ganz , eine Halbheit kann ich nicht brauchen . Und Maria wenigstens tat der Welt den Willen , und diese bereitete ihr dafür Triumphe von berauschender und von denen , die sie als junges Mädchen gefeiert hatte , ganz verschiedener Art. Wenn sie früher die Summe dessen zog , was sie sollte , was von ihr verlangt wurde , so lautete das Resultat : gefallen . Jetzt hingegen schienen alle Menschen nur einen Wunsch , nur einen Ehrgeiz zu haben , den : ihr zu gefallen . Ein Lächeln , ein freundliches Wort von ihr beglückte , die geringste Bevorzugung des einen machte hundert Neider . Der erste Ball bei Dornach hatte ungeteiltes Lob geerntet , ein zweiter Enthusiasmus erregt . Nun sollte ein dritter am vorletzten Faschingstag stattfinden . Zu dem eine Einladung zu erhalten , bemühte sich jemand , der bisher die Nähe Marias sorgfältig gemieden hatte : Felix Tessin . Sie war ihm anfangs dankbar gewesen für seine Zurückhaltung ; doch sagte sie sich endlich , daß in dieser etwas viel Auffälligeres liege als in den banalen Huldigungen , die ihr von jung und alt dargebracht wurden . Mit welchem Rechte machte er eine Ausnahme ? War zwischen ihnen das geringste vorgefallen , das ihm erlaubte , sich anders als alle anderen gegen sie zu benehmen ? Fast freute sie sich , als sie eines Tages seine Karte fand und ihm eine Einladung zum Ball senden konnte . Es war Zeit , daß er seine Sonderstellung aufgab . Erst unlängst hatte Hermann gesagt : » Tessin hat seine Niederlage noch nicht verschmerzt , er grollt « , und als Maria ihn staunend und bestürzt angeblickt , ganz ruhig hinzugefügt : » Vor einem braven Manne , den du mir vorgezogen hättest , wäre ich zurückgetreten , vor Tessin nicht . Ich hätte ihn eher niedergeschossen als zugegeben , daß er dich heimführt . « Maria zwang sich mühsam eine gleichgültige Miene ab : » Wie - du hast etwas entdeckt von dem mißlungenen Versuch des Grafen Tessin , sich auf die einfachste Weise den Einfluß meines Vaters zu sichern ? - Allen Respekt ! Außer dir ist dieser kleine diplomatische Fehlgriff niemandem aufgefallen . « » So war auch ich einmal scharfsichtig « , hatte Hermanns Antwort gelautet . » Die Liebe tut Wunder . « An dieses Gespräch erinnerte sich Maria oft , als die Stunde immer näher kam , in der sie Tessin als Gast in ihrem Hause sehen sollte . Und welche Vorsätze faßte sie nicht ! Mit welcher Unbefangenheit wollte sie ihm entgegentreten und sogleich den kühl freundlichen Ton anstimmen , der von nun an zwischen ihnen herrschen sollte . Der Faschingmontag kam heran . Es war neun Uhr ; Maria hatte ihre Toilette beendet und sich noch in das Kinderzimmer begeben , um dem Kleinen gute Nacht zu sagen . Er erwachte , als sie sich über ihn beugte , stieß ein freudiges Lachen aus und griff mit beiden Händen nach dem glitzernden Diadem auf ihrem Haupte . Sie wehrte ihm , küßte ihn , schläferte ihn wieder ein und flüsterte ihm zu : » Du bist doch mein Höchstes und Liebstes . « Dann begab sie sich hinüber nach den taghell erleuchteten , blumendurchdufteten Festräumen ... Alles noch leer und still . Nur im Wintergarten , in dem soupiert werden sollte , der Obergärtner aus Dornach und seine Leute mit dem Ordnen einer Palmengruppe beschäftigt . Und in der Galerie der Haushofmeister , der mit so feierlichem Ernste , als ob er einem Ministerrate präsidierte , den schwarzbefrackten Kammerdienern und den goldbetreßten , perückengeschmückten Lakaien seine Befehle erteilte . Im kühlen Ballsaale ging Hermann mit dem Direktor der Kapelle , einem berühmten und liebenswürdigen Künstler , in lebhaftem Gespräch auf und ab . Als Maria sich näherte , blieben beide stehen , und der Musiker rief unwillkürlich aus : » Wie schön Sie sind , Frau Gräfin ! « » Nicht wahr ? « erwiderte sie , seine Bewunderung ebenso unbefangen hinnehmend , wie er sie geäußert hatte : » Diese Spitzen - eine geklöppelte Symphonie ; das Diadem , ein Meisterstück unseres Köchert , prächtig und doch leicht , ich spüre es kaum - lauter Geschenke meines Mannes ... « Und seine geringsten , dachte sie . Hatte er sich ihr nicht selbst völlig zu eigen gegeben ? Sein erster und letzter Gedanke gehörte ihr , und was ihr Leben schmückte und schön und reich machte , vom Größten bis zum Kleinsten , war das Werk dieses Mannes , der im Besitz ihres Selbst noch sehnsüchtig nach ihrer Liebe rang . Von unendlicher Dankbarkeit ergriffen , freute sie sich , so schön zu sein , freute sich , daß ihn heute viele glücklich preisen würden . Strahlenden Auges blickte sie in den Spiegel ... Sie konnte zufrieden sein mit sich . Nie hatte ein Kleid ihr besser gestanden als dieses farbig-farblose , eine Mischung von Grau und Lila , für die die Sprache keine Bezeichnung hat . Das kostbare , goldgestickte Spitzengewebe , das eben von ihr gerühmt worden , umgab die herrlich geformte Büste , bildete eine schmale Spange zwischen der Schulter und dem Oberarm und wallte , kunstvoll gerafft , vom Gürtel nieder bis zu der langen , mit schwerem Goldbrokat gefütterten Schleppe . Die edle , in zarter Fülle prangende Gestalt war wie von einer goldenen Wolke umschimmert , und eine Wonne für das Auge die gelassene und stolze Anmut ihrer Bewegungen . Allmählich füllten sich die Säle . Übermütig oder abgespannt , mit vergnügten , erwartungsvollen oder mit gelangweilten Mienen wogten die Ankommenden herein . Die paar hundert Menschen , welche die sogenannte große Welt ausmachen , trafen einmal wieder an einem und demselben Orte zusammen - Blüte des Adels , Häupter und Angehörige uralter Geschlechter , die ihr Blut rein erhalten hatten von jeder Vermischung mit dem nicht Ebenbürtiger . Da stehen sie , eine große Gruppe bildend , die in ihrer Art einzigen ,