Persönlichkeit überzeugt , daß die Stiefmutter keine Schuld daran trägt . Am Abend brachte der Postbote einige Briefe für Herrn Heißenstein , die Nannette übernahm . Darunter befand sich einer von Rosa . Diesen behielt sie zurück - aus Vorsicht . Er konnte auf den Gemütszustand ihres Mannes schädlich wirken . Sie fühlte die Verpflichtung , sich mit seinem Inhalt bekannt zu machen . Der Brief war mit dem Herzblut des Kindes geschrieben und manche Träne war auf ihn gefallen . Nannette ist so ergriffen und erschüttert , findet das leidenschaftliche Einstürmen auf den beleidigten Vater so unpassend , daß sie nicht daran denkt , den Brief abzugeben , ja - ihn verbrennt . 8 Der Groll Heißensteins gegen seine Tochter wurde durch die Zeit nicht vermindert , eher sogar erhöht . Er hatte Rosa nicht aufgegeben und aus seinem Herzen gestrichen , nein , sie beschäftigte ihn immer , er führte in Gedanken fortwährend Krieg mit ihr . Mit der vom Verstande nicht mehr streng gezügelten Phantasie des Greises malte er sich ihr Vergehen in den dunkelsten Farben aus und verwünschte sie der Schmerzen wegen , die sie nicht aufhörte ihm zu bereiten . An der Ansicht , die er sich einmal von der Sache gebildet hatte , hielt er hartnäckig fest . - Rosa trug Schuld an dem Untergange des Hauses , sie hatte Schande auf seinen Namen und auf sein graues Haupt gehäuft , er durfte ihr niemals vergeben - auch wenn er so schwach wäre , es tun zu wollen . » Ihre Schuld kann niemals gutgemacht und demnach auch nie vergeben werden « , war der Sinn der Antwort , die er Mansuet zurief , sooft dieser ein gutes Wort für seinen Liebling einlegte . Damit war in den Augen des alten Herrn jede weitere Verhandlung abgeschnitten . Gegen dieses Argument , dessen schlagende Wirkung ihn , sooft er es aussprach , mit der Gewalt einer eben erst entdeckten Wahrheit ergriff , gab es keine Einwendung . Mansuet beobachtete mit tiefem Bedauern die sichtliche Veränderung , die mit seinem Herrn vorging , und sagte zu Schimmelreiter , dem zweiten Kommis : » Der Prinzipal ist wie ein Herbsttag , nimmt ab an beiden Enden . « Schimmelreiter besaß ein schwaches Begriffsvermögen , aber ein starkes Streben , die hohen und witzigen Gedanken des gescheiten Weberlein nachzudenken . » An beiden Enden ? « wiederholte er ; » das heißt , von unten und von oben ? « Mansuet sprach etwas wegwerfend : » Das heißt : physisch und moralisch . « » Sehen Sie , sehen Sie « , rief Schimmelreiter , » so hab ich ' s aufgefaßt ! « Fast noch weher als Heißensteins ohnmächtiger Trübsinn tat Mansuet Frau Nannettens kaum noch verhehlter Triumph . Sie sah jetzt mit Ruhe der Zukunft entgegen ; die Gefahr , daß ihre Stieftochter jemals wieder in ihre Kindesrechte eingesetzt werden könnte , schien so gut wie überwunden . Rosas Flucht wurde für Nannette ein Abschnitt in der Zeitrechnung , nicht mehr noch weniger . Sie sagte : » Das war vor oder nach unserm Familienunglück « , wie die Mohammedaner sagen » vor oder nach der Hedschra « . Etwa anderthalb Jahre , nachdem Rosa und Bozena das alte Haus verlassen hatten , in der Lichtmeßwoche , erhielt Mansuet einen Brief von seiner Freundin aus einem Dorfe in der Nähe von Arad . Sie schrieb , daß Rosa ein zartes Mädchen zur Welt gebracht , das in der Taufe die Namen Leopoldine Rosa erhalten , das sein Vater jedoch nie anders als Röschen nenne . Der Herr Oberleutnant sei herzensgut , die junge Frau liebe ihn auch , wie sich ' s gehört und wie er ' s verdient . » Aber « , hieß es in Bozenas Schreiben , » sie hat sich gar verändert , und wenn der Herr Heißenstein nicht doch zuletzt ein Einsehen hat und ihr verzeiht , so drückt es ihr das Herz ab , und es nimmt wahrhaftig und Gott kein gutes End mit ihr . « Dieser Brief enthielt einen Einschluß von Rosas Hand , und in dem lag ein Zettelchen . Die junge Frau bat den lieben , getreuen Herrn Weberlein - den auch ihr Mann unbekannterweise herzlich grüßen ließ - auf das innigste , dasselbe in einer guten Stunde ihrem Vater zu übergeben . Mansuet wartete einen Tag , zwei Tage . Das dünne Blättchen brannte wie Feuer auf seiner Brust . Er verbiß den Schmerz und benahm sich gegen seinen Prinzipal wie ein Liebhaber , der eine zürnende Schöne um jeden Preis in eine bessere Laune zu versetzen wünscht . Er hätte sich auf seine Knie vor ihm niederwerfen mögen - seine Stimme bebte , wenn er das Wort an seinen mürrischen Chef richtete , ein Wink von diesem verlieh dem kleinen Kommis Flügel . Von seinen Gefühlen überwältigt , erfaßte er plötzlich Heißensteins Hand , küßte sie und preßte sie dann mit einer Gebärde voll unwillkürlicher Komik an seine Brust . Heißenstein konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und fragte : » Was haben Sie denn ? « » Einen Brief ! « platzte Mansuet heraus , » einen Brief von unserer Rosa ! « wiederholte er , fast weinend - und hielt seinem Herrn das Zettelchen hin . Heißenstein war bleich geworden bis an die Lippen , vergeblich rang er nach Worten ; röchelnd , als läge eine Faust an seiner Gurgel und würge ihn , trat er auf Mansuet zu , riß das Papier aus seinen zitternden Fingern und warf es vor seinen Augen in das Feuer . Minuten vergingen , bis der völlig außer Fassung geratene Mann zu sprechen vermochte , und dann brachte er mit wuterstickter Stimme die Drohung hervor : » Wagen Sie ' s noch einmal , sich zum Boten jener - Frau zu machen , und mit Schimpf und Schande jag ich Sie aus dem Hause ! « Mansuet sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an , und