diese Weise standen die Personen eine geraume Zeit in der wunderlichsten Situation gegeneinander , indem eines das andere mit mehr oder weniger Falschheit , mit mehr oder weniger Leidenschaft zu hintergehen bemüht war . Nolten kam um so weniger in Versuchung , dem Schauspieler den wahren Grund seiner Entfremdung von der Braut zu entdecken , da dieser nicht weiter in ihn drang , indem er , vielleicht von eigenen Erfahrungen in der Liebe ausgehend , alles nur einer ekeln Lauheit zuschrieb , wogegen kein anderes Heilmittel sei als die Zeit , von der er denn auch mit größter Zuversicht das Beste hoffte , wenn nur sein Freund , erst anderwärts durch leichten Schaden klug geworden , die Ansicht mit ihm teilen gelernt hätte , daß die verfeinertsten Reize der weiblichen Welt keinen Ersatz für ein so seltenes Gut gewähren , als jenes einfache Mädchen nach der Überzeugung des Schauspielers war . Wenn also zwischen beiden Freunden die Sache nur sehr wenig berührt wurde , so fehlte es gleichwohl nicht an Auftritten wie der , dessen sich der Leser vielleicht noch von jener Neujahrsnacht erinnert , wo übrigens unser Maler von einer offenen Darlegung der Umstände nur noch durch die Furcht abgehalten ward , der Schauspieler möchte ihm ins Gewissen reden , und das zur höchsten Unzeit , da ihm in Constanzen ein neues herrliches Gestirn aufging . Länger als gewöhnlich entbehrte Theobald die Gelegenheit das Zarlinsche Haus zu besuchen . Der Graf und Constanze hatten eine längst vorgehabte Reise zu einer Verwandten ausgeführt . Zwölf Tage verstrichen ihm unter leeren Zerstreuungen , unter der peinlichsten Unruhe , denn frühe genug hatten sich verschiedene Zweifel über das hohe Glück bei ihm eingestellt , das er sich vielleicht zu voreilig aus dem sonderbaren Vorfall in jener Ballnacht gedeutet haben konnte . Daß Constanze unlängst in seiner und anderer Freunde Gegenwart , als eben von der Blumensprache die Rede war , aus Gelegenheit eines blühenden Granatbaums das feurige Rot desselben für das Symbol lebhafter Neigung erklärt hatte , indem sie sich dabei schalkhaft geheimnisvoll auf das Urteil Noltens als » besonders passionierten Kenners « vorzugsweise berief , und daß ihm eine Woche später von unbekannter Hand ein solcher Strauß war angeheftet worden , konnte sehr leicht bloße Neckerei des Zufalls sein , oder wohl gar - und dieser Meinung sind wir selbst - der Schelmstreich einer lustigen Person , welche nicht nur jenen Ausdruck der Gräfin mit angehört , sondern auch dem Maler seine schwache Seite längst mochte abgelauscht haben . Er befand sich deshalb in der größten Ungewißheit ; nur soviel schien ihm bisher ausgemacht , daß die Gräfin damals auf dem Balle gewesen , und jetzt erst fiel ihm ein , sich näher zu erkundigen . Aber auch wenn er manchmal sich selbst geflissentlich die vielverheißende Bedeutung jenes Zeichens ausredete , wenn er alles verwarf , was er sich sonst zu seinem Vorteil ausgelegt , so konnte er am Ende bei jedem Blick in sein Inneres bemerken , daß ein unerklärlicher Glaube , eine stille Zuversicht in ihm zurückgeblieben war , und er nahm sodann diese wundersame Hoffnung gleichsam wieder als ein neues Orakel , dem er unbedingt zu vertrauen habe . So eigen pflegt der Geist mit sich selber zu spielen , wenn jene träumerische Leidenschaft uns beherrscht . Endlich kam der Abend , der den auserlesenen Zirkel wieder in das Haus des Grafen lud . Mit bangen Empfindungen schritt Nolten , gegen die kalte Winterluft dicht in den Mantel gehüllt , an der Seite seines Freundes Larkens nach der geliebten Straße zu . Aber sie sahen die Jalousiefenster , deren sanft durchscheinendes Licht den kommenden Gästen sonst schon von weitem ein wohl erwärmtes , fröhlich belebtes Zimmer versprach , diesmal nicht erhellt , und schon besorgten sie eine widrige Täuschung , als der Bediente , der im untern Hausflur die Mäntel , Degen und Stöcke der Herren abzunehmen hatte , sie hinten durch den Garten nach dem Pavillon wies , dessen erleuchtete Glastüren auch wirklich schon von ferne die glänzende Gesellschaft zeigten . Sie traten in einen angenehmen , geräumigen , halbrunden Saal , dessen Wände rings mit Spiegellampen versehen waren . Maler Tillsen und der wunderliche Herr Hofrat sind die ersten , von welchen unser Freund sogleich ins Gespräch gezogen wird . Die schöne Hauswirtin , von einer Menge Damen umringt , schien sein Eintreten anfangs nicht zu bemerken , aber während Theobald zuweilen mit rechter Ungeduld hinüberschielte nach den freundlich beredten Lippen , nach dem stets gefällig mitnickenden Köpfchen , glitt zufällig ihr Blick über die versammelten Gruppen hin und eine gütige Verbeugung gegen Nolten setzte dessen Lebensgeister auf einmal in eine muntere , mit aller Welt ausgesöhnte Bewegung . Der Graf kam indessen mit einer Rolle Papier herbei und flüsterte : » Hier meine Herren - wir könnten später nicht mehr so leicht dazu kommen - eine neue Zeichnung in Tusch von unserer eigensinnigen Künstlerin , die uns gerne alles versteckte und verschöbe - aber diesmal hab ich selbst einigen Anteil an dem Lobe , das Sie ihr gönnen werden ; die Idee ist , sozusagen , hälftig mein . « Er wollte eben das Blatt entrollen , als ihm von hinten eine zarte Hand in die Finger griff - » Erlauben meine Herren ! « sagte die herbeigeeilte Schwester , merklich errötend , » es ist billig , daß ich die Sache selbst vorzeige : - zu seiner Zeit , heißt das ! « setzte sie lachend hinzu und eilte mit dem Blatte nach dem Schrank , wo sie es trotz aller Einsprache der Anwesenden rasch verschloß . Sie verschwand in einem Kabinett , nach dem Tee zu sehen . Wenn sie so auf Augenblicke abwesend war , so mochte Theobald gerne im ruhigsten Anschauen ihres geistigen Bildes das Auge auf irgendeinen der leblosen Gegenstände heften , mit dem ihre Person noch soeben in Berührung gekommen war . So stand auf einem schmalen Mahagonipfeiler an der Wand eine offene Kalla in buntgemaltem Topfe , der