Aber lassen wir die heikle Frage . Laß mich lieber auf Mykenä zurückkommen und sage mir deine Meinung über die Goldmasken . Ich bin sicher , wir haben da ganz was Besonderes , so das recht Eigentlichste . Jeder beliebige kann doch nicht bei seiner Bestattung eine Goldmaske getragen haben , doch immer nur die Fürsten , also mit höchster Wahrscheinlichkeit Orests und Iphigeniens unmittelbare Vorfahren . Und wenn ich mir dann vorstelle , daß diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt wurden , gerade wie wir jetzt eine Gips- oder Wachsmaske formen , so hüpft mir das Herz bei der doch mindestens zulässigen Idee , daß dies hier « - und er wies auf eine aufgeschlagene Bildseite - , » daß dies hier das Gesicht des Atreus ist oder seines Vaters oder seines Onkels ... « » Sagen wir seines Onkels . « » Ja , du spottest wieder , Distelkamp , trotzdem du mir doch selber den Spott verboten hast . Und das alles bloß , weil du der ganzen Sache mißtraust und nicht vergessen kannst , daß er , ich meine natürlich Schliemann , in seinen Schuljahren über Strelitz und Fürstenberg nicht rausgekommen ist . Aber lies nur , was Virchow von ihm sagt . Und Virchow wirst du doch gelten lassen . « In diesem Augenblicke hörte man draußen die Klingel gehen . » Ah , lupus in fabula . Das ist er . Ich wußte , daß er uns nicht im Stiche lassen würde ... « Und kaum daß Schmidt diese Worte gesprochen , trat Friedeberg auch schon herein , und ein reizender schwarzer Pudel , dessen rote Zunge , wahrscheinlich von angestrengtem Laufe , weit heraushing , sprang auf die beiden alten Herren zu und umschmeichelte abwechselnd Schmidt und Distelkamp . An Etienne , der ihm zu elegant war , wagte er sich nicht heran . » Aber alle Wetter , Friedeberg , wo kommen Sie so spät her ? « » Freilich , freilich , und sehr zu meinem Bedauern . Aber der Fips hier treibt es zu arg oder geht in seiner Liebe zu mir zu weit , wenn ein Zuweitgehen in der Liebe überhaupt möglich ist . Ich bildete mir ein , ihn eingeschlossen zu haben , und mache mich zu rechter Zeit auf den Weg . Gut . Und nun denken Sie , was geschieht ? Als ich hier ankomme , wer ist da , wer wartet auf mich ? Natürlich Fips . Ich bring ihn wieder zurück bis in meine Wohnung und übergeb ihn dem Portier , meinem guten Freunde - man muß in Berlin eigentlich sagen , meinem Gönner . Aber , aber , was ist das Resultat all meiner Anstrengungen und guten Worte ? Kaum bin ich wieder hier , so ist auch Fips wieder da . Was sollt ich am Ende machen ? Ich hab ihn wohl oder übel mit hereingebracht und bitt um Entschuldigung für ihn und für mich . « » Hat nichts auf sich « , sagte Schmidt , während er sich zugleich freundlich mit dem Hunde beschäftigte . » Reizendes Tier und so zutunlich und fidel . Sagen Sie , Friedeberg , wie schreibt er sich eigentlich ? f oder ph ? Phips mit ph ist englisch , also vornehmer . Im übrigen ist er , wie seine Rechtschreibung auch sein möge , für heute abend mit eingeladen und ein durchaus willkommener Gast , vorausgesetzt , daß er nichts dagegen hat , in der Küche , sozusagen am Trompetertisch , Platz zu nehmen . Für meine gute Schmolke bürge ich . Die hat eine Vorliebe für Pudel , und wenn sie nun gar von seiner Treue hört ... « » So wird sie « , warf Distelkamp ein , » ihm einen Extrazipfel schwerlich versagen . « » Gewiß nicht . Und darin stimme ich meiner guten Schmolke von Herzen bei . Denn die Treue , von der heutzutage jeder redt , wird in Wahrheit immer rarer , und Fips predigt in seiner Stadtgegend , soviel ich weiß , umsonst . « Diese von Schmidt anscheinend leicht und wie im Scherze hingesprochenen Worte richteten sich doch ziemlich ernsthaft an den sonst gerade von ihm protegierten Friedeberg , dessen stadtkundig unglückliche Ehe , neben anderem , auch mit einem entschiedenen Mangel an Treue , besonders während seiner Mal- und Landschaftsstudien auf der Woltersdorfer Schleuse , zusammenhing . Friedeberg fühlte den Stich auch sehr wohl heraus und wollte sich durch eine Verbindlichkeit gegen Schmidt aus der Affaire ziehen , kam aber nicht dazu , weil in eben diesem Augenblicke die Schmolke eintrat und , unter einer Verbeugung gegen die anderen Herren , ihrem Professor ins Ohr flüsterte , » daß angerichtet sei « . » Nun , lieben Freunde , dann bitt ich ... « Und Distelkamp an der Hand nehmend , schritt er , unter Passierung des Entrees , auf das Gesellschaftszimmer zu , drin die Abendtafel gedeckt war . Ein eigentliches Eßzimmer hatte die Wohnung nicht . Friedeberg und Etienne folgten . Siebentes Kapitel Das Zimmer war dasselbe , in welchem Corinna , am Tage zuvor , den Besuch der Kommerzienrätin empfangen hatte . Der mit Lichtern und Weinflaschen gut besetzte Tisch stand , zu vieren gedeckt , in der Mitte ; darüber hing eine Hängelampe . Schmidt setzte sich mit dem Rücken gegen den Fensterpfeiler , seinem Freunde Friedeberg gegenüber , der seinerseits , von seinem Platz aus , zugleich den Blick in den Spiegel hatte . Zwischen den blanken Messingleuchtern standen ein paar auf einem Bazar gewonnene Porzellanvasen , aus deren halb gezahnter , halb wellenförmiger Öffnung - dentatus et undulatus , sagte Schmidt - kleine Marktsträuße von Goldlack und Vergißmeinnicht hervorwuchsen . Quer vor den Weingläsern lagen lange Kümmelbrote , denen der Gastgeber , wie allem Kümmlichen , eine ganz besondere Fülle gesundheitlicher Gaben zuschrieb . Das eigentliche Gericht fehlte noch , und Schmidt , nachdem er sich von dem statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt , auch beide