Alles das war für die Lene geredet , er wähnte , daß sie dort in ihren Kissen verborgen trotzig hinhorchen täte auf jedes Wort und daß die Hanne nur da sei , um neuen Zank unmöglich zu machen . Jetzt regten sich Zorn und Scham wieder in ihm , das dumme Mädel da hatte seinen Jammer gehört , hatte ihn auf den Knien gesehen , und sein Weib hat geschlafen oder ihn neuerdings verspottet . Da krampfte sich schon wieder die Hand zusammen . Auseinander mit den Fingern ! Herrgott ! Was macht das Weib mit ihrer Unsinnigkeit aus mir ! » Hast du dein Weib nicht gesehen , Lepold ? « Das fuhr in seine peinvollen Gedanken , er setzte sich matt nieder und frug : » Was hast du gesagt ? « » Die Lene ist in der Abendzeit fortgegangen und ist - erschrick nicht , ich bitt dich - ist noch nicht heimgekommen « , sagte das Mädchen leise . » Nicht daheim ! Jetzt ? Mein Weib ? « stammelte der Leopold , er stieß die Hanne beiseite , rannte zu dem Bette seiner Frau , schüttelte die Kissen und Decken , wühlte alles durcheinander , er meinte , daß sie versteckt sein könnte . » Nichts da ... wo ... wo ist ... sie hin ? « gurgelte er , als ob er aus einem Wasser herausriefe , das ihm über den Kopf ging . » Jesus , Maria ! Schau nicht so drein , komm zu dir ! Es kann ihr ja etwas geschehen sein - in der Früh wird sie schon kommen « , tröstete entsetzt und zaghaft die Hanne . » Was geschehen ... freilich , das könnt möglich sein « , lallte er , » aber ... Hanne , es gibt auch Weiber , die ihren Männern davonlaufen . « » Davonlaufen ? « sagte die Hanne erschreckt . » Durchgehen ! ... Wo ist mein Bub ? « schrie der Mann jählings und tappte nach der Wiege . » Sei nur still , ich bitt dich , das Kind ist da , ich bin ja darum herübergekommen . « » Armes Ding du « , murmelte der Leopold , » du bist immer gut und ehrlich ... du hast den Hieb parieren müssen , den sie mir zurückgegeben hat ... Hanne , sag mir alles von ihr . « Er zog einen Stuhl herbei und stieß ihn derb zu Boden , der Kleine schrie im Schlafe auf und hustete gleich danach kurz und schrill , daß es wie ein heiseres Bellen klang . Die Hanne horchte ängstlich und wollte zu dem Kinde , doch der Mann setzte sich ihr gegenüber , hielt sie am Arme fest und sagte wie ein Stumpfsinniger : » Alles sag mir ... alles ! « Was sie zu erzählen wußte , erzählte sie ihm , es war wenig genug . Er ließ sich die letzten Worte seines Weibes immer wiederholen , er sagte selbst jede Silbe nach , aber er konnte nichts herausfinden , als daß sie mit einer Lüge ihn und das Kind verlassen hatte . » Lepold , sei doch ein wenig gefaßt « , bat die Hanne , » laß mich aus , ich muß zu dem Buben , der Husten ist so - dein Kind ist krank , hörst ? « » Auch das noch ... « Er nahm die Lampe und leuchtete dem Mädchen , das fürsorglich wie eine Mutter das Kind aufhob . » Da schau , Lepold , wie der Kleine fiebert . « Mit dem Stiele eines Löffels drückte sie die Zunge des Knaben nieder und schaute in sein Mündchen . » Ich mein « , sagte sie erregt und suchte die Tränen zu verschlucken , » ich mein , du sollst schnell einen Doktor holen , das wäre das beste . « » Warum ? « fragte der Mann gedankenlos , denn das Bild seines Weibes flimmerte dort auf dem Putztische , und er konnte an nichts mehr sonst denken als an sie . Wo , wo , wo ist sie ? ... Bei wem ? ... Bei wem ? Herrgott ! ... Er konnte nicht weiter fort mit seinen Gedanken , eiskalt rieselte und rann es ihm über den Rücken , er nahm das Bild und stierte es an , als ob er es sein Lebtag nicht gesehen hätte . » Bei wem ? « murmelte er , und als er sich reden hörte , da hub auch sein Gehirn wieder mühselig zu arbeiten an . » Vielleicht jetzt schon ein nichtsnutziges Weib « , summte es in seinem Kopfe . Das Bild glitt aus seiner Hand und fiel vor ihm nieder , er blickte auf den Fußboden , und als er hinter dem grünlichen Glas ihr Gesicht heraufschillern sah , trat er mit dem Absatz darauf , daß die Scherben knirschten . » Aber Lepold ! Hab doch Erbarmen mit deinem Kind , ich kann den Buben nicht auslassen , das ist die Bräune ! Hol den Doktor , das Kind könnte die Nacht ersticken . « Mit stumpfsinniger Neugierde bog sich der Mann nieder und schaute in das kleine Gesicht . Das Mündchen war halboffen , und es wehte den Leopold heiß an , als er mit seinem Finger die trockenen Lippen berührte ; die Augenlider hoben sich langsam , nur die halben Sterne waren zu sehen , der weiße Augapfel aber hatte den bläulichen Glanz verloren , und darum hatte der Kleine das Ansehen einer Leiche trotz der Fieberröte . » Schau nur , Lepold , schau ! « klagte die Hanne bittend und legte ihre Hand auf seinen Arm . Der Mann aber blickte über die Achsel auf die zitternde hagere Mädchenhand nieder . Das fremde Geschöpf da ängstigte sich um seinen Buben , dasselbe unbeachtete stille Mädchen hatte schon als Kind den ganzen Reichtum der Armen , die geraden Glieder , hinaufgetragen auf das Hausdach und sie zerbrochen und zerschellt