« » Sie würde parteiisch ausfallen , « entgegnete Feldern ; » Cunigunde ist nicht eigentlich schön , wenigstens glaub ' ich , daß ihre Schwestern schöner sind .... « - » Diable ! sie hat Schwestern ? warum sagtest Du mir das nicht früher ? Du mußt wissen , ich hüte mich sehr , in ein Haus eingeführt zu werden , wo unverheirathete Töchter sind . Man steht oft mit dem linken Fuß noch auf der Schwelle , und soll schon mit dem rechten vor den Altar treten . « » Cunigundens Schwestern sind allerliebst . « » Und sie selbst ? « » Allerliebst wäre keine Bezeichnung für sie . « Es wird eine häßliche , verständige , grundgute Person sein - dachte Mario , und wandte das Gespräch . Bald war das Ziel erreicht . Durch ein Gitterthor , an dem zwei prächtige Linden Wache hielten , ritten sie in einen zierlichen , gartenmäßigen Hof , vor das nette Landhaus , unter dessen um einige Stufen erhöhten Vorhalle Damen arbeitend saßen . Feldern ward freundlich empfangen , und stellte der Frau von Stein und ihren beiden jüngsten Töchtern Graf Mengen vor . Dann fragte er nach Cunigunden . Sie war mit dem Vater in den Weinberg gestiegen , um zu sehen , ob die Trauben noch nicht reifen wollten - was seine einzige , aber ihm durchaus genügende Beschäftigung war . Eben als Feldern sie aufsuchen wollte , kam sie mit dem Vater zurück . Mario stand versteinert bei ihrer Erscheinung . Ist Feldern toll geworden , dachte er , oder will er mich necken ! diese Person soll nicht schön sein ? nicht einmal so schön , wie die beiden kleinen albernen Schwestern ? er ist blind - er ist rasend ! - - Feldern näherte sich äußerst zärtlich der Braut ; aber - war es die Gegenwart des Fremden oder lag es überhaupt in ihrer Weise - sie empfing ihn kühl . Sie machte eine so graziös ausweichende Bewegung , daß es ihm nicht möglich war , sie zu umarmen , und als sie Hand in Hand neben ihm stand , da sah sie ihn zwar recht freundlich an , aber , o weh ! sie sah auf ihn herab , sie war größer als er - vielleicht nur einen halben Zoll , jedoch größer ! - Nun , das wird nimmermehr gehen , dachte Mario . Frau von Stein sprach gescheut , und das ist immer angenehm ; Herr von Stein nur , wenn er gefragt wurde , und das ist bei bornirten Leuten auch angenehm ; Cunigunde fast gar nicht ; ihre Schwestern plapperten so viel wie möglich . Die Conversation stockte nie . Dennoch ward es Mengen nicht behaglich , und er verstand es doch sonst so gut , in jedem Kreise heimisch zu werden ! Eine verstimmte Saite verdirbt das ganze Concert für ein feines Ohr . Cunigunde war diese verstimmte Saite . Ihre Befangenheit , ihre Zerstreutheit wirkte ansteckend auf ihn , den einzigen Unbefangenen des Zirkels . Die Uebrigen mußten wol daran gewöhnt sein . Aber wie konnte der Verlobte es sein ! Wenn das Mädchen meine Braut und immer so zerstreut bei mir wäre , dachte Mario , so würd ' ich um alle Schätze der Welt nicht sie heirathen . Wäre er so verliebt wie Feldern gewesen , er würde sie doch geheirathet haben ! Cunigunde trug einen großen runden Strohhut , dessen breiter Rand Gesicht , Schultern und Nacken fast ganz verschattete . Feldern bat sie , den Hut abzunehmen . » Die Sonne ! « sagte sie ablehnend . Da aber die Vorhalle gegen Osten lag , so fiel kein Sonnenstrahl hinein , und sie setzte hinzu : » Die Mücken ! « » Wie unfreundlich ! « sagte Frau von Stein halblaut . Cunigunde nahm schweigend ihren Hut ab . Sie hatte wunderschönes dunkelbraunes Haar , das sich in schweren Zöpfen um ihre Schläfen legte und sich dann im Nacken zu einem griechischen Knoten verband . Feldern nahm eine Weinrebe , die ihren Hut wie ein Kranz umschlang , und drückte sie auf ihr Haar . Sie sah aus wie Ariadne - aber ohne Verzweiflung über den treulosen Theseus , und ohne Triumph über die Liebe des Bacchus . Sie freute sich nicht darüber , daß der Bräutigam sie reizend fand , sie duldete es ; und nur es dulden heißt : es erdulden . Heißes Roth überflog momentan ihr feines , edles Antlitz und sie warf einen dunkeln melancholischen Blick auf Feldern . Später , als sie und ihr Schmuck unbemerkt waren , machte sie eine rasche Wendung des Kopfs , wodurch die locker hängende Rebe herab fiel . Feldern konnte sich keines Lächelns , keiner Aufmerksamkeit von ihrer Seite erfreuen , aber Mengen konnte es noch weniger . Nicht nur , daß sie nicht sprach - sie sah auch Niemand an . Manche Menschen brauchen gar nicht zu reden , nur zu blicken , und man wähnt eine tiefsinnige Musik zu hören , ein Gemälde des innersten Wesens sich aufrollen zu sehen - solche Magie hat das Auge . Menschen , die reden , ohne aufzublicken , müssen ein hinreißendes Organ oder einen außerordentlichen geistigen Reichthum haben , wenn ihre Rede jenen Eindruck machen soll . Ein unsichtbar Sprechender überzeugt nur halb , und reißt nie hin . Das Antlitz ist wahrer als die Worte . Worte lügen so oft ; eine Miene , ein Lächeln , ein Zucken der Augenwimper oder der Lippe sagen oft das Gegentheil von dem , was das Wort sagt , und offenbaren dadurch die eigentliche Meinung . Das Wort ist ein kluger , berechneter , feiner Zögling des Geistes ; aber der Ausdruck der Bewegung , das Mienenspiel , ist ein Kind der Seele , und die Seele durchschimmert es , wie der Körper ein Musselinkleid durchschimmert . Cunigunde mochte die Absicht haben , ihre Seele zu verhüllen ; dies Spiel gelingt zuweilen denen gegenüber ,