wollte ihn auch nicht eigens darum ersuchen : ich vermutete , daß er mich zu seiner Familie führen würde . Da wir an dem Hause angekommen waren , geleitete er mich bei dem gemeinschaftlichen Eingange desselben hinein , führte mich über eine gewöhnliche Sandsteintreppe in das erste Stockwerk , und ging dort mit mir einen Gang entlang , in dem viele Türen waren . Eine derselben öffnete er mit einem Schlüssel , den er schon in seiner Tasche in Bereitschaft hatte , und sagte : » Das ist Euer Zimmer , solange Ihr in diesem Hause bleibt . Ihr könnt jetzt in dasselbe eintreten oder es verlassen , wie es Euch gefällt . Nur müsset Ihr um acht Uhr wieder da sein , zu welcher Stunde Ihr zum Abendessen werdet geholt werden . Ich muß Euch nun allein lassen . In dem Wartezimmer habt Ihr heute in Humboldts Reisen gelesen , ich habe das Buch in dieses Zimmer legen lassen . Wünschet Ihr für jetzt oder für den Abend noch irgend ein Buch , so nennt es , daß ich sehe , ob es in meiner Büchersammlung enthalten ist . « Ich lehnte das Anerbieten ab und sagte , daß ich mit dem Vorhandenen schon zufrieden sei , und wenn ich mich außer Humboldt mit noch andern Buchstaben beschäftigen wolle , so habe ich in meinem Ränzchen schon Vorrat , um teils etwas mit Bleifeder zu schreiben , teils früher Geschriebenes durchzulesen und zu verbessern , welche Beschäftigung ich auf meinen Wanderungen häufig abends vornehme . Er verabschiedete sich nach diesen Worten , und ich ging zur Tür hinein . Ich übersah mit einem Blicke das Zimmer . Es war ein gewöhnliches Fremdenzimmer , wie man es in jedem größeren Hause auf dem Lande hat , wo man zuweilen in die Lage kömmt , Herberge erteilen zu müssen . Die Geräte waren weder neu noch nach der damals herrschenden Art gemacht , sondern aus verschiedenen Zeiten , aber nicht unangenehm ins Auge fallend . Die Überzüge der Sessel und des Ruhebettes waren gepreßtes Leder , was man damals schon selten mehr fand . Eine gesellige Zugabe , die man nicht häufig in solchen Zimmern findet , war eine altertümliche Pendeluhr in vollem Gange . Mein Ränzlein und mein Stock lagen , wie der Mann gesagt hatte , schon in diesem Zimmer . Ich setzte mich nieder , nahm nach einer Weile mein Ränzlein , öffnete es , und blätterte in den Papieren , die ich daraus hervor genommen hatte , und schrieb gelegentlich in denselben . Da endlich die Dämmerung gekommen war , stand ich auf , ging gegen eines der beiden offenstehenden Fenster , lehnte mich hinaus , und sah herum . Es war wieder Getreide , das ich vor mir auf dem sachte hinabgehenden Hügel erblickte . Am Morgen dieses Tages , da ich von meiner Nachtherberge aufgebrochen war , hatte ich auch Getreide rings um mich gesehen ; aber dasselbe war in einem lustigen Wogen begriffen gewesen ; während dieses reglos und unbewegt war wie ein Heer von lockeren Lanzen . Vor dem Hause war der Sandplatz , den ich bei meiner Ankunft schon gesehen und betreten hatte . Meine Fenster gingen also auf der Seite der Rosenwand heraus . Von dem Garten tönte noch schwaches Vogelgezwitscher herüber , und der Duft von den Tausenden der Rosen stieg wie eine Opfergabe zu mir empor . An dem Himmel , dessen Dämmerung heute viel früher gekommen war , hatte sich eine Veränderung eingefunden . Die Wolkendecke war geteilt , die Wolken standen in einzelnen Stücken gleichsam wie Berge an dem Gewölbe herum , und einzelne reine Teile blickten zwischen ihnen heraus . Die Blitze aber waren stärker und häufiger , die Donner klangen heller und kürzer . Als ich eine Weile bei dem Fenster hinaus gesehen hatte , hörte ich ein Pochen an meiner Tür , eine Magd trat herein und meldete , daß man mich zum Abendessen erwarte . Ich legte meine Papiere auf das Tischchen , das neben meinem Bette stand , legte den Humboldt darauf , und folgte der Magd , nachdem ich die Tür hinter mir gesperrt hatte . Sie führte mich in das Speisezimmer . Bei dem Eintritte sah ich drei Personen ; den alten Mann , der mit mir den Spaziergang gemacht hatte , einen andern , ebenfalls ältlichen Mann , der durch nichts besonders auffiel als durch seine Kleidung , welche einen Priester verriet , und den Pflegesohn des Hausbesitzers in seinem blaugestreiften Linnengewande . Der Herr des Hauses stellte mich dem Priester vor , indem er sagte : » Das ist der hochwürdige Pfarrer von Rohrberg , der ein Gewitter fürchtet und deshalb diese Nacht in unserm Hause zubringen wird « , und dann auf mich weisend fügte er bei : » Das ist ein fremder Reisender , der auch heute unser Dach mit uns teilen will . « Nach diesen Worten und nach einem kurzen stummen Gebete setzten wir uns zu dem Tische an unsere angewiesenen Plätze . Das Abendessen war sehr einfach . Es bestand aus Suppe , Braten und Wein , zu welchem wie zu dem an meinem Mittagsmahle verkleinertes Eis gestellt wurde . Dieselbe Magd , welche mir mein Mittagessen gebracht hatte , bediente uns . Ein männlicher Diener kam nicht in das Zimmer . Der Pfarrer und mein Gastfreund sprachen öfter Dinge , die die Gegend betrafen , und ich ward gelegentlich einbezogen , wenn es sich um Allgemeineres handelte . Der Knabe sprach gar nicht . Die Dunkelheit des Abends wurde endlich so stark , daß die Kerzen , welche früher mit der Dämmerung gekämpft hatten , nun vollkommen die Herrschaft behaupteten , und die schwarzen Fenster nur zeitweise durch die hereinleuchtenden Blitze erhellt wurden . Da das Essen beendet war und wir uns zur Trennung anschickten , sagte der Hauswirt , daß er den Pfarrer und mich über die nähere Treppe in unser Zimmer führen würde . Wir nahmen jeder eine Wachskerze ,