das bleiche Licht eines Wintertages sah bereits durch seine Fenster , ohne daß Eduard daran gedacht hätte , sich zur Ruhe zu legen . Der Morgen fand ihn todtmüde in einem Lehnstuhl sitzen , erfreut über die körperliche Abspannung , die ihn das geistige Leid weniger zerreißend empfinden ließ . Ein Jeder hat es gewiß erfahren , wie in einem Kreise befreundeter Menschen sich allmälig eine Epoche vorbereitet , in der unvorhergesehene Ereignisse eine gänzliche Umgestaltung der Verhältnisse hervorrufen . Es ist , als ob ein Jeder sich mit einem Male bewußt geworden sei , was er wolle und müsse ; und wo noch vor kurzer Zeit nur Keime vorhanden waren , steht schnell emporgewachsen eine reife Ernte da . Aber dem Erscheinen solcher Zeitpunkte gehen in den Familien , wie in der Natur bei der Ernte , heiße , schwere Tage voraus , in denen die Luft drückend und unheilschwer über uns liegt und sich in gewaltsamen Gewitterstürmen abkühlt . Wir fühlen den herannahenden Orkan , eine Unruhe überfällt uns , wir zagen vor dem entscheidenden Momente , und sehnen ihn doch ungeduldig herbei , um in der erfrischten Atmosphäre frisch und frei aufathmen zu können . Ein solcher Zeitpunkt war für den Kreis von Menschen herangerückt , in dessen Mitte diese Erzählung uns führt . Jeder der Betheiligten fühlte , daß ein entscheidender Schritt geschehen müsse , und Keiner hatte den Muth , ihn zu thun . Eduard hielt es sich als eine Nothwendigkeit vor , Clara zu verlassen , ehe das Scheiden ihm und ihr noch schwerer werde , und konnte es doch nicht über sich gewinnen , ihre Behandlung fremden Händen zu übergeben , die leicht weniger geschickt und sorgsam sein konnten , als die seinen . Wenigstens täuschte er sich über seine Unentschlossenheit mit dieser scheinbaren Pflichterfüllung . - Jenny begriff es nicht in liebender Ungeduld , warum Reinhard zögere , ihr ein Geständniß zu machen , dessen es kaum noch bedurfte , während dieser selbst ernst mit sich zu Rathe ging und , je mehr er sich und Jenny prüfte , um so ängstlicher über den Erfolg einer Verbindung mit der Geliebten wurde . In dieser peinlichen Unruhe vergingen einige Wochen . Clara ' s Genesung war so weit vorgeschritten , daß Eduard nur noch bisweilen ihr väterliches Haus besuchte , um sich nach dem Zustande seiner Kranken zu erkundigen , und vor Allem , um sie zu sehen , um mit ihr über Alles zu sprechen , was seine Seele in Anspruch nahm . Vor ihr hatte er sich gewöhnt , alle Regungen seines Herzens , alle Gedanken seines Geistes zu enthüllen . Er hatte sie eingeweiht in das Glück und in das Leid , das er um seiner Abstammung willen erduldet , und während er sich die Genugthuung gönnte , der Geliebten von sich und seinem früheren Leben zu erzählen , hatte er gehofft , es Clara dadurch zugleich deutlich zu machen , wie sie getrennt wären durch das Vorurtheil der Menschen , und wie er niemals daran denken könne , sie sein Weib zu nennen . Anders aber , als er es berechnet hatte , wirkten diese Schilderungen auf das liebende Herz des Mädchens . Sie wünschte und fühlte in sich die Macht , ihn zu entschädigen für Alles , was fremde Unduldsamkeit an ihm verbrochen hatte ; sie wollte ihm zeigen , daß sie wenigstens die Vorurtheile der Menge nicht theile . Darum sprach sie offen von ihrer Achtung und Verehrung für ihn , darum hatte sie tausend jener kleinen Aufmerksamkeiten ihm gegenüber , in denen weibliche Liebe so erfinderisch ist , und die , allen Andern unbemerkbar , sicher den Weg in das Herz Dessen finden , dem sie gelten . Sie war tief ergriffen von seiner ihr bisher fremden und doch so freien Weltanschauung ; die Wahrheit seiner Worte prägte sich ihr so deutlich und unbestreitbar ein , daß auch in dieser Beziehung der Geliebte ihr zum Ideal wurde . Ein Tag , an dem sie ihn nicht gesehen , nicht gehört hatte , was er treibe , was ihn beschäftige , schien ihr ein verlorner zu sein ; und als nun Eduard endlich seine letzte , ärztliche Visite machte , als Clara mit Thränen in den Augen vor ihm stand , mit Thränen , die , wie ihre Mutter meinte , einer übertriebenen Dankbarkeit flossen , fand sie endlich so viel Muth in sich , leise die Hoffnung auszusprechen , der hilfreiche Arzt , dem sie zu Dank verpflichtet sei , werde auch künftig sich dem Hause ihrer Eltern nicht ganz entziehen . Die Commerzienräthin konnte es also füglich auch nicht wohl vermeiden , eine ähnliche Einladung an ihn ergehen zu lassen , und trotz aller gefaßten Entschlüsse , trotz seiner Grundsätze , freute sich Eduard dieses mit Widerstreben gethanen Vorschlags . Aber wer will ihn der Schwäche zeihen , der selbst geliebt hat ? Erinnert euch , wie eure Vorsätze zu Grunde gingen , wenn in der Trennungsstunde die Geliebte bittend vor euch stand ! Fragt euch , ob die Sehnsucht nach der Gegenwart der Geliebten nicht stärker war , als jeder Entschluß , den die Vernunft euch vorgezeichnet hatte ! Nachdem Eduard eine förmliche Einladung zu einem Mittagbrod im Hause der Commerzienräthin erhalten hatte , bei dem er mit vielen der angesehensten Männer der Stadt zusammengekommen war , die ihn kannten und hochschätzten , nachdem die stolze Wirthin es einmal über sich gewonnen hatte , einen Juden als Gast an ihrer Tafel zu dulden , fand es Clara nicht schwer , eine zweite Einladung für ihn zu erwirken , besonders da Ferdinand , nach heftigen Zerwürfnissen mit seinem Vater , seine sogenannte große Tour angetreten hatte , und so lange in London in dem Hause seines Onkels bleiben sollte , als William auf dem Continent verweilen würde . Statt also in ihren Absichten durch Ferdinand gehindert zu werden , fand sie dieselben durch das Zureden ihres Vetters wesentlich gefördert ; und ihre Eltern ließen sich