ihnen ein treuer Helfer und Freund zu werden . Dann kam die Mutter , mit einem verschossenen Seidenkleide angetan , küßte ihn auf Stirn und Wangen und hielt sein Gesicht lange zwischen ihren beiden Händen , indem sie ihm unverwandt in die Augen schaute . - Sie wollte etwas sagen , aber sie brachte nichts weiter zum Vorschein als : » Mein Junge , mein lieber Junge . « Selbst der Vater war heute in rosigster Laune . Er faßte seine beiden Hände und hielt ihm eine lange Rede , wie er lernen müsse , auf das Große im Menschenleben seinen Blick zu heften und ihm , dem Vater , nachzueifern , der zwar stets vom Unglück verfolgt und von der Schlechtigkeit der Menschen ausgeplündert worden sei , der sich aber nie habe entmutigen lassen , zu den Sternen emporzustreben , selbst aus diesem elenden Loche heraus , in dem ein feindliches Schicksal ihn habe versinken lassen . Und er runzelte seine Brauen und wühlte sich in seinen Haaren , Zoll um Zoll Erhabenheit und Geistesgröße . Paul küßte seine beiden Hände und versprach alles . Um acht Uhr sah er auf dem Fahrweg , der über die Heide führte , eine Karosse vorbeirollen , deren silberner Zierat im Morgensonnenstrahle glitzerte . Lange blickte er dem Wagen nach . Ihm war alles wie ein Traum ... Er fühlte sich so unendlich wohl , daß ihm ganz beklommen wurde vor lauter Glück . » Womit hab ' ich das verdient ? « fragte er sich , und darauf fing er an nachzugrübeln , wie wohl der erste Kummer beschaffen sein werde , der ihn dieser Seligkeit entreißen würde . - Als die Zwillinge ihm ankündigten , daß der Wagen zur Kirchenfahrt bereitstände , fühlte er sich traurig und gedrückt . In dem Pfarrgarten , in dem Jasmin und Flieder blühten und auf dessen Rasen die Sonnenstrahlen glitzerten , standen zwei Menschenhäuflein , ein schwarzes und ein weißes , gesondert voneinander . Das erste waren die Knaben , das zweite die Mädchen . Elsbeth in ihrem schneeigen Mullkleidchen , mit einem Spitzentüchlein über dem Busen , sah weiß und duftig aus wie eine Schlehdornblüte . Ihre Wangen waren sehr blaß , sie hielt die Augen fortwährend gesenkt und spielte bald mit dem Gesangbuch , bald mit dem Fliederbüschel , welches beides sie in der Hand hielt . Paul schaute lange zu ihr hinüber , aber sie sah ihn nicht . Sie mochte sich wohl in ihrer Andacht durch keinen weltlichen Gedanken stören lassen . Und dann kam der Pfarrer . Die Glocken läuteten - und die Orgel rauschte - und langsam schritt der Zug , paarweise geordnet , nach dem Altar . Paul ging dicht hinter den beiden Erdmännern , die in ihren schwarzen langen Tuchröcken gar ernst und ehrbar dreinschauten . Plötzlich kam das Bewußtsein seiner Schuld mit erneuter Gewalt über ihn . Er beugte sich ein wenig vor , stieß sie leise in den Nacken und flüsterte mit nassen Augen : » Vergebt mir ! Ich habe euch viel Übles getan ! « Sie bohrten sich gegenseitig die Ellbogen in die Hüften und schmunzelten spitzbübisch . Einer drehte sich mit halber Wendung um und flüsterte mit einem Leidensgesichte , das ganz erfüllt war von verkannter und gekränkter Unschuld : » Mein Sohn , wir vergeben dir . « Paul fühlte wohl , daß sie sich über ihn lustig machten , aber sein Herz war so voll von Andacht und Liebe , daß ihm kein Hohn der Welt etwas anhaben konnte . Zu beiden Seiten des Altars ordneten sich die Kinderscharen . Paul warf einen schüchternen Blick in das Kirchenschiff hinunter , das gedrängt voll von Menschen war , aber er vermochte niemanden zu erkennen . Die Stunde der Predigt verging . Er starrte vor sich nieder . Alles war ihm wie ein Traum . Eine Weile später fühlte er seine Knie auf einem weichen Polster ruhen und die Hand des Pfarrers auf seinem Haupte ... Was er zu ihm sprach , vernahm er nicht . Er sah Elsbeth drüben still in ihr Taschentuch weinen und dachte : » Weine nur , weine nur , wirst bald wieder lachen . « Und dann fragte er sich , warum die Menschen wohl alle so viel lachten , während es doch im ganzen so wenig Lächerliches auf Erden gäbe . Die Orgel stimmte das Lied : » Lobe den Herrn , den mächtigen König der Ehren « an - hellauf jauchzte der Chor der Gemeinde - da wanderte sein Blick zur Sonne empor , die in regenbogenfarbenen Lichtern durch die bemalten Kirchenfenster brach . Und wie er in das Farbenspiel hineinstarrte , erschrak er plötzlich . Gerade jenseits des Kreuzes , das den Altar krönte , stand in ungeheurer Größe eine düstere , in Grau gekleidete Frau und blickte aus großen , hohlen Augen auf ihn nieder ... Die Büßerin Magdalena war ' s. Er fühlte , wie es ihn kalt durchschauerte . » Frau Sorge , « murmelte er und beugte das Haupt , als wollte er in Demut empfangen , was sie ihm fürs Leben bescherte . Und als er das Auge wieder erhob , strahlte die Sonne noch herrlicher denn zuvor . Glührot und smaragden gleißten und glimmten die Flammen und woben eine Strahlenglorie um das Haupt der grauen Frau . Die aber stand traurig inmitten der farbenfrohen Pracht und starrte aus großen , hohlen Augen auf ihn nieder . - - - Da setzte mit einem rauschenden Akkorde die Orgel zum Nachspiel ein ... ein freudiges Beben ging durch die Gemeinde ... die Schar der Kinder eilte , sich in die Arme der Ihren zu werfen , - - und aus Elsbeths tränennassen Augen traf ihn ein freundlich grüßender Blick . 8 Paul trat nun in die Wirtschaft . Den Schwur , den er am Morgen seines Einsegnungstages getan hatte , hielt er getreulich . - Er arbeitete wie der letzte seiner Knechte , und wenn die Mutter ihn