die Unterschrift » Deine Christine « . Wer war Christine ? Dieses Wunder , der glänzendste Stern unserer Zeit ? ... Die Stelle » Auf den Knieen liege ich vor Dir ! « machte auf mein einfaches , unverbildetes Gemüt einen ungeheuer dramatischen Eindruck . Ich sah sofort das schlankste Ritterfräulein aus einem meiner Bilderbücher in die Kniee sinken und die weißen Hände flehend erheben ... Und die Stimme hatte sie verloren , ihre kostbare Stimme ! ... Meine Hände fuhren unwillkürlich nach dem Halse - wie mußte das entsetzlich sein , wenn man mit voller Brust aushob , um die Töne hinausklingen zu lassen , und die Kehle versagte und blieb stumm ! Weder Fräulein Streit , noch Ilse hatten je auch nur mit einer Silbe jener » Verlorenen « gedacht , und doch mußte sie meiner Großmutter sehr nahe gestanden haben , denn sie war ihr letzter Gedanke gewesen . Jetzt erst erschütterte mich das feierliche » Christine , ich verzeihe ! « in tiefinnerster Seele ; unwillkürlich mußte ich an den verlorenen Sohn denken , der im tiefsten , stillsten Herzenswinkel des Vaters doch das geliebte Kind geblieben war . Ich steckte die Briefreste in meine Tasche und ging hinein auf den Fleet . Eben rollte die Chaise aus dem Gartenthor und bog , bedenklich schwankend , in den nach links führenden schauderhaften Heideweg ein , und von der entgegengesetzten Seite her kam Heinz auf den Dierkhof zugetrabt . In diesem Augenblick erst fiel es mir auf , daß er ja stundenlang verschwunden gewesen war . Ich trat neben Ilse , die den Doktor bis an das Hausthor begleitet hatte und auf der Schwelle stehen geblieben war ... Es wollte mir scheinen , als käme Freund Heinz sehr unsicher daher ; er machte sich erst noch in völlig unnützer Weise mit dem Gatter zu schaffen , ehe er es unternahm , auf uns zuzuschreiten - das wurde ihm offenbar blutsauer . Beim Anblick unserer verweinten Gesichter blieb er verwirrt stehen . » Nu , was hat er denn gemeint ? « fragte er verlegen stockend , indem er mit dem Daumen über die Schulter zurück nach dem wegfahrenden Doktor zeigte . » Mein Gott , Heinz , du weißt es nicht ? « rief ich , aber Ilse unterbrach mich mit barscher Stimme . » Wo warst du ? « fragte sie kurz und bündig den Bruder . » Bei mir zu Hause , « antwortete er trotzig . Heinz trotzig ! Ich traute meinen Augen und Ohren nicht ; aber da stand er trotz allem dem , der ewig Nachgebende , und schöpfte offenbar Mut aus seinem eigenen widersetzlichen Ton , denn nun verstieg er sich auch noch zu der unglaublichen Kühnheit , Ilses feindlich scharfen Blick zu parieren . » So - was war denn nachts um Eins so nötig bei dir zu Hause ? Hast wohl deinen Vogel füttern müssen ! « sagte sie schneidend . Er sah ängstlich und unsicher auf . » O je - nachts um Eins den Vogel füttern - wie werd ' ich denn so dumm sein ! Zwischen meine vier Wände hab ' ich mich gesetzt , « platzte er heraus , » die hat mein Vater mit seinen ehrlichen Händen gebaut , und ein frommer Spruch steht über der Thür ... Wie werd ' ich denn auf dem Dierkhof bleiben , wenn eine Judenseele geradeswegs in die Hölle fährt ! ... Ilse , wenn das mein Vater wüßte , daß du bei einer Judenfrau gedient hast ! « » Heinz , wenn das mein Vater wüßte , daß du bei einem Christen gedient hast , wo du halb verhungert und erfroren bist , und der dir alle Tage mit Ohrfeigen und Stockprügeln gedroht hat ! « parodierte sie ihn zornig . » Das ist mir ja eine ganz neue Weisheit , die du da auskramst , und die hast du von da drüben ! « Sie zeigte nach der Richtung eines großen Dorfes hinter dem Walde , wo Heinz in früheren Jahren als Knecht gedient hatte . » Ja , hast recht , von dort her hab ' ich ' s ! « versetzte er trotzig wie vorher und nickte verstockt mit steifem Nacken . » Die Juden sind verflucht bis in alle Ewigkeit , weil sie den Heiland gekreuzigt haben . Mein Herr hat ' s gesagt , und das war ein Reicher und ein Hofbesitzer , und der Pfarrer hat ' s von der Kanzel gepredigt , und der muß es noch besser wissen - dafür war er der Pfarrer ! « Ilse sah dem Sprecher scharf ins Auge . » Jetzt paß auf ! « setzte sie kurz und resolut hinzu und trat ihm mit aufgehobenem Zeigefinger so nahe , daß er ängstlich zurückwich . » Es ist ein für allemal nicht wahr , daß der Heiland von unserem Herrgott bis in alle Ewigkeit gerächt sein will ! Wenn er das zuließe , nachher wär ' s aber auch aus und vorbei mit meinem Glauben , denn er hat uns geboten Segnet , die euch fluchen , und thät ' s selber nicht ! ... Wenn ich Christi Leidensgeschichte lese , da hab ' ich freilich allemal einen Heidenzorn auf die Juden , die dazumal gelebt haben ... Wie werd ' ich denn so ein Unmensch sein und meinen Zorn an Leuten auslassen , die bis auf den heutigen Tag als unschuldige Kinder auf die Welt kommen und von ihren Eltern in der alten Lehre aufgezogen werden ! ... He , Musje Heinz , wie gefiele dir denn das , wenn irgend ein Mensch mir etwas zuleide thäte und ich wollte seine Kinder dafür schlagen ? « » Das ist lauter Studiertes ! « sagte Heinz kleinlaut , » das hast du alles von der alten Frau gelernt - « » Das hab ' ich nicht gelernt , wie die Bibelsprüche in der Schule ; das hat mir mein Gewissen und , « sie