ihn untersteckt ; für die Hauswirte selbst würden diese hohen Regionen im Sommer zu heiß , im Winter zu frisch und keinenfalls behaglich gefunden werden ; für einen auswärtigen Besuch dahingegen sind sie hinlänglich temperiert und von genügendem Behagen . « Frau Hanna erzählte dann recht kurzweilig ihre gastfreundlichen Erlebnisse bei dem städtischen deutschen Biedermann und bei dem ländlichen ungefähr desgleichen . Will sagen , wenn der ländliche kein Bauer ist , denn richtige Bauern besuchen sich nicht . Bewirten und bewirtet werden ist ein Spaß für Leute , die nichts zu tun haben : für Pastoren und Adel . Zwei oder drei Tage jedoch , hierzulande in der Zeit , wo das Kirchenjahr auf die Neige geht , da ist unser Bauer in der Tat ein ideal germanischer gastfreier Mann , da kracht seine Tafel von Speisen und Tränken , die er sich zwölf Monate lang am Munde abgezwackt hat , da wird auch der Ungeladene nicht ungesättigt entlassen , die Brosamen fallen in des Armen Schoß , und die auswärtige Freundschaft nächtigt in den dicksten Federbetten . Prosit die splendide Kirmeszeit ! Und in dieser splendiden Weise war die heilige Kirchweih auch von Johann Mehlborn gefeiert worden , solange er sich nur noch als reicher Bauer fühlte ; seitdem er sich aber als titulierter Erb- , Lehn- und Gerichtsherr fühlte , wurde noch zehnmal mehr gebrodelt , gebackt und gezapft , nur , versteht sich , für eine erlesenere Gesellschaftsschicht als die bäuerliche Bekanntschaft und Freundschaft der Pflege . Es kamen benachbarte Kantoren und Pastoren , Amtsleute und Gutsbesitzer , unter letzteren bis jetzt freilich nur noch die ohne kleines » von « ; es kam der städtische Anhang , der für den Hof arbeitete , vom Schornsteinfegermeister bis zum Schuhmachermeister hinab ; die willkommensten Gäste aber waren jene anderweitigen Kunden , die als Müller , Fleischermeister , Bäckermeister und so weiter die Produkte des Hofes bezogen . Wäre der gnädige Herr Propst zur novemberlichen Kirmeszeit in den Hof geschneit , er hätte vor der christlichen Herbergslust seiner neuen Sippe Respekt bekommen müssen . Nun aber fuhr er in das Haus wie ein Blitz zu hoher Sommerszeit ; in der Natur der reichsten , in der Wirtschaft der kahlsten und für die Gastfreundschaft der ungelegensten des ganzen Jahres . Kleeernte , Heuernte , Rapsernte noch nicht vollständig eingebracht und die Kornernte vor der Tür ! Für einen städtischen Kurierdienst kein Pferd im Stall , kein Knecht , keine Magd auf dem Hof , kein Kuchen gebacken , kein Braten im Vorrat , die Gardinen ungewaschen , nicht einmal die gute Stube frisch gescheuert ! Und diese unwirtliche Blöße , dieser sozusagen Naturzustand stieg mit grausamer Helligkeit jach vor Johann Mehlborns Seele auf , als er , in Hemdsärmeln und Leinenhosen zum höchsteigenhändigen Abbansen auf einem Heuwagen stehend , zum ersten Male im Leben eine Equipage mit silbernen Wappenschildern an den Schlägen in den Hof fahren , einen Livreediener mit silbernen Wappenknöpfen vom Bocke springen sah und von unten herauf ihm , Johann Mehlborn , den bevorstehenden Besuch des Herrn Propstes von Hartenstein ankündigen hörte . Der feine Bediente hatte ihm demnach , trotz Hemdärmeln und Leinenhosen , die freiherrliche Verwandtschaft an der Nase angesehen ; er konnte , weiß Gott ! sich doch nicht selbst verleugnen , wie der Portier im exzellenzlichen Hause bei ungelegenen Besuchen seine Herrschaft verleugnete . Er hätte aus der Haut fahren oder in ein Mäuseloch kriechen mögen . Wenn aber gastlicher Sinn eine zweifelhafte Volkstugend ist , eine ritterliche Tugend ist sie sonder Zweifel . Ein einziger schwacher Moment , und Ritter Mehlborn ist tapfer gefaßt und gewillt , dieser Tugend Raum zu geben . Vom Wagen herunter , ins Haus hinein ! » Röse , Röse , den Schlüssel zur guten Stube ! Einen Besen , Sägespäne , Röse ! Weißen Sand , ein Wischtuch , eine Bürste , Röse ! « Selbst ist der Mann ! gefegt , gewischt , gebürstet mit eigener ritterlicher Hand ; der geschicktesten Jungemagd zum Muster . Der Sofabezug von klatschrosenrotem Moiré leuchtet , als hätte noch niemals ein Kirmesgast darauf Platz genommen ; das Holzwerkvon strohgelber Birkenmaser blitzt und blinkt wie pures Gold . Aber das Blankwichsen der geschnitzten , schwarzen Delphine , welche den Fuß des Sofatisches zieren , das kostet noch Schweiß ! Ist die gute Stube des Amtmannshauses Stolz , so sind die geschnitzten Delphine der Stolz der guten Stube . Die Tische der Nachbarschaft samt und sonders haben noch vier dünne glatte Beine ; Amtmann Mehlborns Sofatisch hat einen dicken Fuß mit drei geschnitzten » Philadelphias « ! » Aber , Mutter , so rühre dich doch , du stehst ja wie im Traume ! « Die unschuldige Mutter Röse , sie im Traume ! Als ob in solcher Hatz einem Menschen der Frieden käme , wo er seinen Liebling zwischen den Abendwolken lächeln sieht ! Hatte sie denn nicht erst dem abtrabenden Postillion ein Kümmelchen reichen müssen und dem feinen Bedienten ein Schmalzbrot dazu schmieren ? Und pustete sie denn jetzt nicht nach Lungenkräften die Fliegenleichen aus den goldenen Tassen auf der guten Kommode ? die armen , hochmütig verirrten Fliegen , die in der guten Stube einem grausamen Hungertode erlegen waren , da sie in der bescheidenen Wohnstube drüben sich behaglich bis in den Winter hinein hätten mästen können ! » Aber , Mutter , ist denn heute Zeit für die Fliegen ? Wer guckt denn auch gleich in die Oberköpfchen ! « Mutter Rosine stellte das Pusten ein und machte sich an das Putzen der Fensterscheiben , denen durch die abgelebten Insekten erbärmlich mitgespielt worden war . So , nur noch ein paar Hände voll Sand auf die gefegten Dielen gestreut , und die gute Stube ist in Stand . Bleiben der Herr Vetter über Nacht , wird ein Bett darin aufgeschlagen . An Federbetten ist kein Mangel und an Überzügen auch nicht ; sogar ein paar weiße sind für erhofften vornehmen Besuch angeschafft worden , und bis