de siècle-Gefühle drucken . Die Kritiker , meist gute Bekannte von ihm , erhoben ein Beifallsgeschrei und begrüßten in ihm ein Talent ersten Ranges . Wenn er nur ein bischen gläubiger gewesen wäre ! Aber er war ein kluger und ehrlicher Bursche , wenigstens ehrlich gegen sich selbst . Er warf die Feder fort , verabschiedete sich von seinen Bekannten und ging auf eine Reise um die Welt . Er sah viel Neues , genoß alles , was der Besitzer eines gewinnenden Aeußern und einer vollen Geldbörse genießen kann , und kam eines Tages hierher . Während all der Jahre , da er die verschiedenartigsten Wandlungen in sich durchgemacht hatte , war er nach außen hin immer der Gleiche geblieben , ein vornehmer Verschwender . Die Sektquellen bei ihm schienen von unversiegbarer Tiefe zu sein ; man genoß bei ihm die raffiniertesten Diners , und die schönsten Frauen stritten um die Ehre , an seinen Tafeln die Honneurs zu machen . Eines Tages stand er als lustiger Kahlkopf vor dem Spiegel , was ihm aber näher ging : als Kahlbeutel . Das schwere Vermögen war dahin , dahin bis auf einen Rest Schulden . Max Lohringer war nicht der Mann zu verzweifeln oder in Ratlosigkeit zu versinken . Er schaffte seine Geliebten , seine Pferde , seine fürstliche Wohnung ab . In einer einsamen Nacht leistete er sich selbst Gesellschaft und fragte den vernünftigen Kerl in sich , was er wohl thun könnte , um das zu verdienen , was ihm bisher so unendlich gleichgültig gewesen war : Geld . Der vernünftige Kerl in ihm sagte : Mein Freund , dein Unglück ist deine Universalität . Du kannst alles , deshalb kannst du es in nichts zu etwas Bedeutendem bringen . Denn das Geschrei junger Leute von der Herrlichkeit vielseitiger Begabung ist Unsinn . Große Künstler , überhaupt große Menschen , die mit aller Willenskraft einem Ziel zustrebten , sind immer einseitige Leute gewesen . Wenn sie neben ihrer großen Lebensaufgabe noch anderem Sport huldigten , so ist dies noch allemal Dilettantenarbeit geblieben , die nur blinde Vergötterer als künstlerische That ausschrien . Da jedes Verhängnis aber bekanntlich außer einer Unglücks- auch eine Glücksseite hat , so ist diese Salonvirtuosität des Geistes , dieses Mädchenfürallestum , für eine Sorte von Leuten von nicht zu unterschätzendem Vorteil . Für die , die um Taglohn arbeiten müssen . Sie sind des Vormittags Photographen und schreiben des Abends eine Musikkritik . Sie singen den Ritter vom Gral und verzapfen Bier . Also Max Lohringer , ein Ganzes auf irgend einem Gebiet wirst du nicht leisten , aber es wird dir glücken , Geld zu verdienen , wenn du deine zwei Hälften ausspielst . Oder noch besser , teile dich in acht Achtel oder zwölf Zwölftel . - So sprach der vernünftige Kerl in Max Lohringer , und er predigte nicht tauben Ohren . Lohringer verkaufte seine Möbel , seine Bilder , alle im Laufe der Jahre gesammelten Kunstschätze . Er mietete sich diese kleine Wohnung in dem großen Zinshaus , stellte einfache Holzmöbel hinein , und begann Schritte zu thun , sich einen Lebensunterhalt zu suchen . Er fühlte sich innerlich nicht gebrochen . Als er alles verloren hatte , erkannte er , wie wenig er verloren hatte . Was geschieht da ? Als ob das Schicksal ihn für seine stoische Gleichgültigkeit belohnen wollte ! Eines Tages bekommt er eine amtliche Zustellung , daß eine Schwester seiner Mutter , um die er sich niemals bekümmert hatte , gestorben sei und ihn zum Erben eingesetzt habe . Viel wars nicht . Seine Zinsen betrugen viertausend Mark jährlich , ein Pappenstiel für den Lohringer von ehedem . Die Erhaltung seines Stalls hatte ihn mehr gekostet . Aber es war doch immerhin um nicht zu verhungern . Ein Anderer hätte sich nun zu dem Einkommen noch eine gut honorierte Stellung gesucht . Lohringer that anders . Der Müßiggang , das Ideal mancher Naturen , die zum Philister zu viel Künstler und vielleicht zum Künstler zu wenig Geniales haben , war seine Schwäche . Aufstehen , wenn andere Leute ihr Mittagbrot verzehren , in einem Klub Zeitung lesen und frühstücken , einer Matinee im Opernhaus beiwohnen , im Café etliche Billardpartien spielen , einige Stunden lang auf dem Sopha ausgestreckt ein gutes Buch lesen , vielleicht ein Rundgang durch die Kunstschätze der Stadt , später ein kleines ausgesuchtes Diner , hierauf ins Schauspiel oder in ein feines Variété-Theater , das war nach seiner Meinung ein reichlich ausgefüllter Tag . Er würde auf alle diese Genüsse verzichten haben können , wenn es hätte sein müssen . Aber da es nicht sein mußte , war er zufrieden und lebte nach diesem Rezept ein bescheidenes , behagliches Junggesellenleben , ohne Aufwand , ohne Freunde und Freundinnen . Nur manchmal , so alle Vierteljahre einmal , geschah es , daß er sich einschloß und ein Dutzend Flaschen leer trank . Man fand ihn dann , wenn er aus seiner freiwilligen Haft wieder hervorkam , ernsthaft und würdig . Es schien , als hätte seine Natur es nötig , von Zeit zu Zeit einen Exzeß zu begehen , um hernach doppelte Einkehr in sich zu halten . Ob er sich besondere Liebenswürdigkeiten in solchen Stunden sagte , wer weiß es . Jedenfalls lag ein guter Kern in ihm , viel Ehrlichkeit , und trotz allen wüsten Lebens in seiner Vergangenheit , eine gewisse unberührte Naivität Menschen und Dingen gegenüber , die ihm imponierten . Das » Kind im Mann « schien bei ihm noch nicht erstorben zu sein . - - - - Als er jetzt in sein Wohnzimmer trat , dessen Wände nur ein paar Zeichnungen bedeckten und dessen einfache Möbel auf einem blanken Parkettboden standen - er hatte seit seiner Verarmung eine Idiosynkrasie gegen Teppiche und Oelgemälde ( vielleicht weil er so auserlesene , wie er besaß , doch nicht mehr haben konnte ) , blickte ihm von seinem Schreibtisch ein rotes Rohrpostbrieflein entgegen . » Zu schade ! Wir