einige Zeitungsblätter auf den Tisch legte . Ohne eine Antwort von dem alten Bekannten des Chefs zu erwarten , schlich er katzbuckelnd wieder an seinen Platz zurück . Drillinger ließ die Blätter unbeachtet . Er fand es zwar nichts weniger als behaglich in dem dunklen , dumpfen Raum mit dem abgetretenen grünen Teppich auf dem schiefen Boden , den Eisenbahnkarten , Stadtplänen , Verlosungskalendern und Kurszetteln an den Wänden - allein das Geräusch und Gedränge der Straße war ihm noch widerwärtiger . Also wollte er lieber hier warten . So warf er sich denn in das klebrige schwarze Ledersofa und ließ seinen Blick bald durch das vergitterte einzige Fenster schweifen , welches auf das alte , winkelige Hebammengäßchen hinauswies , bald durch die halboffene Thür in das eigentliche Kontor , welches gerade knappen Raum bot für den Geldschrank , zwei Schreibpulte und den langen schmalen Zahltisch mit dem Schalter für die Kundschaft . Die beiden Kontoristen saßen stumm über ihre Bücher gebeugt ; automatenhaft trugen sie ihre Ziffern und Vermerke ein . Man hörte ein krabbeliges Stahlfederngeräusch - und dann entstand wieder eine kleine Pause , welche der jüngere Kontorautomat durch eine knarzende Bewegung auf seinem Schreibbock ausfüllte . Drillinger mußte der Zeit gedenken , wo er sich mit dem jahrelangen Versuch abquälte , sich in der Buchhalterei der Malzfabrik zu Pasing zu einem ähnlichen Kontorautomaten umzubilden . Der steinalte und steinreiche Protz Kesselberger , ein Freund seines Vaters und stärkster Aktionär der Gesellschaft , hatte ihm die Stelle vermittelt und goldene Berge versprochen . Er wollte ihn protegieren , von Stufe zu Stufe höher bringen - bis an die Spitze des Unternehmens ! » Die Industrie , das ist das gelobte Land , « pflegte er zu sagen ; » Intelligenz und vornehmer Name müssen sich mit dem Großkapital alliieren ! « Freilich dachte dabei der alte Gauner zunächst an eine Allianz seiner erschrecklich häßlichen , aber mannstollen Tochter mit dem schmucken , trotz seiner Invalidität strammen Offizier . Max v. Drillinger dachte aber an die Summen , die er der Erhaltung des wenigstens scheinguten Namens seines Bruders Ludwig geopfert , der damals schon durch seine Exzesse und seine ersten sozialdemokratischen Maulaufreißereien die Drillingersche Familie arg bloßgestellt hatte . Was hatte ihm dieser Thunichtgut nicht für Verlegenheiten bereitet , die er niemand anvertrauen mochte , in ihrem ganzen Umfang nicht einmal der treuen Brigitta ! So griff er nach der Hand des berechnenden Protzen Kesselberger und rollte Tag für Tag mit der Eisenbahn nach Pasing hinaus auf das Fabrikbüreau . Da machte das Schicksal einen Strich durch die Rechnung des Besitzers der erschrecklich häßlichen , mannstollen Tochter : Kunigunde brannte mit dem Kutscher durch - und Max v. Drillinger blieb ohne fernere Protektion auf seinem inferioren Posten sitzen , ohne zunächst eine Ahnung zu haben , was ihm eigentlich die Gunst des Alten so schnell verscherzt haben könnte ... Das war nun eine von den regelmäßigen Beschäftigungen , wie sie der guten Brigitta als Ideal für einen Hauptmann a.D. vorschwebten - das war der regelmäßige Erwerb , welcher die Fettaugen auf die magere Pensionssuppe liefern sollte ! Ein bitteres Lächeln huschte über die Züge Drillingers , als er sich jetzt wieder als Kontorknecht in Pasing sitzen sah unter einem Dutzend älterer und jüngerer Geschäftsbeflissener , die von der Pike auf im Handel gedient hatten und bei denen die Anpassung an den Schreibbock-Beruf normal verlaufen war . Die alte Geschichte von dem edlen Renner voll Feuer und Laune und dem eingewöhnten Ackergaul , der geduldig Furche um Furche zieht ! Jeder ist vortrefflich in seiner Weise , aber der eine kann nicht die Aufgabe des andern erfüllen . Und dann : was soll überhaupt ein Leben , das nichts abwirft , als im ewigen Einerlei maschinenmäßiger Arbeit , in Treue und Aufopferung die Möglichkeit etwas besseren Lebensunterhalts ? Wirft denn die bravste Taglöhnerei im Dienste der Millionenhamster jemals so viel ab , daß der Tagelöhner einen nennenswerten Zuwachs an persönlicher Stärke , an Freiheit und Schönheit des Lebens herausschlägt ? Und dafür soll man zum systematischen Märtyrer der Phantasie seiner Lebensführung werden und vom freien Mann hinabsinken , zum Heerdentier ? Dann der andere Versuch : er hatte mit dem Baron Almen eine elegante Monatsschrift herausgegeben , » Die Kunst in der Mode « und für das Beiblatt » Das Boudoir « pikante Plaudereien über das Theater unter einem Pseudonym geschrieben . Die Probenummer erregte Aufsehen . Das versprach eine im edelsten Sinne regelmäßige und nutzbringende Beschäftigung zu werden . Allein nach der vierten Nummer krachte das Geschäft des Verlegers zusammen . Es stellte sich heraus , daß das ganze Betriebskapital des unternehmungslustigen Buchhändlers in einem leeren Kassabuch , tausend Briefbogen mit dem Titel der Zeitschrift und der Verlagsfirma und einem Bündel unbezahlter Rechnungen für Plakate , Reklamen u.s.w. bestand . München war offenbar für ein solches Unternehmen noch nicht reif ... Ein Glück , daß sein Pseudonym gewahrt geblieben ! Mit einem solchen Schwindler gehen ? Lieber den Rest Leben freiwillig auf einmal hinwerfen , als seine bessere Fristung mit dem Opfer persönlicher Würde und unbescholtener Unabhängigkeit zu erkaufen - oder sich als ein Überflüssiger im Wettbewerb der Kräfte zu fühlen ! Das wäre freilich wieder eine jener Gewaltsamkeiten , die wie ein häßlich aufgellender Mißton die Harmonie der Entwickelung zerreißt ..... Und doch , und doch .... Wo sind die alten Menschheitsideale ? Wo ist die alte reine Lebens- und Wirkensfreude ? Was soll der Machtlose in einer Welt , wo alles nur Hast und Drang nach Macht und Genuß ? .... Wohl : der ideallose amerikanische Mensch als das Produkt virtuoser Anpassung an die entgegengesetztesten und geistig ödesten Lebens- und Arbeitsverhältnisse wird auch im alten Europa der Mensch der Zukunft sein ; heute kann man schon in gewissem Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen . Verjudung heißt eigentlich Amerikanisierung .... Drillinger ließ die Gedankenreihe fallen . Eine zufällige Bewegung führte ihm den Duft des parfümirten Briefes in der Brusttasche zur Nase .