das verhehlen , sagte der geschmeidige Pastor . Aber ich für meinen Theil habe zu lange die Ehre und das Glück gehabt , mit reichen , und in der schönsten Bedeutung des Wortes adeligen Familien zu verkehren , als daß ich nicht gewissermaßen ein Anhänger der Aristokratie sein sollte ; und überdies habe ich neuerdings nur zu trübe Erfahrungen darüber gemacht , wie sehr der Besitz in den Händen des Plebejers , um mich dieses historischen Ausdruckes zu bedienen , Eitelkeit , Hoffarth und weltlichen Sinn hervorruft und begünstigt . Es thut mir leid , von meinen Freunden so etwas hören zu müssen , sagte Oswald . Von Ihren Freunden ? sagte der Pastor verwundert . Von meinen Freunden , allerdings . Denn ich fand mich stets , ohne es zu wollen und manchmal ohne es zu wissen , wo immer in der Geschichte der große Gegensatz zwischen Aristokraten und Plebejern hervortrat , auf Seite der letzteren . Ich war ein geschworner Anhänger der Gracchen und anderer römischer Demagogen ; ich schlug mich mit den Independenten gegen die Cavaliere , und ich gestehe , daß ich in den Bauernkriegen viel mehr Sympathie gehabt habe für die armen , unterdrückten , gehudelten , geknechteten und in Folge dieser brutalen Behandlung meinetwegen auch brutalen Bauern , als für die hochmögenden , reichsfreiherrlichen und trotz und vielmehr wegen all ' der Freiheit und Herrlichkeit nicht minder brutalen Grafen und Barone . Der Pfarrer hörte diese Rede mit jenem ungläubigen Lächeln an , mit dem man dem Bramarbasiren junger Gelbschnäbel zuhört , die sich gern den Anstrich von vollendeten Wüstlingen geben möchten . Sehr gut , sehr gut ! sagte er . Ja , ja , wir geistreichen Leute gefallen uns in Paradoxen . Das klebt uns noch von den ästhetischen Thee ' s der Residenz an , und da wollen wir hübsch in der Uebung bleiben , wenn uns zur Zeit auch nur ein armer Landpfarrer hört . Ich versichere Sie , Herr Pastor - Weiß schon , weiß schon ! Aber leben Sie erst einmal , wie ich , fünf Jahre lang unter Bauern ! Glauben Sie , daß ich in der ganzen Zeit die Leute habe bewegen können , eine Glocke für unser Gotteshaus zu kaufen , die anzuschaffen sie noch dazu verpflichtet sind ? Aber , wenn es darauf ankommt , einen Schmaus herzurichten und andere weltliche Zwecke in ' s Werk zu setzen , fehlt es nie an Geld . Nun , sagte Oswald , der Adel hiesiger Gegend ist auch nicht eben wegen seiner Nüchternheit berühmt . Der Adel , lieber Freund ! das ist etwas ganz Anderes . Seine Devise ist und muß sein : leben und leben lassen . Aber , Sie wissen , Eines schickt sich nicht für Alle . Und Manches schickt sich für Keinen , fügte Oswald hinzu . Ach , hier kommt meine Gustava , rief der Pfarrer , froh , ein Gespräch abbrechen zu können , das ihm von Augenblick zu Augenblick weniger gefiel . Die Frau Pastorin , welche soeben in das Zimmer trat , war eine Dame in dem Anfang der vierziger Jahre , mit semmelblonden Haaren , sehr hellblauen Augen und einem Gesicht , das in diesem Augenblick von dem Küchenfeuer und der Eile , mit welcher sie ihre Toilette gemacht hatte , noch von etwas lebhafter Farbe war , sonst aber kränklich , bleich , verwelkt und altjüngferlich aussah . Sie trug ein Kleid von gelber ungefärbter Seide , an dessen Gürtel eine goldene Uhr hing , und eine Haube mit gelben Bändern , so daß sie Alles in Allem auf Oswald den Eindruck eines etwas verblichenen und nicht mehr ganz gefunden Kanarienvogels , dessen Besitzer nach Norden wohnt , machte . Auch sie konnte kaum Worte ( an denen es ihr übrigens nicht gebrach ) finden , welche ihre Freude ausdrückten , den Freund eines so hochmögenden Hauses unter ihrem niedrigen Dache ( diese Phrase schien bei beiden Gatten stereotyp ) zu erblicken , um so mehr , als es ihrem armen Jäger ( das war der Name des Pastors ) ganz und gar an einem wissenschaftlichen und gebildeten Umgange gebrach , ein Mangel , dem durch Oswalds Ankunft in hiesiger Gegend auf die erfreulichste Weise ( davon sei sie überzeugt ) abgeholfen wäre . Mein armer Jäger wird mir hier noch zum Hypochonder werden , rief sie , ihre wasserblauen Augen zärtlich auf den Gegenstand ihrer Besorgniß richtend ; ich thue , was in meinen schwachen Kräften steht , daß er die Gesellschaft geistreicher und gelehrter Männer so wenig wie möglich vermißt , aber was kann eine arme , unwissende Frau denn in dieser Hinsicht Großes thun ! Sie werden mich zwingen , Ihnen zu widersprechen , sagte Oswald , bei welchem der Humor über den Unmuth , mit dem ihn bisher die Heuchelei und Gleißnerei der Gatten erfüllt hatte , endlich den Sieg davon trug . Ich möchte behaupten , daß Unwissenheit und Frau Pastor Jäger niemals Freundinnen gewesen sind , und jetzt schon seit Jahren auch nicht einmal die entfernteste Bekanntschaft zwischen ihnen existirt . Sie sind zu gütig , wahrlich zu gütig , sagte die hocherfreute Pastorin . Ich will nicht leugnen , daß ich mich von jeher bemühte , den Vorwurf der Unfähigkeit für die Sphären höherer Bildung , welchen man uns armen Frauen - Es ist angerichtet ! rief das Dienstmädchen zur Thüre herein . Sehen Sie , so macht das irdische Leben immer seine Rechte geltend , so oft wir versuchen , einen kühneren Flug zu nehmen , rief die Pastorin , während ihr Oswald galant den Arm bot und der Pastor das Ende seiner Cigarre so legte , daß er es nach Tische wiederfinden konnte . Zehntes Capitel Die Unterhaltung an der Mittagstafel , die in einem kühlen , schattigen Zimmer , das auf einen etwas kahlen und sehr sonnigen Garten sah , angerichtet war , wurde bald sehr lebhaft . Oswald ' s längerer Aufenthalt in Grünwald