chinesisch sprechen zu können . Natürlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen . Er sagte mir aber , nachdem was er in Peking gehört habe , glaube er , dass Sie erst im Juni dort eintreffen würden . Da wird es also noch lange dauern , bis ich von Ihnen höre , und während all der Zeit werden auf der Post in Schanghai meine Briefe liegen , die ich immer in der Illusion schreibe , als schwatzte ich mit Ihnen , und als könnten meine Gedanken Sie unmittelbar erreichen . Von den Pekinger Bekannten erzählte mir der Provikar , und obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt , kennt er doch sämtliche dortigen , kleinen und grossen Intrigen , als hielte er die Fäden in der Hand . Er ist mir immer ein Beispiel von der merkwürdigen Wohlunterrichtetheit des höheren katholischen Klerus , der alle Diplomaten , diese Regierungsnachrichtensammler , als wahre Stümper weit hinter sich lässt . Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Société de Pékin mitgeteilt hatte , fragte ich ihn , was seine jetzige Reise bedeute . Er antwortete , dass er auf dem Weg nach Europa sei , um dort darauf aufmerksam zu machen , dass sich in China schlimme Ereignisse vorbereiteten . Er erzählte mir , in seiner Provinz herrschten seit Monaten grosse Unruhen , die von geheimen Gesellschaften ausgingen und die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trügen . » Daran sind wir ja gewöhnt , « sagte er , was mich aber ernstlich besorgt macht , das ist , dass diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen in Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die höchsten Autoritäten in Peking berufen . Es sind Missionare und einheimische Christen überfallen worden , ohne dass eine Bestrafung der Täter zu erreichen gewesen wäre ; und die in letzter Zeit neu ernannten hohen Beamten sind ob ihres Christenhasses und Einvernehmens mit den geheimen Gesellschaften bekannt . In Peking herrscht eben nicht mehr die Furcht des Herrn , die beim Orientalen ganz besonders aller Weisheit Anfang ist . Wir Missionare im Innern fühlen die Folgen solch veränderter Haltung ja immer am ersten . Wir hören auch manches , was für andere Ohren zu leise gesprochen wird , und durch China geht jetzt das Wort , » man brauche sich nicht zu fürchten , die Stunde der fremden Teufel habe geschlagen « . Favier glaubt wie ich an eine grosse , nahende Gefahr , denn auch er ist von seinen einheimischen Christen gewarnt worden . Die Führer der Grossmessermänner sprechen es ja offen aus : » zuerst die chinesischen Christen , dann die Fremden « . Ich habe dies Wort an die rechte Stelle hinterbracht , da ist mir aber angedeutet worden , wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwöhnt und anmassend geworden , in früheren Jahren hätten wir Verfolgungsgefahren als die notwendige Begleitung alles Missionierens angesehen und hätten nicht nach Kriegsschiffen und Soldaten zu unserm Schutz gerufen . Ich habe denen in Peking die letzte Warnung gegeben : » Die Gefahr betrifft diesmal die Missionare nicht mehr als die anderen Fremden - vielleicht geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in unsern Provinzen . « Ich konnte es gar nicht glauben , was mir der Provikar da erzählte . Ich erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit , mit der alle Fremden , nicht nur in Peking selbst , sondern Sommers in den einsamen , entlegenen Tempeln der Umgegend lebten . » Wie hat sich denn das alles so schnell derartig verändern können ? « fragte ich ihn . » Da kam vieles zusammen , « antwortete er mir . » Seit ein paar Jahren herrscht in mehreren Provinzen Hungersnot , und es ist dadurch ein Grad des Elends entstanden , den man in Europa überhaupt nicht kennt . Viele Arbeiter fürchten auch für ihren kleinen Broterwerb , wegen der Erbauung von Eisenbahnen und der Befahrung der Flüsse mit Dampfschiffen , wovon sie dunkel als von etwas Ungeheuerlichem reden hören . Nachrichten über auswärtige Begebenheiten verbreiten sich in China zwar langsam , noch 1897 erinnere ich mich , Priester und Mandarine in der Gegend von Jehol gesprochen zu haben , die nichts von einem japanischen Kriege ahnten , aber allmählich ist doch die Kunde von den letzten europäischen Annexionen in weitere Kreise gedrungen und hat Beschämung und Erbitterung hervorgerufen . Die wachsende Unzufriedenheit richtete sich anfänglich gegen die Dynastie und Regierung , die all diese Übergriffe zugelassen hatten . Nun ist es aber der Kaiserin gelungen , diesen Zorn von sich abzulenken , indem ale seit dem September 1898 alle fremdenfreundlichen Elemente verfolgt und diese anklagt , an allen Einbussen , die China in den letzten Jahren erlitten , schuld zu sein . Sie umgibt sich mehr und mehr mit den reaktionären Elementen und gibt ihnen zu verstehen , dass sie auf ihre Hilfe gerade gegen die Fremden zählt . Die Kaiserin ist ja eine weit überschätzte Persönlichkeit , die von den realen Machtverhältnissen der Welt keine Ahnung hat - aber sie ist , wie viele sogenannte grosse Leute , eine Meisterin in der Wahrnehmung ihrer eigenen , augenblicklichen Interessen und fühlt immer rechtzeitig , welche Partei in ihrem Lande gerade die stärkste ist , um sich auf diese zu stützen . Jahrelang stand sie an der Spitze der chinesischen Fortschrittspartei , was allerdings immer eine sehr milde Dosis Fortschritt bedeutet , zur Zeit der chinesischen Niederlagen durch die Japaner hat sie ihren Rückhalt an den fremden Mächten gesucht , und als sie die wachsende Erbitterung im Lande gerade gegen die Fremden wahrgenommen , ist sie zu den Reaktionären übergeschwenkt . Heute wissen alle fremdenfeindlichen Mandarine und Geheimbündler , dass die Kaiserin nur auf ihre Erfolge wartet , um sich offen zu ihnen zu bekennen . « » Aber es ist doch nicht denkbar , dass man dem ruhig zusehen und nur abwarten wird , was weiter geschieht ? « » Hoffentlich gelingt es mir in Europa