ernstliches : » Laß die kleine Katze ! « konnte seinem Zorn Halt gebieten , ohne ihm jedoch Einhalt zu tun . Seit den frühesten Kindertagen herrschte eine tiefe Abneigung zwischen den Geschwistern , was man leider viel häufiger findet , als man gewöhnlich annimmt . In dem schwächlichen , magern Körper des Mädchens steckte eine starke , willenskräftige Seele , welche hielt , was sie erfaßt hatte , Kenntnisse , Zuneigung und Abneigung , Liebe und Haß . Juliane von Poppen ward von dem Tage , wo seine Mutter am Halseisen stand , die erklärte Beschützerin von Heinrich Ulex , und der arme Knabe hing ihr dagegen mit der Ergebenheit eines Hundes an . Sie nahm das ganze Armenhaus unter ihre besondere Protektion , aber vorzüglich , wie gesagt , den Sohn der Hühnerdiebin . Sie hatte noch öfters Gelegenheit , ihn gegen die Ungeschlachtheit des Vaters und die Roheit des Bruders zu schützen , und wenn es ihr auch nicht gelang , jedes Ungewitter von ihm abzuwenden , so konnte sie doch manchen Blitz und Donner unschädlich seitwärts lenken . Es entstand allmählich zwischen dem Fräulein von Poppen und dem Sohn der diebischen Bettlerin ein eigentümliches Verhältnis . Das Mädchen hatte in der Gesellschaft ihres Vaters und Bruders traurige , freudenlose Tage hingebracht ; jetzt fand sie zum erstenmal auf ihrem Lebenswege ein Wesen , welches ihr alles zuliebe tat , was sie nur irgend verlangen mochte . Unklare Gefühle , geschöpft aus einer Bibliothek sentimentaler Romane , dem einstigen Eigentum der verstorbenen Mutter , durchspukten das phantastische Köpfchen ; die junge Chatelaine gebrauchte den erworbenen Einfluß , um den Knaben aus dem Armenhause an sich zu fesseln wie eine kleine geistreiche Fee einen blöden , dickköpfigen , ehrlichen Kobold . Da gab es für Heinrich Ulex Aufträge der verschiedensten Art. Seltene Blumen mußten gesucht werden in den Wäldern und auf den Bergen ; auf glänzende Steine , zierliche Moose , Vogeleier und Federn mußte Jagd gemacht werden , zum phantastischen Schmuck des Zimmers des Fräuleins . Es verging kaum ein Tag , an welchem die Kinder nicht miteinander verkehrten in Wald und Feld oder hinter den Gartenhecken von Poppenhagen . Und niemand durfte etwas merken von der Vorliebe des Fräuleins für ihren Kobold als Fritz Fiebiger , der Sohn der Wirtswitwe . Er wurde von Zeit zu Zeit in allerlei wichtige Geheimnisse der beiden andern hineingezogen und ging dann und wann mit auf die Jagd nach Blumen , Steinen und Vogeleiern . Juliane von Poppen , welche vor ihrem Vater sich fürchtete und ihren Bruder haßte , wurde in der Einsamkeit des Waldes , in der Gesellschaft der beiden Knaben zum fröhlichen , liebenswürdigen Kinde . Das altkluge Gesichtchen verlor die bleiche Farbe , der ernste Mund lernte allmählich das heitere Lachen , und die schwarzen Augen behielten wohl ihren Glanz , aber nicht ihre scheue Unstetigkeit . Es rauscht und plätschert manch ein Bach durch den Winzelwald , und der große Forst , im Jahre 1803 noch viel wilder und dunkler als heute , bot manch ein geheimnisvolles Versteck , ganz gemacht , daselbst Märchen zu erzählen und auf Märchen zu horchen . An einem solchen Fleckchen , wo die Waldvögel in die Lektion des Fräuleins vom Poppenhof hineinsangen , wo die Sonne zitternde Schattenbilder auf das Lesebuch im Schoß der kleinen eifrigen Lehrerin warf , lernten Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger das Lesen und Schreiben . Hier füllte dem armen Heinrich das elfenhafte , phantastische Mädchen das Herz mit den Gestalten und Bildern ihrer eigenen Lektüre . Ritter und Damen , Tyrannen , Henker , schuldlose Opfer , unglückliche Verliebte , Totengerippe , Gespenster , Räuber , Riesen und Zwerge zogen vorüber ; und in wonnigem Bangen lauschten die beiden Kinder geheimnisvollen Klängen in der Ferne , sahen Gestalten hinter den Stämmen in der Dämmerung des Waldes und drängten sich scheu aneinander vor den Geistern und Schauern , welche sie selbst beschworen hatten . Dem mit gefalteten Händen horchenden Heinrich war oft zumute , als werde die Lehrerin mit ihrem Waldblumenkranz und den blitzenden schwarzen Augen sich gleich selbst in solch ein verschwebendes Bild auflösen und im Waldschatten , Vogelsang und Rauschen der Wasser verschwinden . Wie aber schreckten die Kinder auf , wenn ein Laut des wirklichen Lebens sie in ihrer Einsamkeit störte ; wenn die Axt des Holzhauers in der Nähe erklang oder das Pfeifen des Hirten . Da schoß das eine hierhin ins Versteck , das andere dorthin . Und wenn dann gar der Rittmeister von Poppen mit seinen Hunden durch den Wald ritt , begegnete ihm wohl sein Töchterlein einsam auf einem verwachsenen Pfade oder trat ihm aus dem Dickicht entgegen und ließ sich , stumm die Augen niederschlagend , anschnauzen über solch albernes Umherstreifen : den Knaben gewann sie dadurch Zeit , tiefer in die Wildnis zu flüchten . Zwei Jahre hindurch dauerte dies Verhältnis , harmlos und unschuldig . In ihrer Einsamkeit waren Heinrich und Juliane wie die Erstgeborenen der Erde , als der Baum der Erkenntnis noch unberührt stand im Paradiese . » Sie schämeten sich nicht « , wie das Buch der Erschaffung so unbeschreiblich lieblich sagt . Und so kamen sie , ohne es zu merken , der Grenze der Kindheit immer näher . Im Herbst des Jahres 1806 gelangte jedoch das süße Spiel der Einsamkeit zu einem plötzlichen jähen Ende , und der Sohn der Bettlerin und das adelige Fräulein erwachten wie aus einem hübschen Traume . Am zwanzigsten September dieses Jahres , um die sechste Abendstunde , an einem düstern nebeligen Tage , warf ein armes Weiblein , welches im Gehölz in der Nähe des Poppenhofes Reisig für ihren Küchenherd gesammelt hatte , ihren Tragkorb mit hellem Aufkreischen weit von sich , schleuderte ihre schweren Holzschuhe von den Füßen , um schneller laufen zu können , und stürzte halb sinnlos vor Angst und Schrecken dem Dorfe Poppenhagen zu . Das Weiblein hatte ein Gespenst gesehen . Unter den Tannen war eine lange , hagere