Salons sich öffnen , sie atmete schon den aristokratischen Duft dieses vornehmen Kreises . Als sie dann endlich vor der sogenannten Villa , einem schmutziggrauen , zweistöckigen Hause in der Wilmersdorfer Strasse stand , fiel es Lena nicht einmal auf , wie vollständig dies Haus hinter der Schilderung der Schwestern und ihren eigenen Erwartungen zurückblieb , so ganz war sie von der Aussicht kommender Freuden eingenommen . Die meisten Gäste waren schon in den zwei engen , mit altmodischen , verschossenen Möbeln und allerhand billigem Zierrat vollgestopften Zimmern versammelt , als Lena eintrat . Einen Augenblick lang war sie von dem Bewusstsein , zum erstenmal in eine Berliner Gesellschaft zu treten , so benommen , dass sie verlegen auf der Schwelle stehen blieb . Als sie aber fühlte , dass ihr das Blut heiss in das Gesicht schoss , trat sie rasch entschlossen auf die ihr entgegeneilenden Schwestern zu . Nein , sie wollte hier nicht als verlegenes , ungeschicktes Landgänschen auftreten und danach behandelt werden , um keinen Preis ! Nach kurzer Begrüssung nahmen Clementine und Elisabeth die junge Kollegin bei der Hand , um sie der Mutter zuzuführen . Die Frau Oberstleutnant , eine grosse , hagere Gestalt mit scharfen Zügen , stand in der Mitte des Zimmers , als die drei Mädchen an sie herantraten . Mit herabgezogenen Mundwinkeln lächelte sie Lena missvergnügt an . Sie hatte nicht viel Zutrauen zu dieser Freundschaft aus der Provinz . Als Lena aber eine durchaus korrekte Verbeugung machte und geläufig ein paar verbindliche Redensarten vorbrachte , war die Frau Oberstleutnant sofort entwaffnet . So viel gesellschaftliche Routine hatte sie dieser kleinen Bürgerlichen nicht zugetraut . Wahrhaftig , wenn man näher zusah , hatte dies hübsch gewachsene Mädchen mit dem frischen Teint , den blühenden Farben und dem prächtigen schwarzen Haar bedeutend mehr Chic und Eleganz als ihre eigenen hageren , blassblonden Töchter . Aus dem misstrauisch verzogenen Lächeln wurde eine wahrhaft freundliche Begrüssung . Die Frau Oberstleutnant , die noch immer viel auf die Dehors ihres heruntergekommenen Hauses hielt , war viel zu klug , um nicht auf den ersten Blick zu sehen , dass eine Persönlichkeit wie die Lenas , der abgestandenen Geselligkeit ihres Hauses nur nützen konnte . Sie hatte längst einzusehen gelernt , dass man in Berlin dergleichen auffrischende bürgerliche Elemente mit in den Kauf nehmen musste , wollte man auch nur einigermassen Oberwasser behalten . Es hatte Mühe gekostet die Kinder , die bei ihr im Hause lebten oder doch am meisten um sie waren , mit dieser Einsicht zu befreunden . Die Mädchen , durch die tägliche Berührung mit den unterschiedlichsten Elementen weitsichtiger gemacht , waren eher dahinter gekommen , dass die Mutter recht hatte . Bei ihrem Lieblingssohn Kurt , dem Leutnant , hatte es grösserer Anstrengungen bedurft , um den Beweis zu führen . Schliesslich , vor einigen Monaten etwa , hatte er dann aber einen gewaltigen salto mortale gemacht . Die meisten übrigen Bekanntschaften abschüttelnd , hatte er sich mit einer in Berlin sehr bekannten Persönlichkeit verbrüdert , mit dem jungen Bornstein , Chef eines der angesehensten Bankhäuser und nebenbei Gross-Grundbesitzer in der Nähe von Berlin . Arm in Arm mit Max Bornstein betrat Kurt von Strehsen auch jetzt wieder das Zimmer . Er eilte mit dem Freunde ohne Umstände geradewegs auf die Mutter und die sie noch immer umstehenden drei Mädchen zu . Ohne sich des längeren mit einer weitschweifigen Begrüssung seiner Familie einzulassen , zu der er selbst Bornstein kaum Zeit liess , bat er , den Freund und sich der jungen Fremden vorzustellen . Zeit zur Unterhaltung gaben Clementine und Elisabeth indes den jungen Leuten nicht mehr . Lena musste weiter , um endlich mit dem Papa bekannt zu werden . Durch eine , mit verblassten grünen Portieren verhangene Thür zogen die Schwestern Lena in ein halbdunkles Berliner Zimmer , in dem an der einen Längswand ein kaltes Büffet aufgestellt war . Der Herr Oberstleutnant sass an dem einzigen ziemlich breiten Fenster und stiess vernehmlich einen unwilligen Laut aus , als die Thür sich öffnete . Er trug ein schlechtsitzendes Civil und hatte die Kreuzzeitung vor sich auf den Knien , die er jetzt mit einem hörbaren Aufschlagen der Hand neben sich auf das Fensterbrett legte . Clementine und Elisabeth liessen sich von der menschenfeindlichen Stimmung des Vaters , an die sie wohl gewöhnt sein mochten , indes nicht im geringsten einschüchtern . Sie stellten ihm Lena , die er mit erzwungener Höflichkeit begrüsste , umständlich vor , richteten dann noch eine Unzahl möglichst überflüssiger Fragen an ihn , welche den alten Herrn vollends zur Verzweiflung brachten , und machten mit der wie auf glühenden Kohlen stehenden Lena erst Kehrt , als die Missstimmung des alten Herrn ihren Höhepunkt erreicht hatte . Lena , der die Situation immer fataler geworden war , machte den Mädchen Vorwürfe , den alten Herrn um ihretwillen gestört zu haben . Die etwas burschikose Elisabeth lachte darüber laut auf . » Was sein muss , muss sein in einem guten Hause . Uebrigens können Sie sich trösten , Fräulein Weiss . Papa ist immer so . Geselligkeit ist ihm verhasst . Für ihn existiert nichts als die Kreuzzeitung und die Rangliste . Als sie das zweite Gesellschaftszimmer wieder erreicht hatten , traten Kurt und Max Bornstein den Damen ungeduldig entgegen . Die jungen Herren hatten es beide sehr eilig , ihre vermeintlichen Unterhaltungsrechte an Fräulein Weiss geltend zu machen , da sie vorher schnöde zu kurz gekommen waren . Leutnant Kurt , als der Sohn des Hauses , nahm die Priorität für sich in Anspruch . Als besonderen Beweis seiner Wertschätzung führte er das junge Mädchen in den beiden Zimmern umher und zeigte ihr die Familiengalerie der Strehsens an den grellfarbigen , geschmacklos tapezierten Wänden . Zuletzt führte er Lena vor die Haupt-Sehenswürdigkeit des Hauses , den eingerahmten Brief des Prinzen Friedrich Leopold , der seiner Zeit das Patengeschenk des hohen Herrn für Kurts jüngeren Bruder begleitet hatte . » Fritz Leopold « ,