viel ist es nicht , denn ich bin wenig herausgekommen und habe fast immer auf dem Lande gelebt ... , aber wenn ich es mir zurückrufe , so finde ich doch , daß wir immer das lieben , was liebenswert ist . Und dann sehe ich doch auch gleich , daß Sie anders sind als andere , dafür haben wir Frauen ein scharfes Auge . Vielleicht ist es auch der Name , der in ihrem Falle mitwirkt . Das war immer eine Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer ; der Name , so liebte er zu sagen , besonders der Taufname , habe was geheimnisvoll Bestimmendes , und Alonzo Gieshübler , so mein ich , schließt eine ganz neue Welt vor einem auf , ja , fast möcht ich sagen dürfen , Alonzo ist ein romantischer Name , ein Preziosa-Name . « Gieshübler lächelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den Mut , seinen für seine Verhältnisse viel zu hohen Zylinder , den er bis dahin in der Hand gedreht hatte , beiseite zu stellen . » Ja , meine gnädigste Frau , da treffen Sie ' s « » Oh , ich verstehe . Ich habe von den Konsuln gehört , deren Kessin so viele haben soll , und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr Herr Vater mutmaßlich die Tochter eines seemännischen Capitanos kennengelernt , wie ich annehme , irgendeine schöne Andalusierin . Andalusierinnen sind immer schön . « » Ganz wie Sie vermuten , meine Gnädigste . Und meine Mutter war wirklich eine schöne Frau , so schlecht es mir persönlich zusteht , die Beweisführung zu übernehmen . Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren hierherkam , lebte sie noch und hatte noch ganz die Feueraugen . Er wird es mir bestätigen . Ich persönlich bin mehr ins Gieshüblersche geschlagen , Leute von wenig Exterieur , aber sonst leidlich im Stande . Wir sitzen hier schon in der vierten Generation , volle hundert Jahre , und wenn es so einen Apothekeradel gäbe ... « » So würden Sie ihn beanspruchen dürfen . Und ich meinerseits nehme ihn für bewiesen an und sogar für bewiesen ohne jede Einschränkung . Uns , aus den alten Familien , wird das am leichtesten , weil wir , so wenigstens bin ich von meinem Vater und auch von meiner Mutter her erzogen , jede gute Gesinnung , sie komme , woher sie wolle , mit Freudigkeit gelten lassen . Ich bin eine geborene Briest und stamme von dem Briest ab , der , am Tage vor der Fehrbelliner Schlacht , den Überfall von Rathenow ausführte , wovon Sie vielleicht einmal gehört haben ... « » Oh , gewiß , meine Gnädigste , das ist ja meine Spezialität . « » Eine Briest also . Und mein Vater , da reichen keine hundert Male , daß er zu mir gesagt hat : Effi ( so heiße ich nämlich ) , Effi , hier sitzt es , bloß hier , und als Froben das Pferd tauschte , da war er von Adel , und als Luther sagte : Hier stehe ich , da war er erst recht von Adel . Und ich denke , Herr Gieshübler , Innstetten hatte ganz recht , als er mir versicherte , wir würden gute Freundschaft halten . « Gieshübler hätte nun am liebsten gleich eine Liebeserklärung gemacht und gebeten , daß er als Cid oder irgend sonst ein Campeador für sie kämpfen und sterben könne . Da dies alles aber nicht ging und sein Herz es nicht mehr aushalten konnte , so stand er auf , suchte nach seinem Hut , den er auch glücklicherweise gleich fand , und zog sich , nach wiederholtem Handkuß , rasch zurück , ohne weiter ein Wort gesagt zu haben . Neuntes Kapitel So war Effis erster Tag in Kessin gewesen . Innstetten gab ihr noch eine halbe Woche Zeit , sich einzurichten und die verschiedensten Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben , an die Mama , an Hulda und die Zwillinge ; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen , die zum Teil ( es regnete gerade so , daß man sich diese Ungewöhnlichkeit schon gestatten konnte ) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden . Als man damit fertig war , kam der Landadel an die Reihe . Das dauerte länger , da sich , bei den meist großen Entfernungen , an jedem Tage nur eine Visite machen ließ . Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor , dann ging es nach Morgnitz , Dabergotz und Kroschentin , wo man bei den Ahlemanns , den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen Besuch abstattete . Noch ein paar andere folgten , unter denen auch der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war . Der Eindruck , den Effi empfing , war überall derselbe : mittelmäßige Menschen , von meist zweifelhafter Liebenswürdigkeit , die , während sie vorgaben , über Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen , eigentlich nur Effis Toilette musterten , die von einigen als zu prätentiös für eine so jugendliche Dame , von andern als zuwenig dezent für eine Dame von gesellschaftlicher Stellung befunden wurde . Man merke doch an allem die Berliner Schule : Sinn für Äußerliches und eine merkwürdige Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung großer Fragen . In Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz und Dabergotz war sie für » rationalistisch angekränkelt « , bei den Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine » Atheistin « erklärt worden . Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb , eine Süddeutsche ( geborene Stiefel von Stiefelstein ) , einen schwachen Versuch gemacht , Effi wenigstens für den Deismus zu retten ; Sidonie von Grasenabb aber , eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer , war barsch dazwischengefahren : » Ich sage dir , Mutter , einfach Atheistin , kein Zollbreit weniger , und dabei bleibt es « , worauf die Alte , die sich vor ihrer eigenen Tochter fürchtete , klüglich geschwiegen hatte . Die ganze