zurückkehrte und mit Lucinden , die sich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen hatte , die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzustellen begann , entspann sich ein Verhältniß , das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens sechzehntes Lebensjahr füllte . 8. Lucinde blieb auf der Pfarrei , hier » Pastorat « genannt . Man fragte sie allerdings nach ihrer Herkunft , ihrem Namen und dem Stande ihrer Aeltern . Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen ( dem » Meier « des Dorfes ) einen Namen an . Erst war sie Johanna Stegmann , aus dem Thüringischen gebürtig . Kam der Pfarrer und drohte lächelnd mit dem Finger und sagte , er hätte nach Vacha , das sie als Wohnort angegeben , geschrieben und die Nachricht bekommen , daß man dort nichts von einer Johanna Stegmann wisse , so nannte sie sich Luise Starkin , aus der Gegend von Fulda über die Rhön hinaus , wo ihr Vater ein Oberförster des Königs von Baiern wäre . Schüttelte man nach vier Wochen wieder den Kopf , so erwiderte sie : Will man , daß ich bleibe , so quält mich doch nicht so ! Man mußte nämlich wirklich wünschen , daß sie blieb . Sie war dem Frieden des Hauses fast nothwendig geworden . Was zur Besänftigung des Kammerherrn die Harmonica nur annähernd erreicht hatte , das löste Lucinde vollständig . Der Kammerherr wurde durch sie ein Kind , das an ihrem Leitseile unter Blumen spielte ; er zeichnete , malte , sprach leidlich vernünftig und verhieß eine wirkliche Heilung . Ohne phantastisches Uebermaß und manche Wunderlichkeit ging es dabei freilich nicht ab . Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorstellung wie von einer in der That feenhaften Erscheinung . Er ließ sich den Wahn nicht nehmen , daß Lucinde eine Tochter der Waldeskönigin , vielleicht sie selbst wäre , und Lucinde that nichts , ihm diesen Glauben zu nehmen . Sie ließ sich von ihm ganz so schmücken , wie er sie sehen wollte , wenn er sie malte . Es waren dies diese wunderlichen Malereien der Geisteskranken , die durch ihre technische Vollendung oft überraschen und doch immer etwas nur mechanisch Wiedergegebenes und Seelenloses darstellen . Es waren in seinen Landschaften immer derselbe Eichbaum , immer derselbe Felsengrund , immer dasselbe Haus , derselbe Kirchthurm , derselbe Bach und dieselbe Mühle wiederzufinden , nur wechselte die Vermischung und die Beleuchtung . Auch seine Porträts drückten , er mochte den Pfarrer oder den Meier im Dorf oder den einzigen Bekannten , der ihn zuweilen besuchte , einen Grafen Hans von Zeesen wählen , immer denselben Charakter aus , eigentlich ihn selbst . Nur für Lucinden suchte er Abwechselung , bald in dieser Situation , bald in jener . Er verschwendete Summen Geldes , um sie bald als Griechin , bald als Zigeunerin , bald als Salondame oder Amazone malen zu können . Von jenem Residenzstädtchen , wo er sich einst den Kammerherrnschlüssel gekauft hatte , waren beständig Cartons mit kostbaren Stoffen unterwegs . Selbst theuere Schmucksachen wurden angekauft . Und der Kronsyndikus , der Vater , der zuletzt doch auch von diesem Treiben hören mußte , widersprach diesmal nicht . Einmal drückte ihn der geheime Vorwurf , das Uebel des Sohnes selbst durch seine Erziehung gemehrt zu haben , dann nährte er die Hoffnung , ihn wieder in die Gesellschaft zurückzuführen . Es wurde sogar eine Adelige genannt , die nach einem Familienstatut mit ihm vermählt werden sollte , nachdem eine Verbindung mit einem Fräulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren gescheitert war . Lucinde genoß diese Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenso eines sichern und geschützten Aufenthalts wie geschmeichelten Selbstgefühls ... Eibendorf lag dem Winkel zu , wo sich das Eggegebirge mit dem Teutoburger Walde kreuzt ; es war umgeben von jenen Waldzügen , die so dichtbelaubt , so frei und urstämmig sich sonst nur im Süden Deutschlands wiederfinden . Von mancher aufsteigenden Anhöhe aus sah man in das ganze Tiefthal der Weser hinab . Ein entzückender Anblick ! Jeder Hügel bewaldet und umgeben von unabsehbaren Feldern und Wiesen , denen sich in frischen Farben Dörfer , weiterhin ansehnliche Städte entwinden . Die schroffern und die Seele mit mächtigen Ahnungen erfüllenden Partieen mußte man im Gebirge suchen ; diese Ebene hier bot den Charakter der Milde und Lieblichkeit . Nach Osten hin sah man an besonders lichthellen Tagen in dunkler Färbung die Nadelholzcontouren des Harzes . Dabei waren die Volkssitten lebhaft , ja keck und herausfordernd . Es gab Aufzüge und Feste aller Art , sogar ein Schützenfest für Frauen . Morgens in erster Herbstfrühe ziehen die Ehefrauen der Gemeinde , unter ihnen manche Anmuthige , von irgendeinem Hofe aus , in goldenen landüblichen Häubchen und Stirnbinden , mit Bändern und Blumensträußen geschmückt , mit den Gewehren ihrer Männer in den Händen . Der Kammerherr hatte verlangt , daß Lucinde die Schützenkönigin spielte , die mit dem Zeichen ihrer Würde , den Säbel an der Seite , vorausmarschirte . Da sie nicht verheirathet war , so setzte man die äußerste Anstrengung daran , ihn von diesem Verlangen abzubringen . Sie begnügte sich dann auch mit der Rolle des Fähnrichs . Die Fahne aber , die er sie tragen ließ , war eine wunderliche Curiosität , die er selber erfunden hatte . Er beschäftigte sich nämlich mit der hier landesüblichen gelehrten Spielerei , in den Nachrichten der Alten über den Aufenthalt der Römer in Deutschland Thatsachen und Namen aufzufinden , die mit den Sitten und Namen der Gegenwart noch in irgendeinem Zusammenhange stehen . Der Kammerherr wußte genau , wo Varus von Hermann dem Cherusker geschlagen war , er behauptete , dicht bei Neuhof , dem Schlosse seines Vaters . Er war auch selbst in Rom gewesen und vermeinte , dort in den Alterthumsschätzen des Vatican Dinge gesehen zu haben , die die Römer nur auf der heiligen rothen Erde Westfalens gefunden haben konnten . Dortige alte Trinkgefäße wären nur aus Glashütte gekommen