. Auf der langsamen Wanderung durch verschiedene Korridors sagte sie , es werde vorzüglich für ihren Bruder , der jetzt so fern von ihr lebe , eine große Freude sein , wenn sie die Musik wieder aufnehme . Er habe früher stundenlang in einer dunklen Ecke sitzen und ihr zuhören können , bis eine erhöhte Nervenreizbarkeit sie gezwungen habe , auf eine lange Zeit der geliebten Musik zu entsagen . Jetzt fühle sie sich wieder viel kräftiger , und auch der Arzt habe seine Zustimmung gegeben - nun wolle sie fleißig üben , um den Bruder zu überraschen , wenn er dereinst zurückkehre . Elisabeth eilte wie geflügelt durch den einsamen Park und den Weg hinauf . Droben auf der Waldblöße vor dem offenen Mauerpförtchen gingen die Eltern auf und ab , und der kleine Ernst sprang ihr schon von weitem entgegen . Wie heimisch und traut erschien ihr alles hier oben . Die Ihrigen begrüßten sie , als sei sie schmerzlich vermißt worden ; droben am Fenster schmetterte und jubelte Hänschen , daß es eine wahre Lust war , und hinter den zwei sich gegenüberliegenden offenen Thüren der großen , dämmerstillen Halle glänzte der grüne Garten doppelt sonnig und zeigte im Hintergrunde die Lindengruppe über dem kühlen Brunnen , in dessen Nähe ein weißgedeckter Tisch mit dem Abendbrote stand . Das ganze italienische Schloß mit all seiner Pracht , seiner vornehmen Atmosphäre und seiner fast beängstigenden Stille , die nur durch den Lärm eines ungebärdigen , verzogenen Kindes unterbrochen worden war , versank hinter ihr wie ein Traum , den man gern abschüttelt ; und als sie die Reihenfolge ihrer Eindrücke den Eltern mitgeteilt hatte , da schloß sie mit den Worten : » Deiner Lehre nach , Väterchen , dürfte ich mir heute noch kein festes Urteil über die neue Bekanntschaft bilden ; denn du verwirfst den ersten Eindruck als etwas Trügliches , das uns leicht ungerecht macht . Aber was kann ich für meine widerspenstige Phantasie ? So oft ich an die beiden Damen denke , sehe ich eine junge , einsame Hängebirke , die einer vom Sturme getragenen Wetterwolke ihre elastischen Zweige willenlos preisgibt . « 7 Von nun an ging Elisabeth zweimal wöchentlich hinunter nach Lindhof . Die Baronin Lessen hatte am Tage nach ihrer Aufwartung mittels eines höflichen Billets die Stunden angeordnet und zugleich ein sehr anständiges Honorar für Elisabeths Bemühung festgestellt . Diese Stunden wurden für das junge Mädchen sehr bald eine Quelle hoher Genüsse . Helene von Walde hatte zwar durch jahrelangen Mangel an Uebung in Hinsicht auf technische Fertigkeit sehr verloren und konnte sich mit Elisabeth nicht messen ; aber sie spielte mit tiefer Empfindung , hatte einen durchaus geläuterten Geschmack und besaß nicht im entferntesten jene häßliche Angewohnheit der meisten Dilettanten , nämlich , das gering zu schätzen , was über ihren Horizont geht . Die Baronin Lessen war nie zugegen , wenn musiziert wurde , und deshalb gewannen auch die Erholungspausen nach und nach einen eigentümlichen Reiz für Elisabeth . Ein Bedienter brachte dann gewöhnlich einige kleine Erfrischungen ; Helene lehnte sich in ihren Fauteuil zurück , und Elisabeth setzte sich auf einen Fußschemel zu ihren Füßen , entzückt der flötenartigen , melancholischen Stimme lauschend , mit der das arme , mißgestalte Wesen aus seiner Vergangenheit erzählte . Dann trat jedesmal das Bild des fernen Bruders in den Vordergrund . Sie konnte nicht genug rühmen , wie er für sie sorge und denke , wie er , obgleich bedeutend älter und sehr ernst , sich bemühe , auf ihre kleinen Liebhabereien und Eigenheiten einzugehen . Sie erzählte ferner , daß er die Besitzung Lindhof einzig aus dem Grunde gekauft , weil die Schwester bei einem längeren Besuche am Hofe zu L. gefunden habe , die Thüringer Luft wirke ganz besonders wohlthätig auf ihren leidenden Zustand . Aus allem ging hervor , daß er Helene zärtlich lieben müsse . Eines Nachmittags , als ungewöhnlich lange musiziert worden war , trat ein Bedienter ein und meldete Besuch . » Bleiben Sie heute abend bei mir zum Thee , « sagte Fräulein von Walde zu Elisabeth . » Mein Arzt aus L. ist gekommen , und es haben sich auch einige Damen aus der Nachbarschaft melden lassen . Ich werde jemand hinaufschicken zu Ihrer Mama , damit sie sich über Ihr Ausbleiben nicht ängstigt . Mein Zwiegespräch mit dem Doktor wird nicht lange dauern , bald bin ich wieder bei Ihnen . « Damit ging sie hinaus . Es waren kaum zehn Minuten vergangen , als die Thür sich wieder öffnete und Fräulein von Walde am Arme eines Herrn eintrat , den sie Elisabeth als Herrn Doktor Fels aus L. vorstellte . Er war ein stattlicher Mann mit einem geistvollen Gesichte , der sich bei Nennung ihres Namens sogleich lebhaft an Elisabeth wandte und ihr in ergötzlicher Weise erzählte , wie er sowohl , als die ganze ehrsame Bewohnerschaft von L. des Erstaunens und Entsetzens kein Ende gewußt hätten , als es laut geworden sei , daß das alte Gnadeck wieder Bewohner und zwar aus Fleisch und Bein beherberge . Plötzlich rauschte es im Nebenzimmer , und gleich darauf erschienen zwei weibliche Gestalten , eine alte und eine jüngere , von etwas absonderlichem Aeußeren , in der Thür . Die große Aehnlichkeit in den Gesichtszügen ließ sogleich erkennen , daß die Eingetretenen Mutter und Tochter seien . Beide trugen dunkle Kleider , die gegen die herrschende Mode lang und schlaff auf den Boden fielen , große Mantillen von schwarzem Wollstoffe und braune , runde Strohhüte , die bei der Mutter mit einer schwarzen , bei der Tochter dagegen mit einer lila Schleife unter dem Kinn gebunden waren . Helene von Walde begrüßte die Damen als Frau und Fräulein von Lehr , und Elisabeth erfuhr später , daß sie , in L. wohnhaft , den Sommer gewöhnlich im Dorfe Lindhof zuzubringen pflegten , wo sie sich in einem Bauernhause eingemietet hatten . Unmittelbar nach den Eingetretenen kam die Baronin Lessen am Arme ihres