man Sklaven hält oder für deren Abschaffung alle möglichen Schritte thut . Wie es aber mit seinem gewiß vielfach übertriebenen und eingebildeten Elend bei uns so großes Aufsehen machen konnte , ist mir nur dadurch erklärlich , wenn ich überhaupt unsere kindische Sucht nach Fremdem in ' s Auge fasse , oder eine Art wollüstig kitzelnder Grausamkeit annehme , mit der man nach weit entfernten fremden Leiden schaut , da man nicht den Muth hat , das Auge auf den eigenen Weg vor sich zu senken , um hier eine ungleich härtere Sklaverei zu entdecken , tieferen Jammer , größeres Elend . « » Glaubst du das wirklich , Vater ? « fragte nachdenkend Clara , die an jene Unterredung auf der Bühne dachte . » Ob ich es glaube , mein Kind ! « entgegnete finster der alte Mann . » Fragst du mich das im Ernst ? Blicke doch zunächst auf uns Alle , auf dich selbst . Sieh doch , wie es uns bei angestrengtem Fleiße , bei der größten Thätigkeit nicht möglich ist , unsere kümmerliche Lage zu ändern ; sieh doch zu , wie ich mich hier bis Mitternacht mit meiner Feder abmühe , und ohne deine Hülfe , mein gutes Kind , doch nicht im Stande wäre , ausreichend für unsern nothdürftigen Unterhalt zu sorgen . « » Es ist wahr , Vater , es ist sehr wahr . « » Jener Onkel Tom zum Beispiel ist glücklich gegen mich zu nennen ; er ist ein Sklave geboren , und konnte , ich gebe zu , daß es sehr traurig ist , von einem Tag auf den anderen gewärtigen , was ihm endlich zugestoßen . Und wenn nun diese Geschichte wirklich wahr , wenn solche Grausamkeiten dort jenseits der Meere verübt werden , so haben seine Leidensgenossen das Mitleid aller Nationen für sich ; man beklagt ihr Dasein , man bejammert ihr Schicksal , man thut durch Wort und Schrift , was man kann für Erleichterung des Looses jener schwarzen Sklaven , während man dagegen zu Hause wieder Alles thut , um uns recht hinabzudrücken , recht den Fuß auf den Nacken zu setzen , uns , den weißen Sklaven der Armuth und Geburt . - - Die Verfasserin , « fuhr der alte Mann nach einer Pause fort , eine Amerikanerin , Augenzeuge des von ihr geschilderten Sklavenlebens , hatte gewiß die schönste und lobenswertheste Absicht . Glaubst du vielleicht , mein Kind , daß der Gedanke , Etwas zur Beglückung jenes gedrückten Theiles des Menschengeschlechtes beizutragen , die zahllosen Buchhändler in unseren damit und mit so vielem Anderem gesegneten deutschen Landen vermocht hat , das Publikum mit Onkel Tom ' s Hütten zu überschwemmen , in Wort und Bild , in Gesängen und Theaterstücken ? - Glaubst du das ? - Ich nicht ! Ich habe von einem gehört , der seinen Enthusiasmus so weit trieb , daß er seine sämmtlichen Zimmer mit Schilderungen aus jenem Negerleben ausschmückte , in übermäßiger Freude , daß er endlich etwas gefunden , was in den jetzt interesselosen Zeiten nach seinem Ausdrucke zieht . Tritt doch hin vor diesen - geistigen Sklavenhändler , der dir die Arbeit ruheloser Tage und schlaflosen Nächte , der dir ein Stück deines Inneren , das du ihm geschrieben , anbietest , abfeilscht , ja abjaunert , der dir ein paar magere Kreuzer hinwirft für dein bestes Herzblut ; - tritt doch vor ihn hin und sage ihm , du habest auch eine Elise gefunden , deren Mann , ein fleißiger Mann , sich von ihr und ihrem Kinde trennen müsse und weit über ' s Meer fliehen , weil er hier kein Brod für sich und die Seinen mehr findet . Der hiesige Georg ist freilich kein Sklave , und sein Weib und sein Kind sind bei keiner guten Herrschaft , die sie auf ' s Freundlichste pflegt , auf ' s Beste erhält , die ihr Hülfe verspricht und in guten tief gefühlten Worten Trost spendet . O nein , mein Kind , die hiesige Elise , obgleich auch einstens schön , jung und blühend , ist nun nach wenigen Jahren ein armes , verkümmertes Weib geworden und sitzt auf einer ungeheizten Bodenkammer mit ein paar traurigen Gesellschaftern , dem Hunger und der Kälte ; und dazu pfeift der Wind höhnend durch die Risse des Daches ; sie selbst friert gern und muß ja frieren , denn in ihren letzten warmen Rock hat sie ihr Kind gewickelt und es schlummert nun leise an ihrer Brust , und wenn es auch zuweilen stöhnt und sich im Schlafe hin und her wendet , so ist es doch im Augenblick vor der Kälte geschützt , und wenn der liebe Gott im Himmel sie nicht gänzlich verlassen hat , so findet sie wohl im Laufe des Tages eine mitleidige Seele , die ihr mit etwas Suppe aushilft . - Vorderhand aber hungert sie und hofft , hofft auf ihren Gatten , daß er ihr Hülfe sendet , hofft auf die Barmherzigkeit des Himmels , daß er ihren kränklichen Körper genesen läßt , um sich alsdann durch Arbeit wieder fortbringen zu können . - - Und wie sie so sinnt und denkt , erweitern sich vor ihren Augen die zahlreichen Spalten und Risse im Dach , und ihr Blick fliegt hinaus über die Dächer der Stadt hinweg in das weite Land und über andere Städte und andere Länder , und endlich sieht sie vor sich eine weite , graue , hie und da mit Schnee bedeckte Fläche , eine trügliche Ebene , die auf und nieder wankt . - Sie fühlt auch den Seewind , denn es fröstelt sie kalt und schaurig an ; am Ufer des weiten Meeres aber stehen Leute und erzählen sich von dem großen Sturm , der gestern stattgefunden und von dem großen Auswandererschiff , das mit so vielen Menschen elend zu Grunde gegangen . - - Wie das Weib an diese Stelle des Traumes gekommen , da schreckt sie