, da , wo wir diesseit aufgehört , so getröste ich mich der Hoffnung , dem Vaterreiche um eine Wegstunde näher gerückt zu sein . Zweites Kapitel Mosjö Per-sé Unser Verhältnis änderte sich natürlich , seitdem wir nicht mehr Kinder hießen . Dorothee trat in das väterliche Schenkgeschäft , ich wurde als erwachsene Dame bei den Honoratioren von Stadt und Umgegend eingeführt , empfing deren Gegenvisite , besuchte dann und wann eine Kaffeegesellschaft und regelmäßig die Donnerstagsfeste im herzoglichen Pavillon . Einen zusagenden Umgang unter gleichalterigen Standesgenossinnen fand ich nicht , vermißte ihn aber auch nicht . Dorothee betrat des Reckenburgsche Familienzimmer nur noch , wenn sie sich eine Bitte oder einen Vorwand ausgeklügelt hatte ; die Duzkameradschaft hörte auf , - will sagen für die Dorl . Ich blieb bei dem Du und der Dorothee ; sie nannte mich Sie und Fräulein , wie alle anderen ihresgleichen , nur daß ihr das » gnädige « gnädig erlassen ward . Sie herzte und streichelte mich auch nicht mehr wie sonst , sondern machte ihren Knicks , und lief das Herzchen ihr über , dann küßte sie meine Hand . Völlig störten die neuen Formen den alten Umgang indessen nicht , und ganz und gar nicht das Verhältnis der Rose zu ihrem Blatt . Es verging kein Tag , daß die Kleine nicht einmal durch die Heckenlücke geschlüpft oder in meinem Dachstübchen eingekehrt wäre . Ich blieb ihre Vertraute bei jeglicher Freude , ihre Raterin in jeglicher Not ; ja ich sah die letztere schärfer und fühlte sie bänglicher als die Kleine selbst . Ihr Vater hatte das nährende Handwerk an den Nagel gehängt und war auf dem herkömmlichen Schenkenwege hart beim Trunkenbold angelangt . Es stand übel um den Mann ; die Pachtung der herzoglichen Keller wurde ihm nach abgelaufenem Termine voraussichtlich entzogen ; seine Zukunft war der Spittel . Diese Verirrungen waren es indessen nicht , welche die sorglose Dorl überschaut oder gewürdigt haben sollte . Ihr täglicher Verdruß war das Schenkentreiben , für welches der Vater ihre Aushilfe forderte . Die schöne Kellnerin lachte die Gäste an , und die Gäste wurden nicht gewählt . Da gab es denn Scherz- und Nachreden , die dem natürlich feinen Sinn des Kindes und dem Tone , an den es sich in Reckenburgs Familienzimmer gewöhnt hatte , unleidlich widerstanden . Mein Vater sah seinen Liebling in drohender Gefahr . » Das Kind ist zu schön für eine Schenkjungfer , « hörte ich ihn eines Tages in der vertraulichen Rats-und Schlafkammer der Mutter klagen . » Viel zu schön und zu apart für ihren Stand . Sie weiß nicht mehr , wo aus noch ein . Adelheid , Adelheid , die kleine Dorl geht uns zugrunde . « » Du rechnest ohne den Faber , Eberhard , « entgegnete die Mutter mit bewußter Unfehlbarkeit . » Allerdings müßten wir uns anklagen , das Mädchen seinem natürlichen Terrain entrückt zu haben , hätten wir nicht seit Jahren diesen Abschluß vorausgesetzt . Der Mensch strebt hoch und das Gelingen steht ihm an der Stirn geschrieben ; er goutiert Dorothees feinere Lebensart , kennt ihre mißliche Lage so gut wie wir selbst und wird , verlaß dich darauf , Eberhard , nun , da der Tod seines Vaters ihn unabhängig gemacht , mit der Hochzeit nicht lange zögern . « » Gott gebs , Gott gebs ! « versetzte der Vater , indem er sich freudig die Hände rieb . Mir aber stockte während dieser Rede der Atem , und jetzt beim Schlusse war mir , als ob ich gegen das hoffnungsvolle » Gott gebs « laut protestieren müsse . Warum eigentlich ? Ich wußte , daß wir mit dem Einsegnungstage heiratsfähig geworden waren , und die fünfzehnjährige Dorothee wäre nicht das erste Kind gewesen , das ich warm vom ersten Abendmahlstische zum Traualtare hätte schreiten und glücklich werden sehen . Warum summte es denn vor meinen Ohren gleich Unkenruf : » Gott verhüts ! « Wie sie so einer nach dem anderen in die Reihe meiner Bekenntnisse treten , die wenigen Menschen , mit welchen ich im Leben wirklich gelebt ! Der Faber , der Siegmund Faber ! Wenn später so oft der Name dieses Mannes mit Dank und Bewunderung vor mir genannt worden ist , neulich noch , meine Freunde , als Ihr mich fragtet , ob ich mich seiner als eines Heimatsgenossen erinnere ? Da ahntet Ihr nicht , keiner hat es jemals geahnt , daß dieser Mann mein frühester Bekannter , mein Wandnachbar , der erste Mensch und fast der einzige gewesen ist , der mir zu denken gegeben hat , und daß zwischen diesem Mann und mich sich ein Verhängnis gedrängt hatte , ein Geheimnis , das ich lange Jahre ein Verbrechen nannte . Siegmund Faber war das einzige Kind unseres Hauswirts , des Barbiers , und mütterlicherseits von seiner ersten Stunde ab verwaist . Da er ungefähr sechs Jahre mehr zählte als ich , hätte er zur Zeit meiner frühesten Erinnerungen noch auf der Schulbank sitzen müssen . Aber Siegmund Faber hatte längst etwas Klügeres erwählt , als auf der Schulbank hin und her zu rutschen . Sobald er sich rasch und sicher die Elemente angeeignet , hütete er sich , den Kursus alljährlich mit einer Schar von Neulingen von vorn anzufangen , und der einsichtige alte Rektor war weit entfernt , ihn darob zu schelten . » Der Faber geht seinen eigenen Weg , « sagte er , » der Faber ist ein Mensch für sich . « Vater Faber aber , der die Kunst des Schersacks für die angenehmste der Welt und es für zuverlässiger hielt , seine Sparpfennige in Feld- und Wiesenparzellen statt in Humaniora für seinen Sprößling anzulegen , Vater Faber hatte sich die Argumente des weisen Schulregenten zunutze gemacht . Wurde er , wie oftmals geschah , angegangen , den auffälligen Knaben einer höheren Lehranstalt zu übergeben , so lautete seine Antwort unveränderlich : » Mein Munde geht seinen eigenen Weg , mein Munde