ihn immer tiefer in das wunde Herz , während wir uns alles verhehlen , was ihn sänftigen könnte . Und so kommen wir bald dahin , in fruchtlosem Mitleid mit uns selbst zu vergehen , und kein Strahl aus der helleren Wirklichkeit erleuchtet mehr die sternlose Nacht , die wir selbst immer dichter und dichter um uns und unser Geschick ziehen . So war es auch mit Gabrielen ; aber keiner von den Wenigen , die an ihr Theil nahmen , konnte vor dieser Gefahr sie warnen , denn allen blieb sogar das Daseyn ihres Tagebuchs ein Geheimniß und mußte seiner Natur nach es bleiben . Alle Abende , an denen Feste und Lustbarkeiten ihre Hausgenossen entfernt hielten , brachte Gabriele bei der Frau von Willnangen zu . Das Gefühl , mit welchem die edle Frau zuerst der Tochter Augustens entgegen kam , hatte sich bald in wahrhaft mütterliche Liebe zu dem verwaisten Mädchen umgewandelt , und oft betrachtete sie es mit ängstlicher Sorge . Ihrem tief eindringenden Blick entging es nicht , daß Gabriele von einer einzigen , vielleicht ihr ganzes künftiges Daseyn bestimmenden Empfindung beherrscht ward , aber vergebens strebte sie , den Gegenstand ihrer jugendlichen Neigung zu entdecken , denn bis jetzt hatte sie in Ottokars Gegenwart sie fast nie gesehen , auch kannte Frau von Willnangen Letztern ohnehin nur oberflächlich , da er so ganz zu den nächsten Umgebungen der Gräfin Rosenberg gehörte . Ahnendes Vorgefühl ließ sie wenig Erfreuliches für Gabrielens Zukunft hoffen , desto fester aber begründete sich der Vorsatz in ihrem Gemüth , dieses so vereinzelt und hülflos dastehende anmuthige Wesen in keinem des Trostes bedürfenden Moment zu verlassen , und bei Gabrielen , wie ehemals bei Ferdinand , an die Stelle der früh verklärten Auguste zu treten , so viel die Möglichkeit dieß erlaubte . Im nähern Umgang mit ihrer welterfahrnen Freundin ward Gabrielens Blick in das Leben allmählich immer mehr erweitert . Blieb sie allein mit ihr und Augusten , so verlebte sie Abende , während welchen sie sich in ihre frühere Zeit auf Schloß Aarheim wieder versetzt glaubte . Musik , gemeinschaftliches Lesen , vertraulich heitres Gespräch und Uebung mancher weiblichen Kunst liehen den Stunden dann Flügel . Oft aber erweiterte sich auch der kleine Kreis durch das Hinzukommen mehrerer Freunde der Frau von Willnangen , und freie , frohe Mittheilung belebte dann die kleine Gesellschaft . Gabriele fühlte sich in ihr weit heimischer als im Hause ihrer Tante , aber sie vermochte es doch noch nicht , ihr zurückhaltendes Wesen im Beiseyn Mehrerer ganz abzulegen , und blieb darum gewöhnlich nur eine stumme , wenn gleich fröhlich theilnehmende Zuhörerin . So verging der Anfang des Winters ; immer näher kam das neue Jahr , welches bestimmt war , Gabrielen diesen stilleren Freuden zu entreißen , um sie in größere Zirkel einzuführen . Sie sah ihm deshalb mit bangem Widerstreben entgegen . Eines Abends ward die Gesellschaft weit größer und glänzender als gewöhnlich , viele , die sonst mitten im Geräusch lebten und selten Frau von Willnangen besuchten , traten nach und nach in ihr Zimmer , denn ein ungewöhnlich spät anfangender Ball ließ ihnen zufällig den Abend frei , und sie benutzten diese Gelegenheit , sich vorher hier zu versammeln , wo sie die Frau vom Hause immer zu finden gewiß waren . Unter mehreren Personen , welche Gabriele schon im Hause ihrer Tante gesehen hatte , erkannte diese vorzüglich die Gräfin Eugenia und den jungen Mann , welcher den Antonius vorgestellt hatte ; ganz zuletzt kam auch Ernesto hinzu und mit ihm Ottokar . Frau von Willnangen wurde Gabrielens Erschrecken bei Ottokars Eintritt , ihr hohes Erröthen und eben so plötzliches Erbleichen gewahr , und das bis dahin vergebens gesuchte Geheimniß des jungen Herzens lag nun entschleiert vor ihrem Blick . Ihre Ansicht von Gabrielens Zukunft klärte sich auf , denn ohne Ottokarn genau zu kennen , wußte sie doch genug von ihm , um ihn günstig zu beurtheilen . Zum erstenmal fiel es ihr ein , daß er und Gabriele in einem Hause lebten ; daß die ihr eigne Liebenswürdigkeit bei diesem steten Zusammenseyn sich ihm offenbaren müsse ; und daß auch er von ihr sich bald mächtig angezogen fühlen würde , schien ihr gewiß . Sie beschloß daher , von nun an Ottokarn genauer zu beobachten , und keine Gelegenheit dazu entschlüpfen zu lassen . Der Gedanke , Gabrielen recht bald unter dem Schutz , am liebenden Herzen eines edlen Mannes zu sehen , war ihr zu tröstend , zu erfreulich , als daß sie sich nicht hätte geneigt fühlen sollen , auf das Thätigste dazu mitzuwirken , sobald die Gelegenheit sich darbot . Fürs erste aber wollte sie sich auf bloßes Bemerken beschränken . Das Gespräch wandte sich diesen Abend sehr bald wieder auf die Tableaus bei der Gräfin Rosenberg . Als die ersten und bis jetzt einzigen , welche man hier gesehen hatte , waren diese Darstellungen noch unvergeßlich , und in den Gesellschaften ward viel herüber und hinüber , preisend und tadelnd , darüber gesprochen . Gräfin Eugenia fand es seit jenem Feste für gut , überall so wie hier , als die erklärteste Widersacherin dieses neuen geselligen Vergnügens aufzutreten . » Ich war herzlich froh , « sprach sie , » als ich einen schicklichen Vorwand ersonnen hatte , mich von der Theilnahme davon loszumachen . Nie hätte ich es ausgehalten ; mich bewegungslos von mehr als hundert Augen anstarren zu lassen , dazu gehört ein Grad von Muth , welchen ich mich wenigstens nicht rühmen darf zu besitzen . « » Und doch waren Sie so gütig , uns auf unserm Privattheater recht oft durch ihre Erscheinung zu entzücken , « wandte mit einer höflichen Verbeugung der Antonius jenes Abends ein . » Das ist ja ganz etwas anderes , « erwiederte Eugenia , » dort auf den Bretern bin ich nicht mehr ich , die Dichtung , die Kunst reißen mich hin , ich sehe die Zuschauer und ihre Blicke