gegeben , sie heuchelte keine Liebe ; aber sie wollte die Welt glauben lassen , daß sie über diese Schwachheit erhaben sei , und auch nicht vor einem vertrauten Mädchenherzen ein Geständniß ablegen , das kein günstiges Licht auf ihren Gemahl und ihre Ehe werfen konnte . Aber daß ihr dieser Vorsatz so vollständig gelang , daß kein anderes Auge auf den Grund ihres Herzens zu lesen vermochte ; daß man sie für ruhig und befriedigt hielt , indeß alle Qualen verlorenen Liebesglückes und eines verfehlten Lebens ihren Nächten den Schlaf raubten und am Tage sie antrieben , durch geistige Beschäftigungen oder zerstreuende Vergnügungen vor sich selbst zu fliehen : das veranlaßte jenes bittere Lächeln , mit dem sie viel mehr noch sich selbst und ihr Geschick als ihre kurzsichtige Umgebung verhöhnte . » Vertraue mir nur , « sagte sie mit theilnehmender Stimme ; » ich weiß , daß Dich Stephan liebt und daß die Väter sich dieser Verbindung widersetzen ; mein Gemahl hat es mir gesagt ! « » Himmel ! « rief Ursula , » so ist es schon zum Stadtgespräch geworden ? « » Mein liebes Kind , « belehrte die ältere und welterfahrenere Freundin , » wenn Du Dich darüber wunderst , dann weißt Du nicht , wie die Männer sind . Die können nicht wie wir ihre Liebe und ihr Leid still für sich tragen , denen kostet es nicht wie uns ein Erröthen oder die Furcht , ihre innigsten Gefühle falscher Beurtheilung preiszugeben . Die reden davon auf der Fechtschule und in den Trinkstuben , oder wo sie sonst zusammen kommen , und was wir mit künstlichen Schleiern als tiefes Geheimniß bergen , das tragen sie offen zur Schau . Darin müssen wir uns fügen - sogar wenn es ein Beweis ist , das unsere Liebe eben im Innern ihre Heimath findet , indeß die der Männer von außen stammt und am Aeußern haftet . « Ursula seufzte . Sie hatte es freilich schon erfahren , daß sie Stephan gerade nach dem Bann der Väter mehr als einmal rücksichtslos aufgesucht hatte , und sie so dem Zorn des Vaters wie den Klatschereien der Leute preisgegeben ; aber wenn sie ihn auch eben darum abmahnend jene Zeilen geschrieben , deren Ueberbringer Albrecht Dürer war , so hatte sie doch so gern jede Unüberlegtheit und Ausschreitung seiner leidenschaftlichen Liebe vergeben . Und hatte sie nicht eben jetzt zu einer gleichen Unvorsichtigkeit sich hinreißen lassen ? War es auch nicht die eigene Wohnung , aus der sie den Strauß warf ; konnten nicht so gut wie Stephan selbst andere Vorübergehende sie gesehen und erkannt haben ? Sie mußte daher sich und ihn entschuldigen , indem sie der Freundin aufrichtiger beichtete , als selbst dem Priester . Als sie in ihrer Mittheilung bis zu den Blumen gekommen war , die ihr der Malerlehrling als Stephan ' s Antwort brachte , fuhr sie fort : » Ich konnte nicht glauben , daß mein Brief ihn dauernd erzürnen werde ; hoffte , daß er nur im ersten Aufwallen unbefriedigter Wünsche in meiner Bitte um stilles Harren meine Liebe bezweifeln konnte - da hörte ich , er habe Nürnberg verlassen . Daß er fortgegangen im Grolle und ohne ein tröstendes Abschiedswort , das hat mich bitter gekränkt und mich mit Selbstvorwürfen gequält . Sie wuchsen je mehr , je längere Zeit verging , ohne daß ich von ihm hörte . Da wollte ich heute zu Dir gehen , Dir dies gequälte Herz zu zeigen . Du bist so edel und klar , weißt , was die Sitte verlangt und die Familienehre , und kannst doch sanfte Empfindungen verstehen , und wärest Du selbst auch immer über sie erhaben geblieben und hättest sie nur mit empfunden in den Schilderungen des Celtes und anderer Poeten . « Elisabeth bebte zusammen bei Nennung dieses Namens . Seit sie sich verheirathet und Celtes fort war , hatten die Lästerzungen von ehemals schweigen gelernt , und gerade Alle , die Elisabeth näher standen , ihren Stolz und ihr geistiges Streben - ihre Gelehrsamkeit , wie man es damals nannte - kannten , waren durch ihr späteres Betragen fest überzeugt worden , daß sie Celtes gegenüber Nichts empfunden als die geschmeichelte Eitelkeit , die Muse eines gekrönten Poeten zu heißen , und daß sie ohne Kampf dem Willen ihrer Familie sich fügte , die Celtes von ihr verbannte , als die Welt dies Verhältniß zu mißdeuten wagte . Ursula hatte darum die Freundin nur bedauert , daß ihr durch ein gemeines Vorurtheil der belehrende Freund geraubt ward , durch den ihr wissensdurstiger Geist die beste Nahrung gefunden . Kein Gedanke kam in ihren Sinn , daß sie die zur Rathgeberin wählte , die jeden Augenblick bereit gewesen alle Schranken zu durchbrechen , nur um dem Geliebten zu gehören , sobald dieser es von ihr verlangt hätte , wie Stephan es von Ursula verlangte . Elisabeth fühlte sich von kaltem Schauer überrieselt und alles Blut drang ihr zum Herzen - unwillkürlich faßte ihre Hand nach seiner Stelle , als könne sie so es zu ruhigeren Schlägen zwingen . Warum mußten sich immer ungleichartige Elemente zusammenfinden ? Warum war Celtes nicht so rücksichtslos wie Stephan gewesen , warum war Stephan nicht so rücksichtsvoll wie Celtes ? So fragte sie sich - und rang dabei doch nach Worten , Ursula ihre Gedanken zu verbergen , die für sie selbst schon zu viel Bitterkeit und Beschämung hatten , als daß sie je etwas davon hätte mögen laut werden lassen . Endlich sagte sie ausweichend zu ihr : » Du hast ja schon entschieden , indem Du ihm den Strauß hinabwarfst . « » Es war die unbedachte Handlung eines Augenblickes , « entschuldigte sich Ursula , » des Entzückens , daß ich ihn wiedersah . Ich fand seinen Mohren hier auf der Straße , da konnte ich hoffen , er sei zurückgekehrt ; ich konnte den Augenblick nicht vorübergehen lassen ohne ein Liebeszeichen ; denn was auch geschehen möge ,