dennoch blieb Fanny stehen , als sähe sie ihm nach . Vor ihrem geistigen Auge schritt er dahin in seinem engen Wams , mit seinem spitzen Schnurrbart , dem Monocle im linken Auge und dem hohen Hut auf dem Kopfe . Sie sah seinen vorsichtigen , etwas steifbeinigen Gang , die zierliche Art , wie er zwei Finger der Linken zwischen die Knöpfe und die ganze Rechte außer dem Daumen in die Seitentasche des Jaquets steckte , - eine Gestalt , die auf dem Boulevard einer Weltstadt charakteristisch gewesen wäre , die aber in der Ländlichkeit von Mittelbach allezeit ein klein wenig an den alternden Bonvivant der Bühne erinnerte . Dabei verhütete ein gewisses aristokratisches Etwas jeden Eindruck von Lächerlichkeit . Fanny sah das alles ganz lebhaft vor sich und dachte zugleich mit dankerfülltem Herzen daran , wie hundertfach sie diesem Mann verpflichtet war , wie sie ihn verehrte , liebte - ja liebte , etwa wie einen Vater oder älteren Bruder . Aber das war ja wieder lächerlich von ihr . Sie nahm das Licht , ging hinein , schloß hinter sich zu und schritt geradewegs auf den Spiegel los , der an der einen Schmalwand des Saales zwischen zwei Sofas stand . Hier sah sie sich fest ins Gesicht . » Fanny , du bist selbst eine alte Frau ! « sagte sie laut . Dann ging sie , ein lustig Lied auf den Lippen , dessen Töne sie zum Summen dämpfte , mit heiterer Stirn in ihr Schlafgemach , um wie immer traumlos und fest zu schlafen . Fünftes Kapitel » Was , der Zug hält nicht an der Station ? « fragte Joachim von Herebrecht am Billetschalter eines Berliner Bahnhofes . » Nein , nur die Lokalzüge . « » Und wann geht der nächste ? « » Morgen früh um sechs Uhr , « sagte der Beamte und wandte sich von dem erledigten Fall seinen anderen Obliegenheiten zu . Joachim stand eine Weile unbeweglich und störend im Menschengewühl des Bahnhoftumultes , wie jemand , der für den Augenblick ganz verdummt ist . » Den Teufel auch , « dachte er verdutzt , » da trete ich mit einer Unpünktlichkeit in den neuen Wirkungskreis . So was macht immer einen schlechten Eindruck . Aber die Frauenzimmer hätten doch auch in den Briefen , die der Depesche folgten , ein Wort davon einfließen lassen können , daß man nur mit dem edlen Beförderungsmittel der Bummelzüge in die Försterschen Gefilde gelangen kann . Na , wo Frauen regieren , kann man am Ende solche Vergeßlichkeit nicht befremdlich finden und kann auch wohl darauf rechnen , daß Unpünktlichkeit nicht als Untugend angesehen wird . « Damit beruhigte er sich , suchte ein Hotel in unmittelbarer Bahnhofsnähe auf und ließ sein Gepäck gleich an der Eisenbahn . Der andere Morgen sah ihn sehr übellaunig im Coupé des ersten Zuges , der mit viel Geräusch und wenig Eile durch den märkischen Sand fuhr . Joachim , von Berufswegen zum steten Frühaufstehen gezwungen , haßte dasselbe doch gründlich und liebte an den Tagen , wo der Zwang wegfiel , ein verlängertes Verweilen im Bett , bis zur Mittagsstunde womöglich . Und natürlich würde nun kein Wagen an der Station sein und er konnte das Vergnügen genießen , ein paar Stunden durch den sonnigen Morgen zu Fuß zu laufen . Diese Befürchtung bestätigte sich , denn der Inspektor teilte an der Station dem jungen Herrn mit , daß gestern zum letzten Zug - zum letzten Bummelzug , schaltete Joachim ein - der Wagen hier gewesen sei und daß die fremde Dame , die neuerdings auf Mittelbach wohne und Frau Försters Schwägerin sein solle , darin gesessen habe . » Frau von Herebrecht ? « fragte Joachim unglücklich . » Auch das noch ! « » Ich weiß nicht , wie die Dame heißt ; sie ist jung , sehr schlank und trug ein weißes Kleid und einen großen weißen Hut . « » Natürlich - Adrienne ! « Joachim sagte , daß man sein Gepäck holen werde , und machte sich auf den Weg . Es mochte gegen zehn Uhr sein , und der Junimorgen lag mit blendendem Sonnenschein über den Feldern . Die lang aufgeschossenen Pappeln warfen weitläufige Gitterschatten über die Chaussee , deren Fahrdamm wie von silbergrauem Staubpulver überschüttet war . Von rechts und links drängte sich das wogende Getreide an die Straße , ein erfrischender Wind fuhr über die bläulich aufschimmernden Aehren des Sommerkorns . Joachim nahm den Hut ab , daß der Wind ihm die Stirn kühle , und spannte einen blauleinenen Sonnenschirm , den er bisher als Stock benützte , über sich auf . Das Wandern durch die reichtragenden Felder ward ihm schnell zum Vergnügen , er pfiff den Fledermauswalzer vor sich hin und dachte nach , in einem abwechslungsreichen Durcheinander bald über die Verlobung der » kleinen Elly « , bald über die Qualitäten des Mittelbacher Bodens , bald über die Operette , die er vorgestern in Berlin gesehen hatte , und über die Menschen , die er in Mittelbach finden würde . Viel Sorgen machte er sich um das alles nicht . Sein aschblondes Haar , leicht über der Stirn gelockt und ziemlich kurz gehalten , krönte ein junges , offenes , frohes Männergesicht . Die blauen Augen schauten hell um sich , die fein gebogene Nase - die Herebrechtsche Familiennase - stand über frischen , feinen Lippen , die ein blondes Schnurrbärtchen zierte . Die Linie des Wangenprofils , die Form des festen Kinns , die Art , wie der Kopf getragen wurde , gaben dem jungen Antlitz den Ausdruck von Stolz und Adel . Dazu die sehr geschmeidige , mittelgroße Figur - man mußte gestehen , Joachim konnte mit dem Gepräge zufrieden sein , das die Natur ihm gegeben . Er näherte sich , rüstig ausschreitend , dem Wald , an dessen Saum ein Landweg zwischen Knicken sich hinzog . Joachim sah da etwas , das seine Aufmerksamkeit fesselte , und der Walzer auf