katholischen Kirche nachgebildet . Der Zweck der Ehe bestehe darin , daß sich die Eheleute gegenseitig im Glauben stärken und in der Ausübung ihrer religiösen Pflichten zu unterstützen haben , und daß sie eine Familie gründen , die , in echtem Glauben auferzogen , das Reich der Kirche immer mehr verbreite . Das Glück der Ehe ist nur zu erreichen , wenn beide Gatten eifrig beten und die Kirchengebote erfüllen ; das Unglück so vieler Ehen rührt von dem leider so stark zunehmenden Indifferentismus her . Die Prüfungen und Krankheiten und Unglücksfälle , die keinem Menschenschicksal erspart bleiben , sind teils Strafen für Mangel an echter Religiosität , teils liebend auferlegte Prüfungen , aus denen man , wenn man gläubig und fromm ist , geläutert hervorgeht und dann zu einem gottgefälligen Tode gelangt , nach welchem die treuen Ehegatten im Himmel wieder zu ewiger Seligkeit vereint werden . Was in dieser Traurede gesprochen wurde , darauf achtete übrigens die anwesende Gemeinde weniger , als daß eine solche gehalten ward und daß die darin enthaltenen Worte zu der Zeremonie gehörten , kraft welcher diese beiden jungen Menschenkinder zu unlöslicher Lebensgemeinschaft verbunden werden - daß sie einander Liebe und Treue schwören und sich nie verlassen sollen - nicht in Krankheit , nicht in Armut - bis der Tod sie trennt . Das ist ' s - einerlei , wohin die begleitende Beredsamkeit sich versteigt - was das Priesterwort besiegelt . Auch der Ringwechsel , sowie das dazu gesprochene » Ja « war so ein zauberkräftiges Verfahren , wodurch zwei vor einer Minute noch freie Menschen aneinander gekettet waren , wodurch der eine Teil sogar den bislang getragenen Namen verloren und einen neuen erworben hat . Sylvia empfand diese Wandlung , die doch eigentlich nur eine ideelle ist , als wäre sie mechanisch vollzogen ; wie ein Ruck überkam es sie , als sie das » Ja « gesprochen und den Ring am Finger fühlte : jetzt bin ich Sylvia Delnitzky . Vom Chor herab ertönte feierlicher , andachtsvoller Gesang . Die lateinischen Worte verstand man nicht , aber aus der süßen Melodie klang wie eine fromme Bitte um Segen für das junge Paar . Eine gerührte Stimmung bemächtigte sich aller . Als die Sänger geendet hatten , ward der pro domo-Dienst wieder aufgenommen , indem ein Credo , drei Vaterunser und drei Ave Maria laut hergesagt wurden . Während des Ringwechsels waren draußen Böllerschüsse gefallen und auch jetzt , nach beendeter Zeremonie , während alle Familienglieder sich um die Neuvermählten drängten , sie zu küssen , ließen die Burschen im Dorfe die Freudenschüsse knattern . Nachdem das junge Paar und die Trauzeugen ihre Namen in das Kirchenregister eingetragen , war die ganze Handlung beendet . Von neuem formte sich der Zug , doch jetzt in anderer Ordnung : Sylvia voran am Arme des - Gatten . Es folgte nun - alle Festlichkeiten gipfeln ja im Essen und Trinken und Trinksprüchen - das Hochzeitsfrühstück an der mit weißen Blüten überstreuten Tafel . Den ersten Toast brachte der Prälat aus - auf die Neuvermählten natürlich . Ein Blumensträußchen hatte er für sie gewunden . Darin war weißer Flieder , als Sinnbild der Unschuld der holden Braut ; eine blaue Kornblume - die Farbe der ehelichen Treue - ; eine rote Rose , das Bild der Liebe , und das Ganze zusammengehalten - damit die höchste Weihe nicht fehle - durch einen Dorn aus des Heilands Dornenkrone . Und indem er ihnen diesen Strauß auf den Lebensweg mitgebe - der aber kein Dornen- , sondern ein Rosenpfad sein möge - bringe er ein Hoch aus auf Graf Anton und Gräfin Sylvia Delnitzky . Alle rufen » hoch « und stehen auf , um mit den beiden anzustoßen . Gar manche sind darunter , die vor mehr oder weniger Jahren das Gleiche durchgemacht , auf deren Glück ebenso stürmische » Hoch « ausgebracht wurden und die doch nichts weniger als glücklich geworden . Sylvia ist von der durchgemachten Erregung , von dem Lärm wie halb betäubt ; das Wort Glück - von allen Seiten schlägt es an ihr Ohr ... Aber ist diese Müdigkeit , diese Abspannung , diese zugleich glühende Neugier und fröstelnde Furcht vor dem so nahe bevorstehenden » Endlich allein « , dieses Bangen vor der lebenslänglichen Zukunft an der Seite eines - Fremden , dieser Abschied von dem teuren Mädchenheim , von den Ihren - : ist denn das » Glück « ? Sie denkt auch , mehr als sie daran denken sollte , an einen Brief , den sie vor einigen Tagen von Hugo Bresser erhalten . Einen Brief , den sie oft durchgelesen und den sie an diesem Morgen verbrannt hatte ... Nach zwei Stunden war das Mahl zu Ende und eine weitere Stunde später bestieg das junge Paar den Wagen , der es zur Eisenbahnstation brachte . Ein kalter Novembernebel rieselte herab , doch die Hochzeitsreise ging ja in das Land der Sonne - an die Riviera . IX Kurz nach der Abfahrt der Neuvermählten hatte sich Baronin Tilling in ihre Zimmer zurückgezogen . Sie war nicht in der Laune , mit fremden Leuten liebenswürdig zu sein . Diese Aufgabe mußten Rudolf und Beatrix absolvieren , sie sehnte sich nach Ruhe und Einsamkeit . Gegen Abend aber sehnte sie sich nach Mitteilung , und da ließ sie ihren Sohn bitten , er möge zu ihr kommen . Bereitwillig willfahrte Rudolf diesem Wunsch . Hätte er nicht gefürchtet , seine Mutter zu stören , so wäre er von selber zu ihr gekommen , denn auch er hatte Unausgesprochenes auf dem Herzen , Dinge über die er sich mit niemand anderem als mit ihr aussprechen konnte . Martha , die ihre prunkvolle Brautmutter-Toilette gegen einen bequemen Schlafrock aus schwarzem Samt vertauscht hatte , lag auf einem in die Nähe des knisternden Ofenfeuers gerückten Ruhebett ; eine unter großem Spitzenschirm brennende Lampe verbreitete ein gedämpftes Licht in dem wohligen , mit Blumenduft erfüllten Raum . Der Duft kam von den Orangeblüten des