zu bedenken , daß er auf offener Straße sei , lief er dem Wagen eine weite Strecke nach ; als die Unmöglichkeit , ihn zu erreichen , endlich seine Schritte hemmte , stürzte er eben so mechanisch in wilder Hast zurück und dem Hause zu , das die Familie bewohnte . Unten im Hofraum stand Philipp , des Grafen Reitknecht , und wusch den zweiten Wagen , in welchem Anna häufig auszufahren pflegte . Sie ist noch da ! schlug es an Otto ' s Herz ! Er trat in das Haus , die Mägde waren emsig mit der täglichen Arbeit beschäftigt , nirgend gewahrte er eine Spur von Reiseanstalten oder Unruhe . O guter Gott , sie ist noch da ! Er lehnte sich erschöpft an die Treppenbalustrade und vermochte nichts weiter zu denken , kaum sich auf den Füßen zu erhalten . Ein Strom von Glück und Dank flutete auf in seinen Adern , in seiner Seele . Sie mußte noch da sein , da lagen ihre Handschuhe , ihr Hut . Sie war im Nebenzimmer ; sechs Schritte , so stand er ja vor ihr . Der starke Mann zitterte wie ein Kind und hatte lange nicht den Muth , die sechs Schritte zu thun . Endlich öffnete er die Thür des Salons ; am Tische saß das Vrenely zwischen den beiden kleinen Knaben und gab ihnen Schreibstunde . Otto rang nach Athem und blieb an der Schwelle stehen , da trat Anna hinzu ; sie war im Hintergrunde des Zimmers gewesen . Das Vrenely war aufgesprungen von seinem Stuhl , die beiden Frauen standen neben einander . Zum ersten Mal durchzuckte ihn eine Erinnerung an sein früheres Benehmen gegen das Mädchen , welches schon wieder zwischen den Kindern saß . Seit den acht Tagen , da die Stunden begonnen , hatte sie ja Zeit gehabt , auf diesen innerlich schon hundertmal durchlebten Augenblick sich vorzubereiten , sie beugte sich unter dessen Gewalt , wie eine Lilie unter dem aufstürmenden Nachthauch , aber sie blieb gefaßt . Anna war ruhig , wie immer ; sie blickte sinnend bald Otto , bald das Vrenely an . Ob er sie liebt ? fragte sie sich leise und eine helle Röthe überflog ihre Wangen ; sie wußte ja , er liebe sie selbst . Otto blickte mit tiefer Glut auf Anna ' s schöne Züge , die der rosige Hauch verklärte ; er hatte das arme Vrenely bereits wieder vergessen . Ich glaubte dich fort , Anna ! ich hatte den Wagen gesehen , entrang sich fast tonlos seiner Brust . Du ! er nennt sie Du ! widerklang es in Vrenely ' s Herzen . Fort , ohne dir Lebewohl gesagt zu haben ? wie wäre das möglich , Otto ! Hast du es nicht bereits einmal gethan ? fragte Otto sehr bitter . Zum ersten Mal war er empört über Anna ' s Unbefangenheit . Die Röthe auf ihren Wangen wich , sie ward blaß , sehr blaß . Du solltest jetzt und überhaupt niemals mich daran erinnert haben , Otto ! es wäre großmüthiger gewesen , edler . Du hast Kronfeld ' s Reisewagen gesehen , er ist nach Karlsruhe . Der Minister H. kommt auf der Rückreise dort durch . Roderich will ihn sprechen . Es hat sich schnell , in wenig Stunden gemacht . Nach beendigter Lection der Knaben wollte ich zu dir schicken , dir es sagen zu lassen . Kronfeld grüßt dich herzlich , er kommt in sechs bis acht Tagen zurück . Uebrigens , mein Freund ! fuhr sie freundlicher und sehr weich fort , übrigens sollte man Todte ruhen lassen , und diese Vergangenheit mit all ihrer Lust und all ihrem Leide muß todt sein - sie ist an der Gegenwart gestorben . Otto , ist uns denn nicht noch unendlich viel an einander geblieben ? Sie bot ihm mit tiefer Rührung die Hand . Vrenely saß mit dem Rücken gegen die Sprechenden gewandt , aber sie hörte das halblaut geführte Gespräch . Sie hatte ihre Stärke überschätzt , das empfand sie jetzt erst . Hatte sie doch das ganze Anerbieten , den Kindern Stunde zu geben , nur angenommen , weil sie Ihn sehen wollte . Ihn neben ihr ! Es war ihr gewesen , als müsse sie dann mit einem Male genesen von all der Qual , oder daran sterben , und nun tödtete das Allerunerwartetste sie nicht , sondern die Qual wuchs und überwuchs in tausend Gestalten zugleich all ihre Vorsätze und Kräfte . Anna und Otto standen in einer Fensterbrüstung vor einander und sahen sich wehmüthig an , das Vrenely hatten jetzt Beide vergessen . Anna , flüsterte er endlich , die dargebotene Hand leidenschaftlich an sich ziehend , ich habe es lange schweigend ertragen . Warum hattest du mir das gethan ! War ich dir denn damals gar nichts ? Ist dir denn in diesen vielen Jahren nie eingefallen , was du in mir zerstört , was ich um dich gelitten . Otto , ich war ein Kind , funfzehn Jahre . Kannte ich denn das Leben , wußte ich , was ich that ? Jetzt weiß ich es , ich hätte anders handeln sollen und müssen . Ach ! glaube mir , es hat mir oft unsäglich leid gethan . Wo wäre die Liebe , die bei solchen , wenn auch absichtslos gesprochenen Worten nicht , von tausend zündenden Funken durchglüht , aufloderte zur verzehrenden , jedem Gesetze Trotz bietenden Leidenschaft ? Anna , die er so kalt geglaubt , Anna fühlte also , daß sie unrecht an ihm gehandelt ; sie hatte es bereut , sie hatte um ihn , mit ihm gelitten . Wie anders wäre vielleicht Alles gekommen , wenn Josephine sie nicht überredet , ja durch ihr Uebergewicht sie vielleicht gezwungen . Jeder Vorwurf , den er der Geliebten gemacht , war aus seinem Gedächtnisse entschwunden . O wie sophistisch ist die Neigung ! Otto vergaß die ganze schmerzliche Vergangenheit ,