sicher zu sein . Sie trennen sich . Die eine Wahrheit geht in Tiergestalt als Fabelwesen durch Wald und Feld , kommt vielleicht auch in Haus und Hof des Menschen , um ihm im Bilde mitzuteilen , was ihm in anderer Weise zu sagen ein Wagnis ist . Die andere ist kühner . Sie nimmt die Form des bekannten Körpers an , der als das Ebenbild Gottes so berühmt geworden ist , und sucht die Städte und Dörfer auf , wo sie sich für ein bescheidenes Märchen ausgiebt , welches man passieren lassen kann . Sie hat scheinbar so gar nicht viel zu sagen , daß man sie gern hier und da zu Worte kommen läßt . Sobald sie spricht , denkt man sich zunächst nichts dabei . Doch wenn sie fortgegangen ist , beginnt man unwillkürlich nachzusinnen . Dann kommt es freilich an den Tag , daß dieses sogenannte Märchen ein Himmelskind gewesen ist , welches , wenn man dies gewußt hätte , fortgewiesen worden wäre . Nun hat es aber doch gesprochen , und was es sprach , sitzt fest ! - - Du lächelst , Effendi ! Warum ? « » Weil du ein Freund dieser himmlisch reinen und irdisch doch so pfiffigen Wahrheiten zu sein scheinst , « antwortete ich . » Auch ich habe sie sehr lieb . Sprich weiter ! « » Kennst du , « fuhr er fort , » das Märchen von dem Sonnenstrahl , der hier auf Erden König wurde und so mild und gut regierte , daß alle seine Unterthanen , sobald sie starben , sich in helle Sonnenstrahlen verwandelten und zum Himmel stiegen ? « » Ich kenne es . « » Auch das andere Märchen , von dem Schatten des Strahles ? « » Nein . « » Der Schatten wollte es dem Lichte gleichthun . Er fiel in ein tieferliegendes Land und nahm dort ganz genau die Gestalt des andern Herrschers an . Auch er machte sich zum Könige und ahmte alles wörtlich nach , was der gute Herrscher da oben that und sprach . Abe er war leider nur der Schatten dieses Herrn . Weißt du , Effendi , was ein Schatten ist ? « » Er ist das dunkle Kehrseitenbild derjenigen irdischen Wesen , welche im Lichte des Himmels stehen , « antwortete ich . Das war freilich keine physikalisch genaue Definition , sollte das aber auch gar nicht sein . Ich ahnte , was der Ustad sagen wollte , und gab ihm die Erklärung , die er dazu brauchte . » Richtig , sehr richtig ! « stimmte er bei . » Der Schatten setzt das Licht voraus . Er ahmt die Gestalt nach , welche in diesem Lichte steht . Aber die Nachahmung ist dunkel , so treu und so genau sie im übrigen auch ausfallen mag . Die Farbenbrechungen des himmlischen Lichtes entgehen dem Schatten ganz und gar . Er ist der finstere , herz- und gewissenlose Doppelgänger von allem Lebenden , was es auf Erden giebt . Ob es wohl in der Geistes- oder Seelenwelt ebenso Schatten giebt wie in der Welt der Körper ? Was meinst du wohl , Effendi ? « » Natürlich giebt es sie . « » Wie denkst du dir das ? « » Stelle etwas Geistiges oder Seelisches an das Licht , um es zu sehen , so wird sich sofort der betreffende Schatten einfinden . Hinter jeder Tugend steht dann das betreffende Laster , welches eine ganz genaue , aber kehrseitige Nachahmung aller ihrer Vorzüge ist . Hinter der weisen Sparsamkeit erscheint dann der Geiz , hinter der Freigebigkeit die Verschwendung , hinter der Wahrheitsliebe die grobe Rücksichtslosigkeit , hinter dem edlen Erwerbsinne der ordinäre Betrug und Diebstahl , hinter der Vorsicht die Feigheit , hinter dem Mute die Unbedachtsamkeit , hinter der Beredsamkeit das Schwätzertum , hinter der Verschwiegenheit die Starrköpfigkeit . Aber ich sehe auch noch andere Schatten stehen : Die rücksichtslose Tyrannei hinter der segensreichen Macht , das Schmeichlertum hinter dem Gehorsam , die Empörung hinter der Freiheit , den Mord hinter der Notwehr , die Scheinheiligkeit hinter der Frömmigkeit , die Schleicherei hinter der Demut , die Prahlsucht hinter der Selbsterkenntnis , den Völler hinter dem Esser , den Säufer hinter dem Trinkenden , den Vagabunden hinter dem Wanderer , den Verleumder hinter dem Richter . Soll ich noch weiter fortfahren , Ustad ? « » Nein ; es ist genug , « antwortete er . » Deine Aufstellung war sehr interessant , wahrscheinlich ohne daß du weißt , warum ich dies meine . Du brachtest Tugenden und Untugenden , Zustände und Regungen . Wie kommt es , daß du hieran dann Personen geschlossen hast ? Ist das absichtlich geschehen ? Wolltest du etwa hiermit aus dem Gebiete des Geistes hinüber nach dem Reiche der Geister deuten ? Hast du an das für uns unsichtbare Land gedacht , an dessen Pforte die sterbende Unwissenheit ihre letzten Worte Von hier giebt es keine Wiederkehr ruft ? Stand dir jenes Reich vor Augen , welches der Aberglaube mit Gespenstern bevölkert , obgleich er , er , er das allereinzigste Gespenst ist , welches existiert ? « » Ich gab Beispiele , « erwiderte ich . » Eine Unterscheidung lag mir fern . « » Wohl ! Schauen wir also nicht hinüber , sondern bleiben wir bei den Menschen ! Jeder , der in der Sonne steht , kann , wenn er sich von ihr abwendet , seinen Schatten sehen . Das ist physikalisch . Aber es giebt auch noch andere Schatten . Ich will ihre Arten nicht aufzählen . Aber eine von ihnen , welche ich die mythologische nenne , möchte ich dir doch zeigen . Sie wurden im alten Griechenland entdeckt und als Erinnyen oder Furien bezeichnet . Sind dir diese Schemen bekannt , Effendi , die höllischer sind , als die Hölle selbst ? « » Nur aus der Mythologie , « sagte ich . » Du irrst dich .