlung äußerte , soll der Erzähler nun wohl herausheben ? Es ist etwa zu erzählen , wie Hans an einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt , wo hinterm Ofen der Bauer im Halbschlaf träumt , und hat eine alte Zigarettenschachtel , die er geschenkt bekommen , die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu , daß kein Licht hinein kann , und träumt in der Art wie einst , da er zu Hause unterm Tisch saß , wie heimlich es wäre , ganz klein zu sein und in solcher verklebten Schachtel zu sitzen . Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der verschlafene Wirt , so hätte er sich geschämt , solches Spiel zu treiben . Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege gelenkt , und so kam Hans darauf , sich eine Pflanzensammlung anzulegen . Dazu hatte er den stärksten Trieb im Frühling , denn wenn der Rasen noch überall vergilbt und schmutzig war , so erschienen die gelben Blumen des Huflattich , die dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben , darauf kamen die Schneeglöckchen , und endlich begrünten sich die Wiesen , erst an den feuchten Stellen , wo die Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach und glänzende Blätter entrollte ; und wie es überall grün war , da beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen , Veilchen , Männertreu , Vergißmeinnicht , Hahnenfuß , Frauenmantel , Löwenzahn , Schaumkraut und Storchenschnabel , in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen , Maiglöckchen und blauen Leberblumen . Das alles war so , daß das Herz weit wurde , und schien , als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese immer weiter blühen und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer stehen und Kälberkropf sich breiten , und es werde niemals gemäht . Alle diese Blumen kannte Hans schon früher , aber jetzt sagten sie ihm eine Sehnsucht und eine Freude , die ihm bis dahin unbekannt gewesen , und einmal , wie er ganz allein war , und niemand ringsum zu sehen inmitten der blühenden Wiesen , da wagte er es , daß er aufjauchzte ; aber der Ton war ihm so sonderbar , daß er gleich wieder verstummte , aus Schrecken . Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der Erinnerung , das äußerlich zwar nichtig schien : er war ausgegangen , Pflanzen zu suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein Bauernhaus , bei dem ein großes , abgezäuntes Weidestück war ; weil aber der Frühling eben seine ersten Tage schickte , so lag noch in einem schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee , jedoch mitten durch das Stück floß ein Wässerlein , eilfertig und geschäftig , wie diese Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern , und an dessen Rändern war das Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da , in deren einem eine Narzisse aufgeblüht war , diese Blume , die für den