! « Ein rasendes Wetter brach los . Die Blitze zischten so schnell herab , daß das verfinsterte Zimmer unaufhörlich in zuckenden blauen Flammen stand , gegen die klirrenden , brechenden Scheiben klopften die harten Eiskörner , Heufetzen und Schindelstücke fuhren vorbei , der Sturm heulte wie in der Winternacht zwischen den Häusern , die Haustür dröhnte , auf- und zugeschlagen , und verloren wimmerten die Glocken von Sedrun , Rueras und Selva . Die Kinder hatten sich zu dem Großvater geflüchtet , Hermann und Rösli versteckten die Köpfe und schrien nur zuweilen auf ; Uli saß auf des Großvaters Knie , unerschrocken und fragelustig . Josefine stand allein . Sie sah das Dach des Nachbarhauses in Trümmer gehen , einen Fensterladen herumwirbeln und herabstürzen ; kläglich flog der bunte Kattunvorhang aus dem leeren Loche heraus , wurde gepackt und fortgerissen . Die Blumen standen wie zerstampft , eine weiße Eisschicht bedeckte die Beete , das Kirschbäumchen mit gebrochener Krone , die wie ein verwundetes Haupt schmerzvoll zuckte , ohne Blätter , ohne Früchte , war ein kahler Stumpf geworden . Eine unstillbare Traurigkeit überfiel Josesine . Ihre ausgebrannten Augen fanden Tränen , eine Flut von Tränen , ihr selbst unbewußt . Ihr armes Feld ! Kaum geblüht hat der Roggen , und schon zerschlagen ! Ihre lange , mühselige , schweißauspressende Arbeit auf den jähen glühenden Matten - da wirbelt das Heu , im Wettersturm und Hagel zerstreut - ihr niederes , armes Haus , jedes Brettchen von liebevoller , kunstfertiger Hand geschnitzt - ihr kleiner Kirschbaum - die Blätter - die Früchte - ihr kleiner Kirschbaum ! Die Glocken winselten Gnade ! Gnade ! Die Berge schienen zu bersten - das Ende aller Dinge gekommen . Laure Anaise stürmte herein . Ihr Haar triefte , ihre Kleider klebten . » Wißt ihr ' s denn schon ? Der Bach hat die Brücke eingerannt , und zwei Mannen sind weggerissen , zwei Wildheuer aus Surrhein , sagen sie - der Bach bringt Felsen herab , so hoch ! - Aber wie denn ? Du weinst , Josefine ? Warum ? « Sie flog zu Josefine hin , umschlang und küßte sie , wischte ihr die Tränen ab und war wie außer sich . » Großvater , sieh emal her ! Josefine ist krank ! Sie hat noch nie geweint , und nun weint sie , weil zwei Mannen weggerissen sind - « Ein neuer Donner brüllte über das Tal herunter . » Du bist nit gut z ' Weg , die Kleine hat recht , « sagte Plattner , als Josefine sich erholt hatte . » So empfindlich muß man nit sein . Mußt ihm Meister werden , Josy . So was führt zur Melancholie . Die Welt ist schlimm genug , aber so schwarz ist sie denn doch nit . Zumal hier in den Bergen . - Der Roggen ist noch grün , er steht wieder auf . Der Cavenz3 sagt ' s auch . « Josefine antwortete nicht , ihre verweinten Augen hingen an dem zersplitterten Stumpf des jungen Kirschbaums . Die Krone lag daneben zwischen den Disteln . Der Wirt Cavenz trat auch heran . Er hatte schon wieder die kurze Pfeife angezündet , die ihm während der Wut des Wetters ausgegangen war . » Wir sind - wir Bauern hier sind glückliche Menschen , « sagte er ganz unvermittelt . » Verstehen Sie recht . Mit Wind und Wetter kämpfen - das ist das Ärgste nicht . Wir sind alle arm , und deswegen ist niemand arm . Es hat doch jeder zu essen . Gehen Sie nach Paris und London , « seine klugen , braunen Augen wurden lebhaft , » gehen Sie nach Berlin , und sehen Sie , was dort ist ! Dort ist Elend ! Dort ist Sklaverei ! Dort ist ' s zum Erbarmen , schauderhaft . Ich bin in Paris und London gewesen . Ich war auch in Wien und Berlin . Ich weiß nicht , wo ' s am schlimmsten ist . Lieber vom Wetter zusammengeschlagen werden , lieber vom Berg abstürzen . Gehen Sie emal dorthin . ' s Herz steht einem fast still . Man weiß ja nicht , wofür ! Hier weiß ich ' s , wofür ! « Erwartungsvoll blickte er Josy an . Sie nickte , schüttelte ihm die Hand . » O , es geht mir nichts über die Berge , « sagte sie , » ' s ist ja auch meine Heimat ; der Vater ist von Valendas . Der Großvater war ein Bauer . In einer Großstadt könnt ich nicht leben . Es ist auch nur - « Sie mußte sich abwenden . » Bleib noch ein , zwei Wochen hier , « mahnte Plattner , » du brauchst mal ein Ausrasten . Hier oben ist bald wieder Sonnenschein . Verleb ein paar gute Tage hier , ' s ist dir notwendig . « Aber Josefine hatte keine Ruhe . Es hetzte sie von Stelle zu Stelle . » Die Arbeit , Vater ! Du weißt , was das auf sich hat . Dazu lebt man doch , daß man schafft . Dazu lebst du doch auch . « Plattner brummte . » Aber nit so blindwütig wie du . Das ist nichts . « » Herr Cavenz , « sagte Josefine , » jetzt , sehen Sie - ich muß mein Examen machen ! Ja , Vater , es ist doch so . Die Bücher liegen zu Haus . « » Hätten Sie ' s nur mitgebracht , Frau , « meinte der Wirt zutraulich . Einen Tag später , als sie sich ' s vorgesetzt , fuhr Josefine nach Zürich zurück . Nur keine Ruhe ! Arbeit ! Nur keine Muße ! Arbeit ! Nur kein Nachsinnen ! Nur kein Grübeln ! Arbeit ! Arbeit ! Arbeit ! Das Kind ist gestorben ! Arbeit ! Georges ist dort ! Arbeit ! Was er wohl denkt ? - Denk