wenn auch Drachenköpfe , weinten sie doch jahraus jahrein mit dem Himmel und gossen seine Thränenströme auf das Pflaster ; nachher kam wieder die Sonne und durchglühte sie , solcher Wechsel verändert die Physiognomie . Die Frau da drunten aber stand auf dem Boden der starren Ueberzeugung , auf dem hohen Piedestal der eigenen Unfehlbarkeit - in dieser wandellosen , eisigkalten Region gibt es keinen Zweifel , keine Kämpfe , kein inneres Ringen , daher die äußere Versteinerung , die man eine gute Konservation zu nennen pflegt . Eine auffallende Veränderung zeigte das alte Haus aber doch : die Rouleaux in der großen Erkerstube des ersten Stockes waren seit einigen Wochen stets aufgerollt und Blumentöpfe standen auf den Fenstersimsen . Der Blick der Vorübergehenden suchte pflichtschuldigst nach wie vor zuerst das Fenster mit dem Asklepiasstocke , und Frau Hellwig konnte der ehrerbietigen Grüße stets sicher sein , aber dann huschten die Augen verstohlen hinauf nach dem Erker . Dort , inmitten der steinernen Fenstereinfassung , erschien häufig ein reizendes Frauengesicht von förmlich blendender Frische , ein Kopf voll aschblonder Locken , mit blauen Taubenaugen , die fast kinderhaft groß und rund in die Welt schauten , und dieser Kopf saß auf einem blühenden Leibe vom schönsten Ebenmaße , den meist ein weißes Mullkleid umhüllte . Manchmal , freilich nicht oft , erhielt das liebliche Bild im Fensterrahmen aber auch eine entstellende Zugabe - eine Kindergestalt war dann auf einen Stuhl geklettert und sah neugierig über die Schultern der Dame hinunter auf den Marktplatz ; es war ein armes , durch die Skrofelkrankheit furchtbar entstelltes Köpfchen ; die Hand , welche das spärliche , weißblonde Haar so sorgfältig in zierliche Ringel kräuselte , machte sich vergebliche Mühe - unter dem künstlichen Lockenbau trat die Häßlichkeit des fahlen , aufgedunsenen Gesichtchens nur um so grotesker hervor , und der stets höchst elegante Anzug war auch selten geeignet , die unförmliche Taille und die aufgetriebenen Gelenke des Kindes zu verbergen . Allein bei allem Kontraste in der äußeren Erscheinung waren beide doch Mutter und Kind , und um des letzteren willen waren sie nach Thüringen gekommen . Innerhalb der letztverflossenen neun Jahre nämlich hatte ein Ingenieur seine Wünschelrute ziemlich nahe dem Weichbilde der Stadt X. spielen lassen ; der moderne Mosesstab hatte dem Boden einen bitteren Quell entlockt , der an der Luft , wenn auch nicht zu Gold und Silber , so doch zu sehr schätzenswerten Salzkrystallen erhärtete . Das war ein Fingerzeig für die Bewohner von X. Sie etablierten ein Soolbad , das im Vereine mit dem ausgezeichneten Renommee der Thüringer Luft sehr bald Hilfesuchende aus aller Herren Länder herbeizog . Die junge Dame war auch in die Stadt gekommen , um ihr Kind in der Salzflut zu baden , und zwar auf Anraten des Professors Johannes Hellwig in Bonn ... Ja , die Frau da drunten hinter dem Asklepiasstocke hatte viel für ihren Sohn gethan ! Sie hatte es durchgesetzt , daß er frühzeitig unter das Regiment des strenggläubigen Verwandten am Rhein gekommen war ; sie hatte es nie geduldet , daß er während seines siebenjährigen Fernseins auch nur ein einziges Mal auf Ferien nach Hause kommen durfte ; sie hatte jeden Morgen pünktlich und regelrecht seinen Namen auf dem Betstuhle genannt und war nie müde geworden , die Zahl und Beschaffenheit seiner Hemden von der Ferne aus streng zu kontrollieren - und da war er nun auch ein berühmter Mann geworden . Es würde übrigens dem jungen Professor bei all seiner Berühmtheit und Wohlerzogenheit schwerlich gelungen sein , einen seiner Patienten in der geschonten Erkerstube seiner Mutter unterzubringen , wären nicht seine beiden Schützlinge Tochter und Enkelin jenes strenggläubigen Verwandten am Rhein gewesen , auf welchen Frau Hellwig große Stücke hielt . Nebenbei hatte auch die schöne junge Frau den Vorzug eines hübschen Titels - sie war die Witwe eines Regierungsrates in Bonn . Es konnte der Welt gegenüber ganz und gar nichts schaden , wenigstens eine kleine Regierungsrätin in der Familie zu haben , da Herr Hellwig sich stets starrköpfig geweigert hatte , seine Gattin zu einer Frau Kommissionsrätin oder dergleichen zu machen . Frau Hellwig saß am Fenster auf der Estrade . Man hätte meinen können , die Zeit sei auch spurlos an dem feinen , schwarzen Wollkleide , an Kragen und Manschetten vorübergegangen ; bis auf die kleine Nadel , die den Kragen unter dem Kinne zusammenhielt , war der Anzug genau derselbe , wie wir ihn am ersten Abend an der großen Frau kennen gelernt haben . Nur erschien die Büste voller ; die engen Aermel umschloßen drall die starken Oberarme , und der Schneider hatte , vielleicht heimlicherweise , den Rock faltenreicher um die plumpe , sehr ungraziöse Taille gereiht ... Ihre großen weißen Hände lagen mit dem Strickzeuge feiernd im Schoße - sie hatte in diesem Augenblicke Wichtigeres zu thun . An der Thür , in sehr ehrerbietiger Entfernung stand ein Mann ; seine schmale Gestalt steckte in einem abgeschabten Rocke , und die Hand , die er öfter beim Sprechen hob , war voller Schwielen . Er sprach leise und stockend - war es doch so unheimlich still im Zimmer ; nur das Ticken der Wanduhr begleitete seinen Vortrag . Aus dem Munde der gestrengen Frau kam kein ermutigendes Wort , ja , es schien , als fehle dieser regungslosen Gestalt sogar der Atemzug , als könne der starre , unbewegliche Blick stets und immer nur das eine Ziel haben - das ängstliche , blasse Gesicht des Mannes , der endlich erschöpft schwieg und sich mit seinem kattunenen Taschentuche den Schweiß von der Stirn wischte . » Sie sind an die Unrechte gekommen , Meister Thienemann , « sagte Frau Hellwig nach einer abermaligen Pause kalt . » Ich zersplittere mein Geld nicht in so kleine Kapitalien . « » Ach , Madame Hellwig , so ist ' s ja auch gar nicht gemeint ; ich werde doch nicht so unbescheiden sein ! « entgegnete der Mann lebhaft und trat einen Schritt