uns dem Hofe wieder einmal zu nähern ; ich selbst werde meine beiden Töchter dort einführen , und sie dem Kaiser und der Kaiserin vorstellen , denn auch Helena hat das dazu gehörige Alter jetzt erreicht . Und nun geh ' , guter Richard , der Fürst wird bald hier sein . Bei Tafel sehen wir Dich wieder , andre Gäste werden heute nicht empfangen , Du aber bist ja gleichsam das Kind vom Hause . Fasse Muth und hoffe auf die Zukunft , wenn Dich der Augenblick drückt . Richard hatte eben noch Besinnung genug , um die ihm abermals gebotne Hand zu küssen , und wankte weit trostloser als er gekommen war zur Thüre hinaus . Oben an der großen Treppe stand er einen Augenblick still , und blickte hinab in den Vorhof . Das Getümmel hatte dort unten wo möglich noch zugenommen , man fing eben an die Packwagen zu beladen , und das Singen , Lachen und Pfeifen der dabei Beschäftigten klang ihm wie der unmenschlichste Hohn . So wie ihm damals , mag dem Verurtheilten zu Muthe sein , der indem er in seinen Kerker zurück geführt wird , das Schafott erbauen sieht . Ihm schwindelte , er hatte weder Muth noch Kraft die Treppe hinab zu gehen , und durch diese Vorbereitungen zur Zerstörung des ganzen Glücks seines Lebens sich abermals hindurch zu drängen , er wandte der andern Seite des Vorsaales sich zu . In Eugens abgelegeneren Zimmern , zu denen das Getöse im Vorhofe nicht dringen konnte , dachte er einige Augenblicke zu verweilen , um sich dort , in der Einsamkeit , einigermaßen wieder zu sammeln . Gut , daß ich Dich treffe ! rief die auf dem Wege dorthin ihm begegnende Amme ihm entgegen : aber wie siehst Du aus ! bist Du krank ? hast Du Fieber ? Richard machte eine verneinende Bewegung , reden konnte er noch nicht . Nun das ist mir lieb , denn zum Kranksein ist jetzt nicht die Zeit , sprach die Amme ; hernach , wenn wir fort sind , magst Du Dich legen und pflegen , zu arg wird es doch hoffentlich nicht mit Dir werden . Ja , ja , dann wird es still genug hier im Hause sein , todtenstill , wie im Grabe ; jetzt ist es desto lauter . Was nur die Großen von ihrer heillosen Art haben mögen , ihre Befehle immer erst in der letzten Stunde von sich zu geben ! so daß man , wenn ' s ans Ausführen gehen soll , nicht Beine genug hat , um alles zu belaufen , und nicht Kopf genug , um alles zu bedenken . Sieh einmal her , wie ich beladen bin , Kaschmirs , Schmuck , Spitzen und Gott weiß was alles noch ; das alles muß auf das Sorgfältigste besorgt werden . Keine Seele von uns hat heute Zeit , Gott helf ' ! zu rufen , wenn die andre niest ; so wird es gewiß bis nach Mitternacht fortgehn , und auf mir liegt alles , ich hab ' es am schlimmsten dabei . In sich selbst versunken setzte Richard , während des unaufhaltsamen Geschwätzes der neben ihm hergehenden Amme , seinen Weg an ihrer Seite fort , ohne ein Wort darauf zu erwiedern . Halt ! rief sie , als er in den Korridor einbiegen wollte , der zu Eugens Zimmer führte , wo willst Du hin ? der junge Fürst ist noch nicht daheim , und auf jeden Fall mußt Du mit mir zu Helenen , mit der heute gar nicht auszukommen ist ; es ist als thäte sie es mir zum Verdruß , damit ich vollends recht rabiat werde . Denke Dir , da sitzt die Kleine in ihrem Zimmer , und rührt sich nicht , und weint , und weint , als wolle sie in Thränen sich auflösen ! Weint , wo Andre vor Freude außer sich gerathen würden ! Die große Kaiserstadt Petersburg ! Hochzeit , Putz , Feste ohne Ende , dem Kaiser , der Kaiserin vorgestellt werden ! Die Sinne vergehen Einem , wenn man sich das alles nur recht denkt . Und was wetten wir , sie kommt als Braut wieder , oder gar nicht ; he ? Richard wurde noch bleicher . Aber was hast Du denn ? rief die Amme ; komm ' doch , ich habe wahrlich keinen Augenblick Zeit . Madame Sommerfeldt ist ausgefahren , um Abschiedsvisiten zu machen , und kommt schwerlich vor Abend wieder , und da sitzt nun Helene ganz allein , und das ist ihr nicht gut . Keine Einzige von uns , nicht einmal ein Kammermädchen , hat in diesem Wirrwarr Zeit bei ihr zu bleiben ; ich am wenigsten , denn wie gesagt , auf mir liegt alles . Du mußt ihr Gesellschaft leisten , mache Musik mit ihr , das wird sie aufheitern ; und rede ihr zu , lieber Sohn , sie hat immer viel auf Dich gehalten , gewiß Du vermagst alles über sie . Rede ihr zu , damit sie sich fasse , und mir nicht etwa mit dickgeschwollnen Augen an die Tafel kommt ; die Fürstin ist heute ohnehin nicht eben in der göttlichsten Laune . Unter diesem Geplauder der Amme waren sie an die Thüre von Helenas Vorzimmer gelangt . Die Amme öffnete dieselbe , schob Richard hinein , machte hinter ihm wieder zu , und eilte davon , um über die mit Einpacken beschäftigte weibliche Dienerschaft das Regiment zu führen . Überwältigt vom ersten Sturme in ihrem Frühlingsleben , war Helene bei Richards unerwartetem Anblicke , von ihrem Sopha herabgleitend , mit einem kleinen Schrei in seine Arme gesunken ; sie hielt seinen Nacken umschlungen , wie er neben ihr kniete ; das liebliche Köpfchen lehnte an seiner Brust , er fühlte das Wehen ihres Athems , das bange heftige Klopfen ihres Herzens , er sah , dicht vor seinen Augen , das schöne Gesicht von Thränen überströmt ,